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Ausstellungsbesprechung

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Wasser~Fälle. An Rhein und Maas
Ausstellung der EUROGA 2002plus im Medienhafen Düsseldorf,
15.06. - 13.10.2002
Öffnungszeiten: Sa - Do 10 - 18 h, Fr 10 - 21 h
Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 4 Euro

Katalog:
Wasser~Fälle. An Rhein und Maas. Katalog zur Ausstellung im Medienhafen Düsseldorf, 15. Juni - 13. Oktober 2002 / Feuer & Flamme-Ausstellungsgesellschaft mbH, hrsg. von Ulrich Borsdorf und Jürg Steiner im Auftrag der EUROGA 2002plus GmbH Düsseldorf, Essen: Pomp, 2002.
(382 Seiten, 19,80 EUR)

Rezensiert für H-Museum und Virtual Library Museen von
Stefan Nies M.A., Dudde+Nies GbR Geschichtswissenschaft - Ausstellungen -
Konzepte - Recherchen, Dortmund
Email: Stefan.Nies@epost.de


"Wasser~Fälle. An Rhein und Maas" ist die Zentralausstellung der EUROGA 2002plus (2. REGIONALE des Landes NRW), an der sich grenzüberschreitend im Raum Düsseldorf / Mittlerer Niederrhein und in den niederländischen Gewesten Noord- und Midden-Limburg zahlreiche Kreise, Städte und Gemeinden mit über 120 Projekten beteiligen. Die Ausstellung ist jedoch keine rein regionalgeschichtliche, auch wenn die beiden Flüsse Rhein und Maas und die von ihnen umgrenzte deutsch-niederländische Region im Mittelpunkt stehen. Vielmehr umfasst sie ein breites kultur- und technikhistorisches sowie naturkundliches Themenspektrum rund um das Wasser. Mit der Konzeption und Realisation wurde die Ausstellungsgesellschaft "Feuer & Flamme" betraut.

Ausstellungen dieses Büros finden stets an ungewöhnlichen Orten statt. Handelte es sich beim Gasometer in Oberhausen ("Feuer & Flamme", 1994/95, "Der Ball ist rund", 2000) und der Kokerei Zollverein ("Sonne, Mond und Sterne", 1999/2000) um Industrieanlagen, deren Inneres geschickt zu Ausstellungsräumen umgestaltet wurde, so ließ das Team um Ulrich Borsdorf und Jürg Steiner diesmal vier zur Verschrottung anstehende Schubleichter (antriebslose Transportschiffe) aus Ostdeutschland in den Düsseldorfer Rheinhafen bringen. Freilich mussten diese mit Oberdecks versehen, durch Galerien verbunden und überdacht werden, sodass sich ihr äußeres Erscheinungsbild stark veränderte. Im Innern verweisen der wellige Boden, unebene Wände sowie Kratzspuren von Baggergreifern auf die vorherige Nutzung der Schubleichter zum Transport von Schüttgut. Besonders die rostige Oberfläche von Wänden und Boden erzeugt eine Atmosphäre, die eigentümlich zwischen "warm" und "kühl" changiert und in einem gewöhnlichen Ausstellungsraum nur schwer zu erzeugen wäre.

Architektur, Materialien und Gestaltung der Ausstellung unterstützen den Raumeindruck. Scheinbar freischwebende Großexponate - darunter Schulterblatt und Unterkiefer eines Wals -, der weitgehende Verzicht auf Passepartouts in den Glasrahmen der präsentierten Bilder, Grafiken und Archivalien sowie die Verwendung von Glas und Stahl für Vitrinen und Einbauten ermöglichen zahlreiche Durch- und Einblicke. Gleichzeitig erzeugt das Arrangement der Vitrinen und Ausstellungsflächen gleichmäßige Linien und Strukturen. In den drei bespielten Schubleichtern - der vierte nimmt Garderobe und Café auf - wird vor allem die Längsrichtung der Ladefläche betont: so durch rechteckige Felder, ausgefüllt mit nach Körnungsgröße sortiertem Geröll und Kies; durch 30 Leuchtvitrinen, die in drei parallelen Reihen aufgestellt sind und ein Herbarium präsentieren; sowie durch sehr lange Vitrinen wie die für eine 24 m lange, normalerweise aufgerollte, handgezeichnete Navigationskarte vom Rheinabschnitt Ludwigshafen - Blankenburg. Gleichartige Exponate sind stets gleichmäßig angeordnet, dadurch wird der Eindruck ihrer Vielzahl unterstützt. Zuweilen ist jedoch der inhaltliche Zusammenhang bestimmter Exponate durch die räumliche Anordnung nicht sofort erkennbar.

Dies leitet über zur Konzeption, die die Ausstellung prägt: Als Medium "vergnüglicher Erkenntnis" verstanden (Ulrich Borsdorf, Katalog, S. 19), wird sie nicht didaktischen Kriterien unterworfen; ebensowenig sind chronologische Abläufe oder eine wissenschaftlich-systematische Gliederung Prinzipien ihrer Konzeption. An erster Stelle steht das ästhetische Erlebnis, das sinnliche Zusammenspiel von Ort und Exponaten, das unterstützt wird durch die Ausstellungsarchitektur - und durch die Sprache. Das "sprachlich-assoziative Konzept" (Borsdorf, ebd.) beginnt bereits beim Ausstellungstitel, geht es doch nicht um Wasserfälle wie den Rheinfall bei Schaffhausen. Vielmehr soll das "Wasser in seine Fälle zur Kulturgeschichte und Naturkunde, zur Technik und Wirtschaft neu dekliniert" werden, wie es die Geschäftsführer der EUROGA 2002plus einführend umschreiben (Katalog, S. 9).

So gelingt es, eine Vielzahl von Themen und Geschichten zu verbinden, die um das Wasser kreisen - und es ist erfreulich, dass sich das wissenschaftliche Team dabei nicht zur Beliebigkeit hat verleiten lassen. Den Besuchern wird es jedoch nicht immer leicht gemacht: Will man nicht nur einfach den Titel wiederholen, ist es schwierig, knapp zu umschreiben, was denn nun "das" Thema der Ausstellung ist. Die Bezeichnungen der Hauptbereiche Wasserseelen, Wasserbetten, Wasserwunder, Wasserleben und Wasserfrachten erleichtern dies genauso wenig wie die der untergeordneten Ebenen. Die Zuordnung von 200 Proben aus Gewässern des Rhein-Maas-Gebietes beispielsweise, die die Farbvielfalt des Wassers je nach Inhalt an Schwebstoffen vorführen, zum Bereich "Wasserseelen" zeigt die Grenzen des sprachlich-assoziativen Konzepts auf, funktioniert es doch zuweilen nur mit Erklärung: Die "Wasserproben", so Ulrich Borsdorf im Katalog, S. 57, "tragen ihren Ursprungsort als Seele in sich und haben deshalb die vielfältigsten Namen".

Unter "Wasserseelen" (1. Bereich) begegnen den Besuchern neben den bereits erwähnten Wasserproben und der auf die gesamte Ausstellung verteilten "Wasserkunst" Flussgottheiten, Nymphen und Tritonen auf Altären, Weihesteinen oder den Kartuschen alter Flusskarten. Maas und Rhein werden versinnbildlicht durch die beiden Flussgötter "Mosa" und "Rhenus", die der Kartograf Blaeu 1642 sich die Hände entgegenstrecken, aber nicht berühren lässt, wie auch der Kanal vom Rhein zur Maas nicht vollendet worden war. "Wasserbetten" (2. Bereich) meinen zunächst die Flussbetten und ihre Geologie. Zudem wird die Geschichte des Hochwassers facettenreich dargestellt - von Zeugnissen der Johanna-Sebus-Verehrung (einer selbstlosen Lebensretterin) bis hin zu einer Flasche "1993er Weihnachtshochwasser" aus dem überfluteten Schürmannbau, dem damals im Bau befindlichen Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages in Bonn. Vorgestellt werden verschiedene Kanalprojekte, darunter zur Verbindung von Rhein und Maas oder anderer deutscher und niederländischer Flüsse, und am Beispiel von Schloss Wissen Wasserburgen. Wolkenbilder (Schwarzweißfotografien von 1920 bis 1955) richten den Blick weg vom Wasser der Flüsse in den Himmel.

Feste und Spiele auf und am Wasser, der Karneval (Narrenschiff), der Mythos vom "Vater Rhein" bis hin zu Wagners "Ring des Nibelungen" leiten den dritten Ausstellungsbereich "Wasserwunder" ein. Die Ausstellung geht hier zudem religiösen Bezügen des Wassers nach und präsentiert Exponate aus Wallfahrtsorten. Eine mehretagige Hochvitrine, die vom Oberdeck bis in einen Brunnen im Unterdeck reicht, stellt die Verbindung zwischen sakralen Wassergefäßen für Taufe, Weihe und Reinigung und profanen "Wasserkörpern" her und lässt dieses Thema damit an den vierten Bereich "Wasserleben" anschließen. Neben einem Herbarium werden hier über 40 Präparate von am Niederrhein rastenden Zugvögeln gezeigt, während darunter in Alkohol konservierte Fische aus Rhein und Maas zu betrachten sind. Hier gelingt durch die erzeugten visuellen Eindrücke die Ästhetisierung biologischer Sammlungsobjekte.

Ähnlich an der Wand gegenüber den Präparaten: Zahlreiche Fragmente von Wasserleitungen aus unterschiedlichen Zeiten und Materialien sind aneinandergereiht. Sie gehören neben vielen anderen Exponaten zur Geschichte der Wasserversorgung. Daran schließt sich das "Wasserleiden" an. Die industrielle Wasserverschmutzung wird exemplarisch am Umgang mit Beschwerden vom Anfang des 20. Jahrhunderts dargestellt. Ein Giftschrank mit 55 Chemikalien der in Rhein und Maas vorkommenden Schadstoffe aus dem Jahr 2002 macht indessen die Aktualität der Wasserverschmutzung plastisch. Wie wichtig das Wasser für das menschliche Wohlergehen ist, wird in "Wasserfreuden" deutlich, einer sehr abwechslungsreichen Präsentation der Badekulturen von der Antike bis heute. Als eine Art musée sentimental finden schließlich die "Wasserpflichten" ihren Platz in einem Wasserbecken mit schwimmenden Vitrinen: Darin repräsentieren Objekte vom Schlauchverbindungsstück (Feuerwehrmann) bis zum Koffer mit Modellschiffen zur Nachstellung von Schiffsunfällen (Schiffssachverständiger) die unterschiedlichsten Wasserberufe.

Im letzten Schubleichter (5. "Wasserfrachten") ist der zentrale Bereich nicht so eindrucksvoll gestaltet wie in den beiden vorherigen, der Raum wirkt daher eher karg. Unter den Treppen gehen dort die "Wasserkräfte" ein wenig unter. Um so eindrucksvoller sind fast hundert Schiffsmodelle - Segelschiffe, Dampfschiffe, Dieselschlepper, Tankschiffe, Militärschiffe..., sämtlich im Einsatz auf Rhein oder Maas - in einer riesigen Vitrine ausgestellt, die fast eine ganze Seitenwand ausfüllt. Neben der Ausflugsschifffahrt fehlt auch die Geschichte des Brückenbaus und der Brückenzerstörung nicht. Die Ausstellung endet schließlich mit 16 Modellen der heutigen Rhein- und Maasbrücken, leider ohne Nennung der zum Teil namhaften Architekten.

Die Ausstellungsmacher haben einen qualitativ und quantitativ beachtlichen Exponatebestand zusammengetragen, vom antiken Ausgrabungsfund über mittelalterliche Kunstwerke bis zu alltäglichen und skurrilen Gegenständen aus jüngster Zeit. Zum überwiegenden Teil werden Originale und nur in Ausnahmen Nachbildungen verwendet. Das Leihgeberverzeichnis umfasst namhafte niederländische und deutsche Museen. Zudem präsentiert die Ausstellung moderne Kunst, zum Teil für die Ausstellung hergestellte Arbeiten, darunter die farbenfrohen und materialreichen "Fundstücke von Rhein und Maas", die Ursula Stadler an den Flussufern gesammelt hat. Dass nicht exakt vorauszusehen sei, wie sich das feuchte Raumklima auf einige Objekte, besonders papierene, auswirken werde, räumt Jürg Steiner ein (Katalog, S. 27). Es bleibt zu hoffen, dass die Karpfen, die die Besucher als "Fliegende Fische" (Kunstwerk von Klaus Rinke, 2002) in einem Ringaquarium in 2,40 Meter Höhe zu Beginn der Ausstellung begrüßen, das "ständig durchlaufende, frische Rheinwasser" unbeschadet überstehen und nicht in ähnlicher Agonie enden wie die Äsche, deren Todeskampf der Videofilm Peter Aschwandens (1987) drastisch vorführt: Ihrem Wasser setzte er die Chemikalien zu, die nach der Brandkatastrophe 1986 beim Chemiekonzern Sandoz in den Rhein gelangten.

Zur Ausstellung ist ein 382-seitiger Katalog erschienen, der die Exponate verzeichnet und neben fundierten Begleittexten zu den Ausstellungsbereichen ergänzende Beiträge zur Kultur- und Literaturgeschichte des Wassers ("Wasser-Bilder", Hartmut Böhme), über die Geschichte der Wasserwege im Rhein-Maas-Gebiet (Irmgard Hantsche) und zum Wasser in der Kunst (Ulrich Hermanns) beinhaltet. Im Anhang findet sich unter anderem ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Ausstellung und Katalog hätten es verdient, besser bekannt gemacht zu werden. Denn "Wasser~Fälle" ist eine sehenswerte Ausstellung, die von den vielseitigen Exponaten und eindrucksvollen Raumbildern getragen wird. Erfreulich ist der geschickte Einsatz elektronischer Medien, die, wiewohl vielfach vorhanden (mehrere Videos, darunter eine visuelle Darstellung der Flussverlaufsgeschichte von Rhein und Maas sowie ein Touchscreen mit Informationen zu den Schiffsmodellen), an keiner Stelle dominant wirken. Dies gilt auch für den Text: Obwohl alle Ausstellungsbereiche durch Texte eingeführt werden (die Haupttexte sind ins Niederländische übersetzt) und auch jedes Exponat mit einem Erläuterungstext versehen ist, tritt der Text optisch angenehm in den Hintergrund. Die assoziativen Bezeichnungen der Ausstellungsbereiche sind zunächst nicht leicht nachvollziehbar. Aber auf den zweiten Blick erschließt sich, dass die unter den sprachlichen Schöpfungen verborgene Gliederung faszinierende Zugänge zur Geschichte und Gegenwart des Wassers ermöglicht.


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Dokument erstellt am 4.9.2002