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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Stephanie Marra
Historisches Institut, Universität Dortmund

Die Frau in Weiss
Die Geschichte des bürgerlichen Brautkleids von 1800 bis heute

Rheinisches Industriemuseum,
Textilfabrik Brügelmann in Ratingen
22. April 1999 bis 5. September 1999,
ab Mai 2000 im Rheinischen Industriemuseum Engelskirchen

Begleitheft:
Die Frau in Weiss
Die Geschichte des bürgerlichen Brautkleids von 1800 bis heute,
Ratingen 1999, DM 8,50


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Die derzeit noch in Ratingen und im kommenden Jahr in Engelskirchen gezeigte Sonderausstellung des Rheinischen Industriemuseums widmet sich einem zentralen Punkt im bürgerlichen Leben – der Hochzeit. Für die bürgerliche Frau besass in diesem Zusammenhang gerade auch das Hochzeitskleid eine besondere, mit vielen Mythen und Symbolen verknüpfte Bedeutung. Neben den gezeigen 40 Brautkleidmodellen und zugehörigen Accessoires zeigt die Ausstellung anhand zahlreicher Bild – und Fotomaterialien die kulturhistorische Bedeutung und Entwicklung der Brautmode von 1800 bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung beginnt im Gartensaal des im 18. Jahrhundert erbauten Herrenhauses Cromford, einer der ältesten Fabrikanlagen in Deutschland. Brautkleider des 19. Jahrhunderts, Graphiken des zeitgenössischen Modegeschmacks sowie faksimilisierte Eheverträge dokumentieren den Wandel vom ursprünglich farbigen und alltäglichen Gesellschaftskleid zum speziellen Hochzeitskleid. Weiss als vorherrschende Farbe von Brautkleidern, gleichzeitiges Symbol für Unschuld und Reinheit, ist auch im nachfolgenden Raum das zentrale Thema. Myrthen- und Orangenblütenkränze, Strumpfbänder, der obligate Brautschleier sowie besondere Handschuhe, Schuhe und Fächer zeigen mit weiteren Exponaten das symbol- und klischeehaft beladene Hochzeitsbrauchtum auf, das bis in die heutige Zeit teilweise unverändert tradiert wird. Im Vorraum zum Gartensaal befindet sich im übrigen die Möglichkeit, die Thematik auch multimedial durch eine "Zeitreise der Braut von der Antike bis zur Gründerzeit" an einem PC-Bildschirm nachzuerleben.

Um in die weiteren Ausstellungsbereiche zu gelangen, muss der/die BesucherIn in die unmittelbar angrenzende ursprüngliche Textilfabrik wechseln. Dort befinden sich in den oberen Stockwerken zwei Wechselausstellungsbereiche, die chronologisch geordnet sind. Der erste Raum ist der Brautmode von der Wilhelminischen Kaiserzeit bis in die 1930er Jahre gewidmet. Eine Fülle von ausgesuchten Exponaten, besonders aber die grösstenteils originalen Brautkleider, vermögen in ihrem Entwicklungs- und Erhaltungszustand die Aufmerksamkeit der BesucherInnen zu fesseln. Ein kleiner gesonderter Bereich dient als "Kinoraum", in dem amerikanische Filmsequenzen (vornehmlich der 1930er bis 1950er Jahre) den "schönsten Tag im Leben" nachzuvollziehen versuchen.

Der zweite Ausstellungsbereich beginnt mit dem staatlich und ideologisch reglementierten Vollzug der Ehe im Nationalsozialismus. Eine kritische Reflexion erfolgt dabei anhand von Exponaten (Mutterkreuz, Ahnenpass, etc.) und einem originalen Hochzeitskleid aus der Zeit um 1940. Bruchlos leitet dieser Themenkomplex zu den 1950er Jahren und die sog. Sixties über. Besonders die letzte Zeitspanne wird in der Ausstellung als Zäsur im bürgerlichen Frauenbild definiert. Die Abwendung von traditionellen Brautkleidern und Hochzeitsbrauchtümern, die die Rolle der Frau als unselbstständige Mutter, Erzieherin und Hausfrau schon vor der Hochzeit festgelegt hatten, bestimmte dann auch die Entwicklung in den 1970er Jahren. Bunte Hochzeitskleider, aussergewöhnliche Designs und ein neues gesellschaftspolitisches Selbstverständnis der Bräute liessen Althergebrachtes mit Impulsen aus Kunst, Politik und Kultur verschmelzen.

Eine erneute Hinwendung zu traditionellen und romantisch verklärten Heiratsformen manifestierten sich vor allem in den frühen 1980er Jahren, vor allem durch die medienwirksame Hochzeitszeremonie des britischen Thronfolgers mit Lady Diana Spencer. Dieser eigentlich als Rückschritt zu bezeichnende Wandel ging einher mit einem neu definierten, aber dennoch tradierten Frauenbild, das in breiten Bevölkerungsschichten und konfessionell gebundenen Kreisen grossen Zuspruch fand (und findet). Dieses Bild wird auch von einigen in der Ausstellung präsentierten Brautkleid-Entwürfen aus dem gegenwärtigen Modetrend als Rückgriff auf die "gute, alte Zeit" gespiegelt. Hochzeitskleider im Stil des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts sollen den Trägerinnen in romatisch verkleideter Weise eine idealisierte Vorstellung der Hochzeit und des Ehelebens vermitteln. Angesichts der steigenden Scheidungsraten und unglücklichen Ehen ein doch bemerkenswerter Modetrend, der seit den 1980er Jahren ebenfalls in zahlreichen Fernsehshows gepflegt wird. So schliesst diese Ausstellung mit einer Vitrine, die Gegenstände aus dem Besitz eines Ehepaares zeigt, das in der Sendung "Flitterabend" als Gewinner hervorgegangen war. Es bleibt zu hoffen, dass beide nicht nur im Fernsehen das grosse Los gezogen haben. Insofern verbindet die Ausstellung in gut aufbereiteter Weise Vergangheit mit Gegenwart.

Insgesamt betrachtet bietet diese Ausstellung neben einer Reihe von herausragenden Exponaten auch einen gewinnbringenden kultur- und gesellschaftshistorischen Überblick, besonders hinsichtlich der Entwicklung des Frauenbildes und der weiblichen Handlungsspielräume. Vom technischen Standpunkt gesehen, zeigt die Ausstellung eine saubere und qualitativ hochwertige Präsentation. Die Textafeln bestehen aus unterschiedlich eingefärbten und fotografisch sowie drucktechnisch ausgezeichnet gearbeiteten Vorlagen. Sie korrespondieren mit den farblich gleichartigen Bereichsplakaten mit thematisch entsprechenden Hintergrundgrafiken. Der Informationsgehalt und die Ausführung der Ausstellungstexte ist durchweg ausreichend und nicht überladen. Besonders hervorzuheben ist auch die Dokumentation von einzelnen Hochzeitskleidern durch entsprechende Fotografien und Schriftquellen. So wird die spezifische Geschichte eines Brautkleides anhand der Dokumentation nachvollziehbar. Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet auch regelmässige Führungen (z.B. Sonntags, 11 Uhr) an. Die Rezensentin hatte die Möglichkeit, an einer solchen Führung (durch Frau C.E. Andritsch) teilzunehmen, die ebenso wie die Ausstellung die Kulturgeschichte mit der Textilhistorie in informativer wie auch unterhaltsamer Weise zu verknüpfen wusste.

Das Fazit lautet: ein Besuch dieser Ausstellung lohnt sich auch für "Heiratsunwillige" und Nicht-Fachleute, vor allem aber für HistorikerInnen. Deshalb ist es erfreulich, dass die Ausstellung auch im nächsten Jahr nochmals im Rheinischen Industriemuseum Engelskirchen zu sehen sein wird.

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© Stephanie Marra
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 8.8.1999