VL Museen

Ausstellungsbesprechung

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Die Entdeckung der Welt - Die Welt der Entdeckungen.
Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer

27. Oktober 2001 bis 13. Januar 2002
Künstlerhaus, 1010 Wien, Karlsplatz 5
Eingang über das Künstlerhauskino, Akademiestrasse

Öffnungszeiten täglich von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 20 Uhr
Eintrittspreise: Erwachsene ATS 120,- (EURO 8,70); diverse Ermässigungen
Führungen täglich 11 und 16 Uhr, Donnerstag 11, 16 und 18 Uhr

Katalog: "Die Entdeckung der Welt - Die Welt der Entdeckungen. Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer", hrsg. v. Wilfried Seipel, Wien/Milano: Skira editore 2001; ATS 570,-

Rezensiert für "Museums Professionals" und VL Museen von:
Dr. Ruth Koblizek <ruthkoblizek@hotmail.com>
Universität Wien


Die Erforschung der Erde wird heute kaum mehr mit Österreichern in Verbindung gebracht. Obwohl die k. u. k. Monarchie als Kolonialmacht in Übersee relativ unbedeutend blieb, ist erstaunlich, wie reichhaltig die von österreichischen Forschern, Sammlern und Abenteurern im Laufe der Jahrhunderte auf der ganzen Welt zusammengetragenen Bestände in österreichischen Museen vorhanden sind. Die Palette reicht dabei von James Cooks Raritäten, die Kaiser Franz I. 1806 in London ersteigern liess, bis zu Objekten der Forscher und Entdecker Baumann, Ida Pfeiffer, Payer und viele andere mehr.

Das Kunsthistorische Museum Wien präsentiert gemeinsam mit dem Museum für Völkerkunde, dem Naturhistorischen Museum und dem Heeresgeschichtlichen Museum ausgewählte Objekte aus Sammlungen österreichischer Forscher im Künstlerhaus. Rund 1000 Exponate geben einen profunden Einblick in 150 Jahre österreichische Entdeckungsgeschichte, wobei sich der Bogen von der Josephinischen Aufklärung bis zum Ende der österreichischen Monarchie 1918 spannt. Als ein Höhepunkt der österreichischen Forschungsexpeditionen gilt die Dokumentation der S. M. Fregatte "Novara", jenes Forschungsschiff der k. k. Kriegsmarine, das von 1857-1859 erstmals die Welt umsegelte. Ein weiterer Höhepunkt ist die im Auftrag von Kaiser Franz I. unternommene Brasilienreise zwischen 1817 und 1835 durch österreichische Wissenschaftler.

Viele der damals zusammen getragenen Sammlungen wurden im Laufe der Zeit getrennt und lagern heute in verschiedenen Museen. Zweck der Ausstellung im Künstlerhaus Wien war es, die vielen Exponate erstmals gemeinsam und in einem Kontext zu präsentieren. Die Fülle der unterschiedlichen Exponate wirkt beinahe überwältigend: unter anderem werden neben Schiffsmodellen, Büchern, Karten, Zeichnungen und Stichen auch Tagebücher mit Skizzen und präparierte Tiere und Pflanzen aus den erforschten Ländern präsentiert. Des weiteren werden Spielzeug, Gewänder, Schmuck, Waffen, Arbeitsgeräte, Kultgegenstände aus den bei den Expeditionen bereisten Ländern ausgestellt. Bei den Ausstellungsstücken sind qualitativ und inhaltlich hochwertige Exponate vorhanden. So ist beispielsweise unter den präsentierten Spielen besonders ein japanisches "Pferderenn-Riechwettbewerb" aus dem 18./19.Jahrhundert erwähnenswert. Bei diesem historischen Ratespiel mussten zwei Parteien verschiedene Düfte erkennen, um mit den Reiterfiguren auf einem Brett weiterziehen zu können. Doch auch die ausgestellten Grafiken sind bemerkenswert: ein Höhepunkt bilden zweifellos die zum Teil kolorierten Tier- und Pflanzenzeichnungen von Ferdinand Lukas Baür (1760-1826).

Das Erdgeschoss ist vor allem den frühen naturwissenschaftlichen Forschungen gewidmet und der Bedeutung der österreichischen Kriegsmarine. Schwerpunkt sind dabei die erfolgten Weltumsegelungen, wie 1890-92 durch die S.M.S. "Saida" und der S.M. Fregatte "Novara", jenes Forschungsschiff der k. k. Kriegsmarine, das unter österreichischer Flagge von 1857-1859 erstmals die Welt umsegelte. Das Raum- und Präsentationskonzept sieht für jede vorgestellte Forscherpersönlichkeit einen kurzer informativen Text vor, der neben einer Kurzbiographie auch eine Liste der getätigten Reisen enthält. Zusätzlich kann der Besucher auf eine Weltkarte zurückgreifen, um die jeweils bereisten Länder mittels Markierungen nachvollzogen werden können. Der erste Raum ist übrigens James Cook zugeordnet. Hier lohnt sich auch ein Blick auf den Fussboden, denn dort ist eine Weltkarte mit den aufgezeichneten drei Reiserouten von Cook angebracht. Als einziger Frau als Expeditionsteilnehmerin ist Ida Pfeiffer (1797-1858) ein eigener Raum gewidmet. Sie, die erst mit 45 Jahren zu reisen begann und zwei Weltreisen (1846-48, 1851-55) durchführte, wurde vor allem durch ihre publizierten Tagebücher bekannt. Seit 1892 hat sie übrigens ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof, was die Wertschätzung dokumentiert, die ihr in Österreich zuteil wurde. Das auffallendste Objekt "ihres" Raumes ist die persönliche Schutzhaube gegen Wind und Sand, die aus Seide gefertigt und mit Gläsern für die Augen versehen ist.

Die Ausstellung zeigt neben den Biographien auch die persönlichen Gegenstände der an den Expeditionen beteiligten berühmten Forscher, darunter Zeichnungen, Gemälde, Reiseandenken, Fotoalben, Tagebücher sowie Kameras und Vermessungsgeräte. Derartige Exponate helfen mit, die unterschiedlichen persönlichen Motivationen der Forscher zu beleuchten, an solchen zumeist mit erheblichen Strapazen verbundenen Reisen teilzunehmen. Im Vordergrund dieser Präsentation steht der biographische Aspekt, unter Berücksichtigung des zeitgeschichtlichen und wissenschaftstheoretischen Hintergrundes. Die Vielzahl der Exponate dokumentiert jedoch auch die unterschiedlichen Forschungsbereiche, die bei den Expeditionen mit wissenschaftlichen und handelspolitischen Zielen durchgeführt wurden. So wurden meteorologische und hydrographische Messungen, geologische und ethnologische Beobachtungen, zoologische und botanische Studien betrieben. Im Rückblick gewinn man den Eindruck, als beabsichtigten die Teilnehmer der Expeditionen die Mitnahme von möglichst vielen Objekten, um ihren Auftragsgebern ein Übermass von "exotischen" Gütern liefern zu können.

Im 1. Geschoss des Künstlerhauses befindet sich vor allem die Erforschung des Landweges. So kann der Besucher einzelne Ausstellungsbereiche für Afrika, Südamerika, Neuguinea, Neuseeland, Japan, Sibirien, Mexiko und Jemen aufsuchen. Ausstellungstechnisch werden die Bereiche durch Inszenierungen gut und nachvollziehbar gestaltet. Für Afrika wurde beispielsweise eine "Urwald"-Vitrine aufgestellt, in der ein präpariertes Okapi, ein Lannerfalke, eine Riesentrappe und ein Rotarmhörnchen ausgestellt sind. Sicher eines der Objekte, die auch bei den Kindern Anklang findet. Dieser Bereich informiert auch über die ersten Forschungsreisenden, die sich durch Vorträge über ihre Reisen und Forschungen das Geld für die nächsten Reisen verdienen konnten. Somit trat nicht mehr nur Ministerien oder aber das Herrscherhaus als Auftraggeber zur Erscheinung, sondern verstärkt auch private Forscher. Beispielsweise Emil Holub (1847-1902), der Afrika bereiste und ebenfalls ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof erhielt. Richard Payer (1836 - nach 1910) bestritt von seinen Vorträgen über Südamerika einen Teil seines Lebensunterhalts. Von ihm sind unter anderem Tagebücher mit zahlreichen Zeichnungen überliefert. Er selber ist nach 1910 auf einer Reise in Südamerika verschollen, sein Grab wurde bis heute nicht gefunden.

Faszinierend ist auch der Raum über Neuguinea und Rudolf Pöch (1870-1921), einem Arzt und Anthropologen, der zwischen 1904 und 1906 Melanesien, Australien und Neuguinea bereiste. Pöch fertigte neben schriftlichen Dokumenten vor allem auch audiovisülle Medien an. So wird in der Ausstellung sein Aufnahmegerät (Archivphonographen) präsentiert, im Hintergrund können die von Pöch aufgezeichneten Gesänge der dortigen Papuas vernommen werden. Unmittelbar neben diesem Exponat und der Inszenierung wurde von den Ausstellungsmachern eine hölzerne Hütte der Maori nachgebaut, die mit den traditionell geschmückten Balken und Figuren versehen ist. Den Jemen erforschte vor allem Eduard Glaser (1855-1908), der Arabistik und Astronomie studiert hatte. Als Einheimischer verkleidet bereiste Glaser vor allem Südarabien. Seine gesammelten Objekte (Inschriften, Manuskripte, Statuen) bildeten übrigens den Grundstock der altorientalischen Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Der grösste Ausstellungsbereich ist jedoch der österreichischen Kriegsmarine gewidmet, wobei der Schwerpunkt besonders auf dem Forschungsschiff "Novara" liegt. Neben einem grossen Modell des Schiffes sind zahlreiche maritime Gegenstände ausgestellt, die den technischen Ablauf und die Voraussetzung der Seefahrt verdeutlichen. Eine eindrucksvolle Projektion verbildlicht die Route dieser Reise mit Bildern der Küsten und des Meeres. Die Weltumsegelung war der Höhepunkt der österreichischen Marine, die unter Erzherzog Ferdinand Max als Oberkommandierendem der österreichischen Marine erfolgte. Als Ergebnis erschien in den Jahren 1857-59 eine 21-bändige Dokumentationsreihe über die Reise. Die Geschichte des Forschungsschiffs "Novara" zeigt auf, dass das österreichische Kriegsschiffe nicht allein als militärisches Instrument, sondern auch zur Anknüpfung wirtschaftlicher Kontakte sowie zu Forschungszwecken genutzt wurde. Ein weiteres Beispiel für das Interesse des habsburgischen Herrscherhauses an der Erforschung von damals noch weitgehend unbekannten Ländern stellt die Brasilien-Expedition zwischen 1817 und 1836 dar. Sie war die grösste je von Österreich aus durchgeführte Forschungsreise in Südamerika. Hintergrund der Expedition bildete die Heiratspolitik der Habsburger: Leopoldine, Tochter Kaiser Franz I. von Österreich, heiratete den Kronprinzen Don Pedro von Alcantara, dem späteren König von Brasilien.

Fazit: Trotz der beeindruckenden inhaltlichen, quantitativen und qualitiativen Reichhaltigkeit wirkt die Ausstellung nicht überhäuft, sondern erscheint vielmehr angenehm locker aufgebaut. Die Exponate sind in Augenhöhe angebracht und in den Vitrinen ebenfalls "besucherfreundlich" pra esentiert. Die Objektbeschreibungen sind kurz und prägnant (zwei bis drei Sätze für jedes Exponat). Allerdings ist in den Vitrinen die Zuordnung zu den Beschreibungen schwierig, da die Informationen ausserhalb angebracht sind und bei den Objekten selbst keine Nummern bzw. Zuordnungshinweise vorhanden ist. Die Raumausstattung ist farblich einfach gehalten, das heisst entweder blau, weiss, grau oder orange ausgemalt, die benutzten Schriftfarben sind weiss bzw. schwarz sowie von ihrer Schriftgrösse in der Regel gut lesbar (abgesehen von einigen kleinen Beschreibungen mit schwarzer Schrift auf blauem Hintergrund). Einzig den Gesamteindruck störend, erwiesen sich die extrem lauten Klimageräte in allen Ausstellungsräumen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Ausstellung rundum sehenswert und nicht nur für Österreicher interessant ist. Allerdingst erfordert ein Rundgang sehr viel Zeit, so dass für den Besuch mindestens eine Stunde kalkuliert werden sollte.


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Dokument erstellt am 2.1.2002