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Ausstellungsbesprechung

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Blickfänge einer Reise nach Wien.
Fotografien 1860-1910 aus den Sammlungen des Historischen Museums der Stadt Wien.

Historisches Museum der Stadt Wien
Karlsplatz
22. Juni 2000 - 24. September 2000

Rezensiert von:
Ruth Koblizek, Wien

Katalog:
Blickfänge einer Reise nach Wien. Fotografien 1860-1910 aus den Sammlungen des Historischen Museums der Stadt Wien. ISBN 3-85202-145-6, ATS 320,--


Ausstellungskonzept

Die Sonderausstellung widmet sich den reichen Schätzen (rund 250.000 Objekte, zum Großteil aus den Jahren 1860-1940) an Fotografien in der Sammlung des Historischen Museums der Stadt Wien. Fotos, die „von dem erzählen, was die Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte."

Die Ausstellung ist in Form einer zehntägigen Besuchs von Wien vor etwa hundert Jahren konzipiert. Anhand von Stadtplänen mit Markierung und einer Aufstellung, was Vormittag und Nachmittag auf dem Besichtigungsplan steht, wird der Besucher anhand authentischer „Blicke" durch das „gute alte Wien" geführt.

Schwerpunkte sind u.a. spezielle Gebäude, wie das Haas-Haus, die Brücken von Wien, der Wurstelprater, Laxenburg und der Kahlenberg. Den Schlusspunkt bilden die zeitgenössischen Fotografien über die Wiener Weltausstellung. Diese fand von 1. Mai bis 11. November 1873 im Wiener Prater stand und umfasste rund 200 kleinere Gebäude und Pavillons in den Stilen der ausstellenden Länder, den großartigen Industriepalast und die Rotunde (bis 1937 Bestand).

Andererseits soll auch die Bedeutung und das Können der Fotografie in Wien gezeigt werden.

So hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fotografie bereits etabliert und ihren Siegeszug um die Welt angetreten. Sie trat an die Stelle der bislang vorherrschenden Porträtmalerei. Es entstand ein blühendes Gewerbe, das um 1870 rund 150 Fotoateliers in Wien zählte. Seit 1850 gab es auch bereits eine eigene Abteilung für Fotografie in der Staatsdruckerei.

Präsentation

Die Präsentation ist schlicht (weiße Wände und Glasscheiben, hinter denen die Objekte befestigt sind) und auf das Wesentliche, die Fotografien, konzentriert. Insgesamt bieten rund 300 Objekte (Daguerreotype, Stereoskopien und Glasplatten) einen reichen Blick über das damalige Wien. Die Objekte befinden sich in einer angenehmen Höhe hinter Glas, in dem sich ab und zu das Licht spiegelt.

Pro Tag des fiktiven Wienbesuches ist zuerst eine Liste (aufgeteilt in Vormittag und Nachmittag) von den Besuchsstätten und ein Lageplan angebracht. Dann folgen die entsprechenden Fotografien. Dieses Schema wird für alle zehn Tage beibehalten. Somit ist eine klare Struktur gegeben und auch eine Gehrichtung. Als Anmerkung sei gesagt, dass für heutige Wienbesucher diese Wege gut ausgewählt und noch heute empfehlenswert sind (leider gibt es nur viele Gebäude nicht mehr!).

Die Begleittexte sind informativ und kurz gehalten. Zusätzlich sind immer wieder die Blicke anderer Besucher in Form von Zitaten über z.B. die Wiener Frauen, Marktfrauen, das Barttragen in Wien, die Sicht des Wieners über den Tod, das Kaffeehaus und die Lebensweise des Wieners angeführt. Erfreulicherweise sind alle Texte - auch die Zitate! - sehr ausführlich ins Englische übersetzt.

Es gibt eine Ruhebank, auf der drei Katalogen zum Durchblättern aufliegen - eine nette Aufmerksamkeit.

Für Wienkenner und Wienbewohner sind in dieser Ausstellung sicher einige Zuckerln dabei, für Ausländer sind einige präsentierte Bauten sicher teilweise zu speziell ausgewählt. Obwohl alte Ansichten interessieren international, wie die meist ausländischen Besucher dieser Ausstellung bei meinem Besuch zeigten.

Kurzum, man verbringt eine interessante gute Stunde in einem angenehm klimatisierten Raum.

 Katalog:

Der großformatige Katalog gibt alle Pläne, Karten und Fotos der Ausstellung wieder und ist somit ein gutes Nachschlagewerk, das die Investition von ATS 320,-- lohnt. Die Katalogtexte sind inhaltlich sehr interessant, sachlich geschrieben und doch keineswegs trocken. Man ist als Leser in Versuchung, mit dem Katalog die vorgeschlagenen Routen selbst nachzugehen und zu sehen, wie es denn heute dort aussieht.

Gut ist der Einleitungstext über das Reisen allgemein im 19. Jahrhundert. Dieses Jahrhundert war generell eine Zeit der Bewegung, die durch gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche, kulturelle, technische und wirtschaftliche Veränderungen geprägt war.

Die Feststellung, dass Reisen bildet, erhielt in diesem Kontext allgemeine Zustimmung. Wenn man nicht selbst reisen konnte - da meist sehr teuer - las man die Berichte anderer und träumte davon. Außerdem musste es auch etwas einbringen, da das Reisen an sich Zeit und Geld kostete. Deshalb waren vor allem Kurorte beliebt, da man einerseits seine Gesundheit pflegen konnte, andererseits „andere sehen und selbst gesehen werden" konnte. Die zweite Variante war die sogenannte „Sommerfrische", die meist zwei bis drei Monate dauerte und in der näheren Umgebung Wiens absolviert wurde. Leute, die sich mehr leisten konnten, fuhren nach Bad Ischl, dem Salzkammergut oder an einen anderen See.

Der Fremdenverkehr wurde ökonomisch relevant durch die Eisenbahn, so dass der große Fremdenstrom entlang der Bahnlinie verlief. In Wien sah es so aus, dass 1865 die Pferdetramway eingeführt wurde, 1883/84 die Dampftramway, 1896 ein eigenständiges Eisenbahnministerium und die Stadtbahn. 1882/83 gründete sich der erste Verein zur Förderung des Wiener Fremdenverkehrs.

1835 kam das erste Reisehandbuch durch Karl Baedeker auf den Büchermarkt. Dadurch wurde es möglich, Reisen genau zu planen und das Bildungserlebnis zu erleichtern. Vor allem Stadtbesichtigungen kamen in Mode. Wien hatte als Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie mit 54 Millionen Einwohnern und einem wirtschaftlichen und kulturellem Aufschwung in den Jahren 1866 bis 1873 und in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts viel zu bieten. Seit der Stadterweiterung von 1850 und durch die Schleifung des Stadtwalls 1857 fand eine rege Bautätigkeit statt. Namhafte Architekten und Bauherrn wurden beauftragt (u. a. Semper und Hasenauer die Museen und das Burgtheater, Ferstel die Universität, Schmidt das Rathaus, Hansen das Parlament) und gaben der Stadt ein neues Aussehen.

Ein ausführlicher Beitrag über die Wiener Fotografie im 19. Jahrhundert erzählt vom Beginn der Fotografie bis zu den Auswirkungen in Wien. So hatte die Porträtfotografie einen wichtigen Stellenwert, vermochte sie doch, das neue Selbstverständnis der Bürger bildlich zu machen. Weiters gab es Spezialfotografen für Architektur und städtisches Leben.

In den weiteren Katalogbeiträgen werden kurz fotografische Techniken erklärt, und ist eine Liste aller damaliger Fotografen, Druckanstalten, Kunsthändlern und Verlagen von Wien beigefügt.


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Dokument erstellt am 31.8.2000