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Ausstellungsbesprechung

 

de Vries Adriaen de Vries
Augsburgs Glanz - Europas Ruhm

Städtische Kunstammlungen Maximilianmuseum
11. März - 12. Juni 2000

Rezensiert von:
Ulrich Kirstein
Janus-Kulturdienst, München

Katalog:
Adriaen de Vries 1556-1626. Augsburgs Glanz - Europas Ruhm,
Heidelberg 2000
ISBN 3 - 8295-7024-4

Rezension der Website
von Christian Gries, München

Austellung

Katalog


Unter den Künstlern, die der Kunstliebhaber und Sammler Kaiser Rudolf II aus ganz Europa an seinen Hof nach Prag zog, wie Bartholomäus Spranger, Joseph Heintz, Hans von Aachen, Roelant Savery oder Hans Mont, erfuhr der Niederländer Adriaen de Vries in letzter Zeit die höchste Beachtung: Er war mit Hauptwerken auf den Ausstellungen zur Rudolfinischen Hofkunst "Prag um 1600" in Essen und Wien 1988 und "Rudolf II and Prague. The Court an the City" in Prag 1997 genauso vertreten wie in der Kopenhagener Ausstellung "Christian IV and Europa" 1988 und in der Berliner Ausstellung von 1995 "Von allen Seiten schön" . (1) Im Berliner Katalog wird er als "weitaus bedeutendster nordalpiner Plastiker des ausgehenden 16. Jahrhunderts" gewürdigt, (2) der den Stil seines übermächtigen Lehrmeisters Gianbologna "in kreativer Weise weiterentwickelt" habe. (3) Auch der Kunstmarkt reagierte: Die 1990 vom Gettymuseum angekaufte Statue des "Jongleurs" ist die teuerste je veräußerte Skulptur. Und in Augsburg rang man sich dazu durch, die großartigen Figurenensembles des Merkur- und Herkulesbrunnens nachzugießen, um die Originale vor schädlichen Umwelteinflüssen und Vandalismus zu schützen.

Der Ankauf des Jongleurs war Grund genug für das Getty-Museum Los Angeles, eine Ausstellung "to Rediscover Virtuoso Renaissance Sculptor Adriaen De Vries" vom 12. Oktober bis 9. Januar als Milleniumsausstellung zu veranstalten, mit Stationen in Stockholm (Nationalmuseum) und Amsterdam (Reijksmuseum). Augsburg konnte auf diesen Ausstellungszug nicht mehr aufspringen, veranstaltete jedoch als einziger "authentischer" Adrien-de-Vries-Ort in Zusammenarbeit mit den vorgenannten Häusern eine Schau mit eigenem, auf deutsch publiziertem Katalog.

Adriaen de Vries, der sich im übrigen selbst Adrian de Fries schrieb, wurde um 1566 in Den Haag als Sohn eines Apothekers geboren. Wahrscheinlich erhielt er eine erste Ausbildung als Goldschmied, bevor er sich nach Italien zu Gianbologna in Florenz aufmachte. Gianbologna beeinflußte eine ganze Generation von Bildhauern, die entweder zeitweise in seiner Werkstatt tätig waren oder sich an seinen Werken schulten. Nach Stationen in Mailand (bei Pompeo Leoni) und als Hofbildhauer in Turin warb Rudolf II. 1589 de Vries nach Prag. Für Rudolf schuf de Vries seine ersten Großbronzen "Psyche wird von Putten zum Olymp getragen" (Stockholm, Nationalmuseum) und "Merkur und Psyche" (Paris, Louvre). Im Gegensatz zu seinem Lehrer Gianbologna, der den gesamten europäischen Kunstmarkt mit seinen hoch artifiziellen Kleinbronzen in Serienproduktion überschwemmte, spezialisierte sich de Vries auf Großbronzen. Die beiden frühen Figuren lehnen sich noch eng an Gianbologna an, doch zeigen sie in der gekonnten Darstellung des "Schwebens" und in der durchdachten Komposition der Mehrfigurengruppen eigenes Profil in direkter Auseinandersetzung zu seinem Lehrer.

Um 1600 beschloß der Augsburger Magistrat, die Stadt durch repräsentative Bauten und Brunnen in der Hierarchie der Reichsstädte nach oben zu lancieren und nach Möglichkeit Austragungsort der Reichstage zu werden. Das anspruchsvolle Bauprogramm, angefangen mit Hubert Gerhards monumentalem Augustusbrunnen zum Stadtjubiliäum 1589-94, umfaßte das monumentale Rathaus und andere städtische Nutzbauten wie Kaufhaus, Stadtmetzg und Zeughaus. In der zentralen Nord-Süd-Achse von Rathaus, Tanzhaus, Siegelhaus und Reichsabtei St. Ulrich reihten sich zwei Bronzeadler an Rat- und Siegelhaus sowie die Monumentalbrunnen mit Merkur und Herkules.

Für die beiden Brunnenprojekte wurde Adriaen de Vries, wohl vom inzwischen für den Wittelsbacher Hof tätigen Hubert Gerhard empfohlen, sicherlich jedoch auch, weil er am Hofe des Kaisers als höchstem Repräsentanten des Reiches und geschätzten Kunstkenner tätig war, verpflichtet.

Noch in Augsburg erreichte Vries die Nachricht, von Rudolf zum "Kammerbildhauer" ernannt worden zu sein. Bis zu seinem Lebensende blieb er daraufhin in Prag, auch nach dem Tode Rudolfs II. Zu seinen Auftraggebern zählten Fürst Ernst von Holstein-Schaumburg, für den er u.a. das Grabmal in Stadthagen schuf, Christian IV. von Dänemark, für den er für Schloß Frederiksborg einen imposanten Neptunbrunnen modellierte und Albrecht von Wallenstein, für dessen Palais Waldstein in Prag er eine große Anzahl von Gartenfiguren in Anlehnung an antike Vorbilder kreierte.

Kaum ein anderer Bildhauer gewann dem Material Bronze und der kunstheoretischen Forderung der "Allansichtigkeit" gerade auch bei Mehrfigurenbildnissen mehr ab als de Vries. De Vries‘ uneingeschränktes Selbstbewußtsein dokumentiert sein Umgang mit der Antike, indem er sich an eines der berühmtesten Werke, den "Farnesischen Stier" wagte und die römische Marmorfigur in Bronze zu übertreffen suchte. Volker Krahn sieht im Berliner Katalog das Original geradezu als "gleichförmig und kraftlos" an. In einem Brief an den Auftraggeber, den Fürsten Ernst zu Schaumburg, verlangte de Vries, daß die Figur auf einen drehbaren Sockel gestellt werden sollte, um von allen Seiten bewundert werden zu können. Außerdem sollte kein störender Raumschmuck, keine Tapisserien, angebracht werden, um das Kunstwerk isoliert und ungestört betrachten zu können.

De Vries‘ Stil, deutlich werdend in seinem Alterswerk, den Gartenfiguren für Wallenstein, wird zunehmend "malerischer", die Oberflächen sind weich modelliert, die Gußstege bleiben stehen oder werden nur flüchtig als Pflanzenmotive kaschiert. Die schweren Bronzefiguren erhalten damit einen Anschein von Flüchtigkeit, Skizzenhaftigkeit, lässiger Virtuosität. Man kann dieses Malerische mit dem Leitmotiv des Höflings der Zeit, der "sprezzatura" umschreiben, der Leichtigkeit des Seins und Tuns.

Noch in den letzten Tagen des 30-jährigen Krieges wurden Adriaens Skulpturen aus der Prager Kunstkammer und aus dem Waldsteingarten nach Schweden geraubt und schon zwanzig Jahre nach Aufstellung des Neptunbrunnens in Frederiksborg wurde dieser ebenfalls von den Schweden erbeutet und in den Schloßpark von Drottningholm verbracht. So sind die meisten Monumentalskulpturen von Adriaen de Vries an den Rand der kunsthistorischen Welt gerückt worden, was einen erheblichen Einfluß auf die - lange fehlende- Rezeption seines Werkes genommen hat.

Die Ausstellung

Eigens für diese Ausstellung ist das Maximilianmuseum frisch renoviert worden. Es erhielt eine wunderbar leichte Glasdachkonstruktion im Innenhof, das nur durch die großzügige Spende des amerikanischen Industriellenehepaares Viermetz verwirklicht werden konnte. Hier sollen auch in Zukunft die Originale der Großbronzen von Hubert Gerhard, Adriaen de Vries und Hans Reichle, die den Glanz Augsburgs um 1600 augenscheinlich machten, untergebracht werden. Mit der Adriaen de Vries Ausstellung ist das Haus würdig wiedereröffnet worden. In der renovierten Hälfte des Renaissancepalais‘ finden sich die Hauptwerke von de Vries: Im Innenhof, dem Beginn und Ende des Rundganges, stehen neben Gerhards Augustus der fast 3,50 m hohe Herkules im Kampf mit der Hydra, der Merkur sowie die Ringergruppe und der Laokoon seines Spätwerkes.

Die beiden Haupträume, die Galerie im 1. Stock und der Festsaal im zweiten Stock, beinhalten in eindrucksvoller Dichte die wichtigsten Skulpturen von de Vries sowie wichtige Werke seines Zeitgenossen und Konkurrenten Hubert Gerhard und seines Lehrers Gianbologna. Ärgerlich bleibt die etwas zu aufdringliche Ausstellungsarchitektur, ein türkisgrünes Holzgerüst, in dessen Vertikalträger indirekte Beleuchtung eingelassen ist. Dies stört nicht nur den Gesamteindruck der von Melchior Steidl um 1700 freskierten Räume, sondern verhindert auch das Herumgehen um die Skulpturen, weil man einmal vor die Stütze, einmal in’s Gegenlicht blickt. Gerade bei den auf Allansichtigkeit angelegten Kunstkammerstücken ist dies ein Hemnis bei der Kunstbetrachtung. Hier hätte man sich ein filigraneres Gestänge gewünscht. Der "Nachbau" des Herkulesbrunnens mit den Gipsmodellen der Brunnenjungfrauen wirkt ein wenig aufgesetzt, schuldet aber wohl dem Eventcharakter modernen Ausstellungsdesigns seine Herkunft. Ein Blick auf die zurückhaltende Architektur der Berliner Ausstellung "Von allen Seiten schön", die ausschließlich dazu diente, die Objekte zur bestmöglichen Betrachtung zu bringen, oder die Ausstellung in Amsterdam, bei der die Fredericksborger Brunnenfiguren einzelne Kabinette erhielten, wäre hilf- und lehrreich gewesen. Bei dem "Brunnenjüngling", der letzten von de Vries für Augsburg geschaffenen Bronzefiguren, ursprünglich im Wasserturm am Roten Tor aufgestellt, ging die Präsentation so weit, dass sich das Objekt nun von allen Seiten im vollen Gegenlicht präsentiert. Hier kann man nur abwarten, bis diese Figur, auf der Berliner Ausstellung noch ein Highlight, wieder "normal" gezeigt werden wird.

Schade, aber verständlich, dass die hervorragenden Porträts von Adriaen de Vries in Augsburg nicht Teil der Ausstellung wurden. Dafür sehr lehrreich und didaktisch gut gelöst ist die Einführung in die komplizierte und schwer zu vermittelnde Gußtechnik in einem eigenen Werkstattbereich. Eigenhändige und sehr seltene Zeichnungen von de Vries, die Stiche seines Freundes Jan Muller und die vielen Reproduktionsstiche der Augsburger Brunnen runden die Ausstellung ab. Ein wenig konzeptlos unterbricht die Raumfolge eine Zusammenstellung von Bildern, die offensichtlich das Umfeld von de Vries am Hofe Rudolfs II. beleuchten sollen, es aber weder veranschaulichen noch erklären: so Hans von Aachen, Joseph Heintz und – da zeitgleich in Augsburg arbeitend – Hans Reichle.

Der Katalog

Zusätzlich zum englischsprachigen Katalog der drei vorausgehenden Vries-Ausstellungen von Los Angeles, Stockholm und Kopenhagen, enthält die Augsburger Ausgabe noch einige sehr erhellende Artikel zum direkten Augsburger Umfeld: Uwe Heithorn, der sich zum ersten Mal intensiv mit der Farbigkeit der Originalbronzen beschäftigt hat gibt zusätzlich einen Überblick über die Bronzekunst in Augsburg vom spektakulären Auftakt mit der Domtüre von um 950 bis zur Glanzzeit um 1600. Christoph Emmendörffer, Kurator der Ausstellung, gibt einen souveränen Einblick in das Wirken von Adriean de Vries in Augsburg und würdigt endlich auch den Humanisten und Stadtchronisten Marcus Welser als Spiritus rector des komplizierten Repräsentationsprogramms der Stadt Augsburg. Gabriele Röck lieferte in ihrem Beitrag eine Zusammenstellung der Archivalien zu de Vries‘ Augsburger Gießer Wolfgang Neithart, die Beziehung von Bildhauer und Gießer anhand ihrer Bezahlung beleuchtend. Zur Veranschaulichung und entspannten Nachbetrachtung dient der faszinierende Fotoessay von Jutta Brüdern über die Herkules und Hydra-Gruppe. Die einzelnen Katalogbeiträge sind prägnant und aufschlußreich, manchmal hätte man sich im Bildmaterial eine direktere Gegenüberstellung von Vorbild und Nachahmung (bei den an der Antike ausgerichteten Werken von Adriean de Vries z.B.) oder von direkten Konkurrenzprojekten (bei der Herkules- Nessus und Deianira-Gruppe von Hubert Gerhard und Adriaen de Vries z.B.) gewünscht. Den Augsburger Katalogbeiträgen hätte man ein aufmerksameres Lektorat gewünscht.

Anmerkungen

 1) Vgl. die Kataloge Prag um 1600, 2 Bände, Wien 1988, "Von allen Seiten schön" Bronzen der Renaissance und des Barock, Edition Braus Heidelbert 1996, zur Problematik des Katalogprojektes Rudolf II. and Prague vgl. Sergiusz Michalski sowie Die Herausgeber in: Kunstchronik H. 12 1998, S. 596-600

2) Ulrich Becker in Von allen Seiten schön, S. 434

3) Katalogbeitrag,Volker Krahn in Von allen Seiten schön S. 32


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Dokument erstellt am 21.4.2000