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Ausstellungsbesprechung

 

Alte Meister
Sammlung Maximilian Speck von Sternburg.

Von der Gotik bis zur Romantik

Haus der Kunst, München
28.01. - 1.05.2000

Rezensiert von
Ulrich Kirstein
Janus-Kulturdienst, München

Katalog
Maximilian Speck von Sternburg.
Ein Europäer der Goethezeit als Kunstsammler
E.A.Seemann Verlag Leipzig 1998
(ISBN .- keine)

 


Alte Meister haufenweise - Die Ausstellung

Kunstsammlungen privater Sammler erfreuen sich großen Interesses, denn sie zeigen wie im Fokus die Einsichten und Ansichten zur Kunst der jeweiligen Zeit am ganz konkreten Beispiel. Gerade die Zeit um 1800, als der Autodidakt, Kaufmann und Landwirtschaftsfachmann Maximilian Speck von Sternburg (1776-1856) Gemälde, Zeichnungen und Grafiken in ganz Europa zusammentrug, erlebten private Sammlungen einen einzigartigen Höhepunkt während gleichzeitig die Bemühungen um öffentliche Museen im Musée Napoleon kulminierten. In den Augen vieler Zeitgenossen wurde Napoleons Kunstraub quer durch Europa durch die gewährte Zugänglichkeit im Museum quasi legitimiert, während die in Schlössern und Landsitzen verborgenen Schätze privater Sammler als verloren angeprangert wurden. Speck, bis zu seinem 14. Lebensjahr Analphabet, ohne höhere Schulbildung, aus kleinsten Verhältnissen stammend, ein Selfmademan der Goethezeit, vermittelte zwischen den beiden Polen: Seine Sammlung auf Schloß Lützschena bei Leipzig war, wie die opulenten Benutzerbücher beweisen, zugänglich (wenn auch nicht dem „Mann auf der Straße“). Gleichzeitig legte er testamentarisch fest, daß seine Sammlung dem Leipziger Museum vermacht werden sollte, falls die Familie ohne männliche Nachkommen bliebe.

Die im Haus der Kunst gezeigte Auswahl zeigt Werke hoher und höchster Qualität. Speck konzentrierte seine Sammelleidenschaft auf die Niederländer des 17. Jahrhunderts und die deutsche Malerei des frühen 19. Jahrhunderts, seiner direkten Zeitgenossen also. Frühe Italiener, Zeichnungen und Reproduktionsgraphik rundeten seine Sammlung ab. Die 202 Gemälde, 127 Zeichnungen und 645 Graphiken sowie die umfangreiche Kunstbibliothek Speck von Sternburgs sind - wenigstens zu großen Teilen - zum ersten Mal außerhalb Leipzigs im Sammlungszusammenhang zu sehen. Nach der Enteignung 1946 und der großzügigen Überlassung der Erben Speck von Sternburgs befinden sich die Werke nun im legitimen Besitz des Leipziger Museums. In seinem umfangreichen, 80 Seiten umfassenden Testament hatte Speck festgelegt, daß „ein ganz solider und ehrlicher Custos“ mit freier Logis und Jahresverdienst eingestellt werden soll - einer der vielen Belege für die Weitsicht Specks.

Daß die Sammlung in München gezeigt wird, ist durch die engen Beziehungen, die Speck zu München und Bayern hatte, mehr als gerechtfertigt: König Ludwig I. erhob ihn 1829 wegen seiner Verdienste um die Modernisierung der bayerischen Landwirtschaft auf seinen Versuchsgütern in Fürstenried und St. Veith bei Neumarkt an der Rott in den königlich-bayerischen Freiherrenstand. Außerdem bezog Speck mehr als die Hälfte seiner zeitgenössischen Bilder von Malern der Münchner Schule und war mit Leo von Klenze befreundet.

Betritt man die Ausstellungsräume, die durchweg im warmen Rotton gehalten ist und den privaten Kabinettcharakter durch verwinkelte Architekturen noch unterstreicht, erhält man auf großen Texttafeln und zwei etwas wahllos eingerichteter Vitrinen in knapper Form Informationen zum Sammler. Schon im nächsten, größten Ausstellungsraum ballen sich die Meisterwerke. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden großformatigen Tafeln „Adam und Eva“ von Lucas Cranach. Speck hat sie wahrscheinlich aus dem Nachlass des Fürsten Heinrich XLIII. Reuß aus Gera erworben. Das von Cranach und seiner Werkstatt oftmals behandelte Bildthema besticht durch seine hervorragende Qualität und feine Ausführung. Den Kreuzigungstriptychon eines unbekannten niederländischen Malers um 1520 im gleichen Raum hielt Speck beim Kauf für ein echtes Dürergemälde. Beeinflußt von der Wertschätzung der Romantiker für altdeutsche Kunst suchte er seine Sammlung auch in dieser Richtung auszuweiten. Eindrucksvoll in ihrer Reihung die italienischen Madonnenbilder von Cima da Conegliano, Francia und Giovan Francesco Caroto.

Die weitere Präsentation in den immer enger werdenden Kabinetten ist durch große, silberne Überschriften in Kapitel unterteilt - leider werden sie kaum wahrgenommen und tragen somit wenig zur Orientierung bei. Die Ordnung nach Schulen und Gattungen mit chronologischer Binnengliederung funktioniert in dem Moment nicht mehr, wo es sich um die Zeitgenossen Specks handelt, hier wäre eine deutliche Zäsur angebracht gewesen: Speck selbst hat in seiner Sammlung auf Schloß Lützschena bei Leipzig eine strenge Trennung von „alter“ und „zeitgenössischer“ Kunst vorgenommen. Manche Bilder werden durch einen - etwas holprig formulierten -Text hervorgehoben, viele ikonographisch komplizierten oder technisch interessanten Werke werden jedoch nicht erläutert (z.B. die beiden Reproduktionsstiche zu Raffaels „Transfiguration Christi“ von Raphel Morghen 1804 und Nicolas Dorginy, die etwas unvermittelt zwischen Gemälden hängen, hätten einen Exkurs zur Reproduktionsgraphik um 1800 in der Ausstellung oder im Katalog verdient.).

Zu den Hauptwerken der von Speck geschätzten Niederländer zählen Jan van Wijckersloots, Selbstbildnis von 1669 mit seiner komplizierten Ikonographie, Pieter de Hoochs „Unterricht im Laufen“, ca. 1668/1672, aber auch beeindruckende Stilleben von Jan van Huysum, Dirk Valkenburg oder Conrad Roepel. Bei den Handzeichnungen, die in den ersten Stock der Ausstellung verbannt worden sind, bestechen Landschaften von Jan van Goyen und die Idyllen von Johann Heinrich Roos und die große Anzahl von Zeitgenossen wie Klengel, Öser und Wille. Warum inmitten des Raumes ein Ausstellungsrondell, teils von innen, teils von außen behängt, steht, bleibt der Imagination des Architekten überlassen.

Bei den Zeitgenossen, wo Speck auch inhaltlich mehr nach seinem Geschmack auswählen konnte, dominieren Landschaftsdarstellungen: Leo von Klenzes Italienische Landschaft von 1829 wurde von Klenze selbst als „Speck Composition“ bezeichnet. Caspar David Friedrichs „Friedhof im Schnee“ von 1826, mutmaßlich ebenfalls ein Auftragswerk Specks und Johann Christian Clausen Dahls „Hünengrab im Winter“ 1824/25 spiegeln Specks feinen Geschmack wider, stimmen jedoch auch nachdenklich über den Charakter dieses Tatmenschen, der sich Gräber und Ruinen malen ließ. Wenig vertreten sind bei Speck Nazarener, trotzdem nehmen die „Heimsuchung“ von Heinrich Maria von Hess und „Mignon“ in engelhafter Darstellung von Friedrich Wilhelm Schadow einen bedeutenden Platz in der Sammlung ein.

Das größte Manko dieser Ausstellung, die durch die Summe der hervorragenden Einzelwerke besticht, dürfte sein, daß die Persönlichkeit, das Sammlungsprofil Specks, für den Besucher nicht erschließbar ist. Fragen nach seinem Kunstverständnis, seinen Irrtümern beim Kauf, der Hängung auf Schloß Lützschena, der Problematik von Kopie und Original, seiner Ausbildung zum „Kunstkenner“ wird nicht nachgegangen.

Der Katalog

Der aufwendig gestaltete und schön bebilderte Katalog bringt drei kurze Beiträge zu Specks Leben, seiner Sammlung und der Bibliothek. Ansonsten beinhaltet er einen knappen wissenschaftlichen Katalog der Werke, wobei die Hauptwerke mit ausführlichem Text und Farbabbildung hervorgehoben sind. Zeichnungen und Graphik sind nur in der Art einer Bildlegende aufgenommen.

Der Lebenslauf Specks von Herwig Guratzsch zeigt das weite Spektrum des Kaufmanns, Reisenden, Besitzers von Ländereien, Autors landwirtschaftlicher Bücher undKunstbetrachtungen, Beraters und Mitglieds in mehr als 80 Vereinen auf. Vielleicht ist der Ton ein wenig zu panegyrisch, Reibungspunkte dieser sicherlich nicht immer unproblematisch verlaufenden Biographie vom Gastwirtssohn zum Freiherrn bleiben ausgespart.

Dieter Gleisbergs Bericht über die Sammlung Speck von Sternburgs „Quellen und Konturen“ beschränkt sich überwiegend auf die Herkunft der einzelnen Gemälde und gibt einen Einblick in die Sammlungskonkurrenz in Leipzig. Meist hatte Speck den längeren Atem und konnte ganze Sammlungen seiner Konkurrenten erwerben, überhaupt achtete er auf die Provinienz seiner Gemälde sehr genau. Leider fehlen genauere Angaben über die Hängung auf Schloß Lützschena, für dessen Erwerbung er Teile seiner Sammlung verkaufen mußte. Weder werden die Benutzerbücher genauer vorgestellt, noch wird ausgeführt, wie „öffentlich“ der Zugang des an der Eisenbahnlinie Leipzig - Magdeburg liegenden Schlosses tatsächlich war. Auch auf Specks Kunsttheorie, auf seine Gemäldeverzeichnisse von 1826, 1837 und 1840 sowie seine „Ansichten und Bemerkungen über Malerei und plastische Kunstwerke“ von 1846, wird nicht näher eingegangen. Welchen Stellenwert die Reproduktionsgrafik als zentrales „Bildgedächtnis“ bei Speck einnahm, wird genausowenig thematisiert wie seine ausgreifende Sammlung an Zeichnungen.

Es bleibt zu wünschen, dass die Ausstellung und das Katalogprojekt eine weitere und intensivere Beschäftigung von Maximilian Speck von Sternburg und seiner Sammlung nach sich ziehen mögen. Lohnen würde sich das allemal.


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Dokument erstellt am 29.02.2000