VL Museen

Ausstellungbesprechung

Familiendinge
10. Mai 2003 - 3. April 2004
Heimatmuseum Neukölln. Museum für Stadtkultur und Regionalgeschichte
Website: http://www.museum-neukoelln.de

Ausstellungskatalog: Udo Gößwald (Hg.): Familiendinge. Begleitband zur Ausstellung "Familiendinge", 10. Mai 2003 bis 3. April 2004, Heimatmuseum Neukölln, Berlin 2003. Pb., 175 S., zahlr. Ill., ISBN 3-00-011433-5

Rezensiert von Ariane Karbe, Oldenburg


Das Heimatmuseum Neukölln ist ein kleines Haus. Anstatt sich die Ausstellungsfläche auf Jahre mit einer Dauerausstellung zu blockieren oder eine Sonderausstellung nach der anderen nur oberflächlich erarbeiten zu können, hat sich Leiter Udo Gößwald dazu entschieden, eine Ausstellung jeweils ein Jahr lang zu zeigen. Nachdem er sich mit seinem Mitarbeiterteam in den letzten Jahren Themen wie der Geburt, der Liebe und der Wirtschaft gewidmet hat, wendet er sich in seiner aktuellen Ausstellung der Familie zu. Noch bevor die Besucher die eigentlichen Ausstellungsräume betreten, werden sie von historischen Familienaufnahmen begrüßt. Sie schmücken die Wände des Korridors, der von der Straße zu dem Hinterhof führt, in dem sich die Museumsräume befinden. Textlich nicht weiter erläutert, stimmen sie unangestrengt auf das Thema der Ausstellung ein.

Ausstellungsbereich 1: Foyer
Beim Betreten des eigentlichen Ausstellungsbereichs laufen die Besucher direkt auf eine Wand mit Fotografien zu, die jene Neuköllner Familien zeigen, die Objekte, Fotos und Informationen für die Exposition zur Verfügung gestellt haben. Eine freundliche Mitarbeiterin gibt eine kurze Einführung in die Ausstellung. Sie weist u.a. darauf hin, dass es wichtig sei, sich die Porträts anzuschauen. Sie hat Recht. Denn sofort augenscheinlich wird, was im Einführungstext zu Beginn des zweiten Bereichs deutlich als Ziel der Ausstellung benannt wird: die Ausstellung will einen Einblick in die Vielfalt der Neuköllner Familienwelten geben. Die bürgerliche Großfamilie hängt hier neben der Wohngemeinschaft, die klassische Vater-Mutter-Kind-Konstellation neben einem älteren Paar mit Hund. Sehr gelungen ist, dass die Porträtierten in den eigenen vier Wänden und nicht vor einem neutralen Hintergrund fotografiert worden sind. Möbel und die Dekoration der Räume geben erste Hinweise auf das soziale Umfeld der Familien und verweisen, ohne dass bereits ein einziges Originalobjekt gezeigt worden ist, auf die Dingwelten, in denen die einzelnen Familienmitglieder eingebunden sind. In welcher verwandtschaftlichen Beziehung die Abgebildeten zueinander stehen, verraten die Fotografien nicht und machen gerade deswegen neugierig auf die weiteren Abteilungen.

Ausstellungsbereich 2: „Wohnzimmer“
Nach Verlassen des Foyers passieren die Besucher eine Nische, in der an prominenter Stelle der Einführungstext platziert ist. Er verkündet u.a. die Hoffnung, die Ausstellung könne vielleicht dazu beitragen, dass sich Kinder mit Fragen an ihre Eltern und Großeltern wenden. „Das Museum kann hier wie ein Schlüssel wirken und Erinnerungen wieder lebendig werden lassen.“, heißt es. Auch wird auf die Leerstellen hingewiesen, die in den zusammengetragenen Familiengeschichten klaffen, auf Konflikte, die (noch) nicht bewältigt wurden. Es ist wichtig, dass an dieser Stelle auf die Themen hingewiesen wird, die weit schwieriger bzw. gar nicht auszustellen sind, die aber eine Familie ebenso wie das Ausgesprochene prägen und sogar verbinden können. Das Besondere bzw. das besonders Gute an der Ausstellung ist, dass immer wieder auch auf die Grenzen der Familie, auf die Übergänge zu anderen sozialen Gefügen, auf die Risse innerhalb der Gemeinschaft verwiesen wird. Nur so kann das Konstrukt Familie an Kontur gewinnen.

Haben die Besucher den Einführungstext gelesen, gehen sie einen Schritt weiter und befinden sich plötzlich in einem leeren Raum, in dessen Wände rundherum sechs Türen eingelassen sind. Da kein weiterer Text und keine Vitrine von den Türen ablenkt, ist sofort klar, dass sie geöffnet werden wollen, in welcher Reihenfolge bleibt den Besuchern überlassen. Hinter den Türen warten die Objekte der Familien auf sie, die sie bereits von den Porträts kennen. Es stellt sich bald heraus, dass die Räume hinter den Wänden – bis auf eine Ausnahme – miteinander verbunden sind und so können die Besucher von Vitrine zu Vitrine wandern, ohne jedes Mal wieder in den „Flur“ zurückgehen zu müssen. Dennoch vermittelt das Arrangement mit den Türen das Gefühl, die Besucher würden tatsächlich bei jeder der Familien anklopfen und sie zuhause besuchen. Diese Inszenierung knüpft an die Familienporträts an, auf denen die heimischen Wohnzimmer abgebildet sind, und wird bei der Gestaltung der einzelnen Vitrinen wieder aufgegriffen. Diese sind jeweils mit einer Tapete ausgekleidet, die auf die speziellen Objekte der jeweiligen Familie Bezug nimmt und diesen einen schlichten, aber aussagekräftigen Hintergrund bietet. So findet sich in der Vitrine einer Familie mit vielen Pflegekindern eine Kinderzimmertapete, die Wand hinter der Vitrine einer afrikanischen Familie ziert eine Tapete in warmen Erdtönen. Mehr Design gibt es nicht. Durch die eingebauten Bibliotheksschränke aus dunklem Holz, die als Vitrinen genutzt werden, wird die „Wohnzimmer“-Atmosphäre verstärkt.

Jede der 13 vorgestellten Familien hat eine Handvoll an Objekten ausgewählt, die – so verrät es der Begleitband – zur Familiengeschichte gehören und für sie einen besonderen persönlichen Wert haben. Daher sind die Texte in den meisten Fällen notwendig, um die Bedeutung der Exponate und auch den Bezug zum Thema Familie nachvollziehen zu können. Die Familie mit den vielen Pflegekindern wählte z.B. eine Wintermütze aus. Die Objektbeschriftung verrät, dass sie von der Mutter selbst angefertigt wurde und von den jeweiligen Tagespflegekindern ausgeliehen werden konnte, hatten sie keine eigene mitgebracht. Das Objekt, das bei reiner Anschauung lediglich das Thema Kindheit berührt, wird so um das Thema Fürsorge erweitert und rührt auch an die Definition von Familie überhaupt.

Erst im Laufe des Rundgangs offenbart sich noch eine weitere Ordnung der Exponate. Jede Familie scheint ihre Objekte zu einem anderen Schwerpunktthema ausgewählt zu haben. Kaleidoskopartig werden so viele der Themen berührt, die für eine Familie wesentlich sein können: Kindheit, Familienfeste, Erwerbstätigkeit, Frauenbiographien, Ahnenforschung, familiengeschichtliche Quellen, Judentum und Migration. Gerade weil sich jede der Familien nur auf wenige Objekte beschränkt hat, entfalten sie z.T. eine starke Präsenz. In der Vitrine einer Wohngemeinschaft hängt über einigen Holzscheiten ein Paar Schlittschuhe. Ehemalige und jetzige WG-Bewohner sammeln alljährlich gemeinsam Holz und im Laufe der Jahre hat sich eine stattliche Anzahl von Schlittschuhen angesammelt, die beim Auszug besonders gerne vergessen werden. Verbundenheit und Abschied umreißen hier durch Objekte veranschaulicht aufs Gelungenste den Kern und auch die Grenze der Wohngemeinschaft.

Jede Familie wird durch einen Text kurz vorgestellt. Die kleine Schrift und fehlende Absätze erschweren die Lesbarkeit der Texte. Obwohl Wortwahl und Satzbau im allgemeinen einfach sind, sind die familiengeschichtlichen Daten oft so komplex, dass die Texte erst beim zweiten Lesen entschlüsselt werden können. Ein großzügigeres Layout und eine stärkere Systematisierung hätten hier der Verständlichkeit gute Dienste geleistet. Bevor die Besucher die „Wohnzimmer“ verlassen, wird eine Flüchtlingsfamilie aus Kabul anhand von zwei Fotografien und eines Interviews vorgestellt. Leider lädt die technische Qualität der Aufnahme nicht zum Weiterhören ein. Dies ist schade, da die Geschichte der Familie, wie im Begleitband nachzulesen, beeindruckend ist.

Ausstellungsbereich 3: Themencollage
Beim Betreten des darauffolgenden Ausstellungsbereiches werden die Besucher von einer hell erleuchteten Vitrine angezogen, in der wie in einem Setzkasten verschiedene kleine Exponate ausgestellt sind. Sie greifen vorher schon angesprochene Themen wie Kindheit, Erziehung und jüdisches Leben auf, ohne diese zu vertiefen. Eine Medikamentenschachtel macht neugierig, weil sie sich auf den ersten Blick nicht in die übrige Objektauswahl einfügen mag. Ein Blick in das ausliegende Heft mit Objektbeschriftungen erklärt, es handele sich um eine Packung mit den ersten Antibabypillen von Schering aus den 1960er Jahren. Sie wurde ausgewählt, so wird erläutert, weil die Verhängnisverhütung einschneidende Veränderungen für das Familienleben bedeutete. Auch hier wird durch einfachste Mittel ein Bruch bzw. eine Ambivalenz angedeutet: Familie, die erst gar nicht entstehen kann, vielleicht aber auch Familie, die so eine Chance zum Weiterbestehen hat.

Wie in der Vitrine werden in diesem Raum noch durch andere Objekte, Fotografien und Medien bereits vorher berührte Themen erneut aufgegriffen. Auf die Familienfeste wird noch einmal anhand von Fotos, die auf drei verschiedenen Neuköllner Geburtstagspartys gemacht worden sind, eingegangen. Auch wenn sie dem bereits Gesagten keine wesentliche Aussage hinzufügen, bestechen sie doch durch ihre Qualität und entfalten vor allem im Begleitband, unterstützt durch den dazugehörigen Text und durch weitere Aufnahmen ergänzt, ihre ganze Pracht und auch ihre Berechtigung. Tafeln nennen Namen und Adressen von deportierten jüdischen Familien und erinnern aufgrund ihrer Schlichtheit würdevoll an dieses Kapitel auch Neuköllner Geschichte. Sehr überzeugend, da sorgfältig ausgewählt, ist die Auswahl von Ausschnitten aus TV-Familienserien, die sich die Besucher auf einem bequemen Sofa in Ruhe anschauen können. Szenen aus „Dallas“, der „Lindenstraße“ oder „Ein Herz und eine Seele“ thematisieren Familienrituale und was geschieht, wenn sie nicht beachtet werden. Was passiert, wenn eine Mutter sich über ihr Neugeborenes nicht freuen kann wie Sue-Ellen in Dallas?

Das Lindgrün des Sofas dominiert auch bei anderen Gestaltungselementen dieses Raumes und bildet so einen angenehmen Kontrast zu der eher gedämpften Atmosphäre des vorhergehenden Bereichs. Es findet sich auch bei den Vitrinen wieder, in denen die letzten Exponate des Rundgangs präsentiert werden. Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse einer Neuköllner Oberschule haben Objekte ausgewählt, die für sie Familienerinnerungen symbolisieren. Ihre Begründungen können auf den Objektbeschriftungen nachgelesen, weitere Informationen in der Multi-Media-Präsentation „Wege nach Neukölln“ am PC abgerufen werden. Klickt man auf das Foto eines Schülers, kann man auf einer Landkarte seinen Migrationsweg und den seiner Eltern und Großeltern einfach und eindrücklich abrufen. Hier ist eine sehr anschauliche Visualisierung komplexer Familien- und Migrationsgeschichten gelungen. Das Thema Migration taucht in der Ausstellung an verschiedenen Punkten auf. Dies mag angesichts der großen Anzahl an Migranten und Migrantinnen in Neukölln nicht verwundern. Positiv fällt auf, dass die Familien aus Togo, Griechenland und Afghanistan in der Exposition nicht besonders herausgestellt sind, sondern sich in die anderen Familiengeschichten eingliedern. Deswegen – und aufgrund der überzeugenden Multi-Media-Präsentation – wirkt der Abschluss der Ausstellung nicht als notgedrungen thematisierter Appendix, sondern als gleichberechtigter Teil der Gesamtpräsentation.

Die Ausstellung „Familiendinge“ bietet einen abwechslungsreichen Rundgang durch das Thema Familie. Viele Aspekte werden angesprochen, Brüche und offene Fragen nicht verschwiegen, und gerade durch die Präsentation konkreter Biographien und persönlicher Exponate kann leicht der Bezug zur eigenen Familiengeschichte hergestellt werden. Und auch wenn die Exposition sich auf Neuköllner Familien konzentriert, bietet sie doch zahlreiche Anknüpfungspunkte für allgemeine Überlegungen rund um das Thema Familie.
Die Gestaltung ist – gerade durch die „Türen“-Inszenierung – stark und überraschend, ohne dass die Exponate dadurch in den Hintergrund gedrängt werden. Manche Elemente des zweiten Teiles fügen dem bereits Gezeigten keine neuen Facetten zu, vermögen aber im Einzelnen doch zu berühren und haben – wie z.B. die Fotos von den Familienfesten – einen Unterhaltungswert. Bis auf das eine Interview bestechen die multimedialen Elemente durch ihre Qualität.
Das Heimatmuseum Neukölln ist ein kleines Haus und beweist einmal mehr, dass für die Qualität einer Ausstellung nicht die Anzahl der bespielten Quadratmeter, sondern deren kluge Nutzung maßgeblich ist.


Ausstellungskatalog
Der Katalog greift alle Themen, die in der Ausstellung angesprochen wurden, auf. Nach einem Essay zum „Familienglück“ und zwei Aufsätzen zu Familienpolitik und Familienserien folgen die fotografischen Porträts der Familien. Eine kurze Anmerkung unter den Fotos erleichtert das Auffinden des jeweiligen dazugehörigen Textes. Nach Texten zu Familienfesten und Familienbildern werden die Geschichten der in der Ausstellung vorgestellten Familien ausführlich erzählt. Ein Beitrag zu den Objekten, die von jugendlichen Migranten und Migrantinnen für die Ausstellung ausgewählt wurden, und die Texte „Schule als Familienersatz“, „Beratung für Familien“ und „Wohnen ohne Eltern“ runden den Streifzug durch das Thema Familie ab. Die (großzügig illustrierten) Aufsätze laden zum Blättern und Festlesen ein. Zielpublikum des Katalogs ist weniger das wissenschaftliche Fachpublikum als interessierte Ausstellungsbesucher und -besucherinnen.


Präsentation der Ausstellung im Internet
Auf der Website des Heimatmuseums wird ein kurzer und prägnanter Überblick darüber gegeben, was die Besucher in der Ausstellung erwarten können. Das hier angekündigte Szenario, mit dem das therapeutische Modell des Familienersatzes innerhalb eines geschützten Wohnprojekts für gefährdete Jugendliche thematisiert werden soll, und auch die erwähnte Klanginstallation im Atrium ist von der Rezensentin übersehen worden. Auf einer weiteren Seite werden Fotos von Familien gezeigt, die die Ausstellung besucht haben. Hier wurde das Internet sinnvoll dazu genutzt, Besucher in das Projekt einzubinden. Dass der Website zufolge Ausstellungsbereich 3 anscheinend als Einstimmung in die Ausstellung gedacht ist, ist einerseits irritierend, regt andererseits aber auch zu Gedankenspielen an – wie würde die Ausstellung in umgekehrter Reihenfolge funktionieren?


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Dokument erstellt am 01.05.2004