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Ausstellungsbesprechung

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Lothringens Erbe. Franz Stephan von Lothringen (1708-1765) und sein Wirken in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst der Habsburgermonarchie

Eine Ausstellung des Landes Niederösterreich und des Kunsthistorischen Museums in Wien vom 29. April bis 29. Oktober 2000

Internet: http://www.schallaburg.at/schallaburg/2000-lothringen.htm

Katalog: Renate Zedinger (Hrsg), Lothringens Erbe. . Franz Stephan von Lothringen (1708-1765) und sein Wirken in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst der Habsburgermonarchie. Ausstellung des Landes Niederösterreich und des Kunsthistorischen Museums in Wien auf Schloss Schallaburg.Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums Neue Folge Nr. 429 (St. Pölten 2000)

Rezensiert von:
Thomas Just, Österreichischer Rundfunk, Wien


Das niederösterreichische Renaissanceschloss Schallaburg hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Ausstellungszentrum überregionalen Ranges entwickelt. Immer wieder gelingt es der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich attraktive Ausstellungen in diesem mustergültig restaurierten Schloss zu gestalten, die auch beim Publikum guten Anklang finden.

Die letzte Ausstellung ist nun einem Herrscher der Habsburgermonarchie gewidmet, der in der historischen Forschung lange Zeit nur wenig Beachtung fand und bis heute findet. Franz Stephan von Lothringen tritt hinter seiner Frau Maria Theresia im Forschungsinteresse völlig zurück und fungiert bis heute als „Mann im Schatten von Maria Theresia“. Ein Blick auf die Literatur zu Franz Stephan weist denn auch nur auf ein mit einzelnen Personen verbundenes Forschungsinteresse an Franz Stephan hin. War dies in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts der ehemalige Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Hanns Leo Mikoletzky, so ist dies derzeit Renate Zedinger, deren Forschungen zu Franz Stephan und den ihn umgebenden sogenannten Lothringer Kreis als Mittelpunkt haben. Renate Zedinger zeichnet auch als wissenschaftliche Leiterin der zu besprechenden Ausstellung verantwortlich.

Die Ausstellung spannt den Bogen von der Jugend Franz Stephans am Hof von Luneville und zeichnet seinen politischen Lebensweg von der Abtretung Lothringens an Frankreich 1737, über die Station als Großherzog der Toskana über die Heirat mit Maria Theresia und die Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1746 nach. Inhaltlich ruht die Ausstellung auf zwei Säulen: Den Einfluss des sogenannten lothringischen Kreises auf den Habsburger Hof und die wirtschaftliche Tätigkeit des Kaisers, der durch seine Modernität in wirtschaftlichen Dingen die Grundlage für das habsburgisch-lothringische Privatvermögen schuf. In der Ausstellung wird das wirtschaftliche Handeln Franz Stephans programmatisch anhand der Entwicklung der Herrschaft Holic in der heutigen Slowakei abgehandelt, in der Franz Stephan eine Keramikmanufaktur etablierte, die beinahe den gesamten Bedarf der Habsburgermonarchie abdeckte. Anhand von Keramikexponaten, Plänen der Herrschaft, Instruktionen wird das Interesse des Herrschers an Holic deutlich gemacht.

Ein wichtiger Teil der Ausstellung widmet sich der Sammelleidenschaft Franz Stephans, der mit seinen wissenschaftlichen Kabinetten die Grundlage für das Wiener Naturhistorische Museum legte. Aus der naturwissenschaftlichen Sammlung des Chevalier Jean de Baillou, die Franz Stephan ankaufte, sind ausgewählte Stücke zu sehen. Nicht zuletzt verdankt der Park und die Menagerie von Schönbrunn sein Aussehen den um Franz Stephan versammelten Lothringer Kreis. Die Menagerie wurde von Nicolas Jadot erbaut, der in Wien sonst nur noch durch die Aula der alten Universität, dem heutigen Haupthaus der Akademie der Wissenschaften vertreten ist.

Die Ausstellung ist klar strukturiert, und bietet durch zahlreiche teilweise zum ersten Mal zu sehende Objekte vielfältige und spannenden Erlebnisse und Ansichten. Als Höhepunkt unter den Exponenten darf sicherlich der aus fast 3000 Diamanten und Edelsteinen bestehende Blumenstrauß gelten (Katalog S.122), den Maria Theresia angeblich Franz Stephan als Namenstagsgeschenk in sein Mineralienkabinett stellen ließ. Als „Neuentdeckung“ sind Zeichnungen der Erzherzoginnen Marie Christine, Maria Anna und Maria Antoinette zu nennen, die sich im Besitz der Graphischen Sammlung Albertina befinden. Dort werden diese Bilder unter dem Sammlungstitel „Habsburger Dilettanten“ geführt. Eine eigene „Dilettantenausstellung“ wäre sicher spannend und interessant.

Abschließend sei noch auf den hervorragend gemachten Katalog verwiesen. Er bietet in seinen wissenschaftlichen Beiträgen einen hervorragenden Überblick über die Geschichte Lothringens, Franz-Stephans und seines Kreises. Die Themen reichen vom Verschwinden Lothringens als Nation (Hubert Collin) über die Zeit Franz-Stephgans als „Erbrinz und Herzog“ (Renate Zedinger , Ernst Petritsch) über die Zeit als Großherzog der Toskana bis zum „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, wo Alois Schmid um eine neue Sichtweise auf das Wirken dieses Herrschers bemüht ist. Darüberhinaus enthält der Katalog Beiträge über die kaiserlichen Kabinette (Sammlungen), den Lothringer Kreis am Kaiserhof, die Bergakademie in Schemnitz (Banská Štiavnica) und das „Wirtschaftsimperium“ Franz Stephans. Der Katalog bietet damit einen umfassenden Blick auf Leben und Werk Franz Stephans und dessen Erbe und setzt damit in der Forschung für diesen Herrscher einen neuen Standard.

Der Internetauftritt der Schallaburg präsentiert die Ausstellung in an den verschiedenen Katalogbeiträgen orientierten Schlagworten. Bilder lockern die Texte der Homepage auf, darüberhinaus gelangt man über Links zu den verschiedenen im Text besprochenen Institutionen (bspw. den Park und Menagerie von Schönbrunn <http://www.zoovienna.at/>, das Archiv Archives Départementales de Meurthe-et-Moselle <http://ciel.ac-nancy-metz.fr/VieScolaire/culture/services_edu/archives54.htm>, die Graphischen Sammlung Albertina <http://www.albertina.at/> oder aber das slowakische Bergbaumuseum Slovenské Bánské Muzeum <http://www.sazp.sk/slovak/periodika/enviromagazin/enviromc1_3/ochrana33.html>). Darüberhinaus bietet die Homepage der Schallaburg Informationen über die zahlreichen anderen Ausstellungen auf der Burg, einen Vorschau auf die kommenden Ausstellungen und eine Rückschau auf vergangene Expositionen. Informationen zur Anreise, Eintrittspreise und kulturelle Aktivitäten runden den gelungenen Internetauftritt ab.


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Dokument erstellt am 2.1.2001