VL Museen

Virtual Library Museen
Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Harald Jenner
Hamburg

Einigkeit und Recht und Freiheit - 
Wege der Deutschen 1949 – 1999

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin,
des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, und der
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland,
im Gropius-Bau Berlin
23.Mai 1999 bis 3. Oktober 1999
http://www.dhm.de/ausstellungen/erf/

Katalog im Rowohlt Verlag, Reinbek,  145 S.,
zahlreiche farbige Abbildungen, 10,- DM


Seitenanfang

Eine erfolgreiche Ausstellung beispielsweise über die Staufer zu unternehmen ist vergleichsweise einfach. Der Besucher kann nur hingehen und sich informieren und beeindruckt zeigen, mitreden können nur wenige. Bei einer Ausstellung zu 50 Jahren Deutscher Geschichte ist jeder Besucher zugleich Zeitzeuge und damit Kritiker. Das ist das große Plus dieser Ausstellung und zugleich ihre Gefahr. Es gibt eben kein einheitliches Bild der letzten Jahre und daher kann es auch keine einheitlichen Linien geben, wie man sie sonst in Ausstellungen findet. Das wird schon an der äußeren Gestaltung deutlich. Zweigeteilt in einen chronologischen Teil und einen sachlichen Bereich hat es der Besucher fast schon mit zwei Ausstellungen zu tun.

Der chronologische erste Teil erinnert stark an die Ausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn. Die Besucher der Ausstellung werden, wie könnte es anders sein, in der Situation der direkten Nachkriegszeit „abgeholt“ und Raum für Raum durch die Entwicklung Deutschlands geführt. Während in Bonn dabei großen Wert auf „Nacherleben“ gesetzt wird und mit mehr oder minder großem Erfolg ein Stück der zeitgeschichtliche Atmosphäre vermittelt werden soll, ist im Gropiusbau ein etwas sachlicher, informativer Ansatz zu spüren. Achtet man genauer auf die Form der Ausstellung, meint man in der großen Vielseitigkeit der Darbietung ständig den Kompromiß zwischen den beiden beteiligten Institutionen, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und dem Haus der Geschichte in Bonn zu verspüren. Die daraus resultierende Spannung trägt viel dazu bei, daß es zunächst einmal einfach Freude macht, durch die Ausstellung zu gehen. Jeder Raum ist bewußt unterschiedlich von anderen Mitarbeitern eigenverantwortlich gestaltet. Diese Vielseitigkeit erleichtert es sehr, diese Mammutausstellung zu besuchen, Langeweile kommt so bis zum letzen Raum nicht auf. Wollte man sich wirklich mit jedem Ausstellungsbereich eingehend beschäftigen, sollte man wohl einen zweiten Besuchstag einplanen.

Der Nachteil der Vielseitigkeit liegt auf der Hand: es fehlt der berühmte „rote Faden“. Darüber hinaus führt die eigenständige Darstellung jedes Bereiches in Einzelfällen auch zu mehr oder minder mißlungenen Räumen. Dazu möchte ich z.B. den Bereich Kirche und Religion in Deutschland rechnen. Die Freude an einigen eher „exotischen“ Kulten läßt die Bedeutung der beiden großen Konfessionen für die Entwicklung in Deutschland (Ost wie West) völlig in den Hintergrund geraten. Mit einem Kirchentagshalstuch und dem Talar von Bischöfin Jespsen wird man der evangelischen Kirche genauso wenig gerecht, wie den Juden in Deutschland durch die Ausstellung einiger sehr schöner gottesdienstlicher Kultgegenstände.

Von derartigen Unverständlichkeiten abgesehen, überzeugt vor allem der chronologische Durchgang. Störend ist dabei jedoch der stark von der Gegenwart her kommende Blickwinkel. So ist heute zwar das Saarland ein Bundesland wie alle anderen auch, aber das war es eben von 1945 -–1957 nicht. Dementsprechend hätte es im „Raum der Bundesländer“ anders als die anderen Länder vorgestellt werden müssen.

Am deutlichsten wird diese Einschätzung von 1999 her bei der Darstellung der Geschichte der DDR. Die Bodenreform in der DDR als „Beginn der Planwirtschaft“ in der DDR im Gegensatz zum Beginn der Marktwirtschaft in der BRD zu bezeichnen, ist wohl vor allem polemisch und nicht historisch. Daß das Leben in der DDR insgesamt in nahezu jeder Darstellung zu kurz kommt, darin ist man im Bereich der Publizistik ja leider gewöhnt. Es ist bedauerlich, daß dies auch für diese Ausstellung gilt. So ist durch die Darstellung einer ganzen Ortschaft der Bereich der so wichtige Bereich mittelländischen Industrie in der Bundesrepublik hervorragend dargestellt. Gleiches hätte man sich für die DDR gewünscht, ein Vergleich mit den goßindustriellen Komplexen wie z.B. Leuna böte sich hier an. Bei der Darstellung der beinahe deckungsgleichen Arbeit der östliche und westlichen Geheimdienste ist das Ost-West Verhältnis gut herausgearbeitet, das hätte ich  mir  für viele Bereiche erhofft. So beispielsweise auch für die Bedeutung des Fernsehens. Da das Fernsehen den Alltag heutzutage massiv bestimmt, ist es voll zu vertreten, diesem Bereich einen Raum im thematischen Teil der Ausstellung zu widmen. Aber warum hat man ihn auf das Westfernsehen beschränkt? Da böte es sich doch geradezu an, „Stahlnetz" und „Tatort“ dem „Polizeiruf 110“ und „Der Staatsanwalt hat das Wort“ gegenüberzustellen.  Zu Kuli’s "EWG" und „Wetten das“ vielleicht „Ein Kessel Buntes“ und zu dem Politmagazinen von ARD und ZDF dann v. Schnitzlers schwarzen Kanal. Schade.

Das gleiche gilt für die Zeitungslandschaft. Dem westlichen Zeitungskiosk einen östlichen gegenüberzustellen, wäre doch nicht so schwer gewesen. „FF dabei“ und die „Sibylle“ gehören genauso zur deutschen Nachkriegsgeschichte wie „Hörzu“ und „Brigitte“. Es ist auch leicht, darüber zu spotten, daß in der DDR schon im Herbst 1989 die Feier des 1. Mai 1990 geplant wurde. Einige Bilder dazu, ob die Ostberliner Hochhäuser heute mit internationalen Reklamesprüchen soviel besser aussehen, als mit den geplanten roten Fahnen zum 1. Mai hätte den Spott sinnvoll ergänzt. Wenn man jedoch mit der in dieser Akzentuierung nicht vertretbaren Grundeinstellung „eine kleine Funktionärselite maßte sich an, über Wohl und Wehe der ganzen Bevölkerung zu entscheiden“ (so eine Erläuterungstafel) an die Geschichte der DDR und der dort lebenden Menschen herangeht, kann man dem Leben dort wohl nicht voll gerecht werden. Es gab durchaus „Wohl und Wehe“, über das man auch selbst mit entschied. Zumindest aber wäre es darstellungswürdig.

Der wohl vom Berliner Deutschen Historischen Museum herrührende Grundsatz, nur Originale auszustellen, birgt zum einen die Gefahr in sich, zuviel Freude am Skurrilen Raum zu geben, zum anderen wird allein durch die Größe eines Originals eine Fehlinterpretation möglich. So bleibt es mir völlig unklar, was die erhaltene Holztäfelung des Gerichtssaals des Nürnberger Prozesses für eine Aussagekraft haben soll. Der Gerichtsraum ist nun wohl kaum das zu überliefernde Detail dieses Prozesses mit seiner großen Bedeutung für die Nachkriegsgeschichte weit über Deutschland hinaus. Ein weiteres Beispiel mag die Gefahr der Fixierung auf das Original verdeutlichen. Anfang der siebziger Jahre war die Auseinandersetzung über die Ostverträge das alles beherrschende Thema. Dies wird in der Ausstellung auch deutlich herausgestellt. Nur verschieben die gewählten Ausstellungsobjekte die Akzente in unbeabsichtigter Weise. Die aufgeschlagene Nationalzeitung mit ihren plumpen Überschriften ist weitaus größer und allein dadurch (leider) eindrucksvoller als das zeitgenössische grade über Postkartenformat herausragende Photo von Willi Brandts Kniefall in Warschau. Hier wäre, so paradox es klingt, eine Veränderung der Originale der Wahrheit näher gekommen. Ein Originalphoto bleibt ein Original auch in einer neuen Vergrößerung und beispielsweise eine photokopierte Zusammenstellung verschiedener Zeitungsüberschriften wäre zwar kein 100% Original, aber dem historischen Sachverhalt, der Bedeutung und Wertung näher gekommen.

Es ist gewiß schwer, neben Fakten und Ereignissen auch größere Entwicklungen ausstellungstechinisch zu dokumentieren. So ist die Bedeutung des 17. Junis für die DDR und die BRD viel zu kurz gekommen, ebenso all das, was sich hinter der Jahreszahl ’68 verbirgt. Das waren nicht einige studentische Aktionen, da ging in kurzer Zeit etwas zu Ende, das die 50er Jahre geprägt hatte. Das (West-) Deutschland von 1970 war nicht mehr das von 1965. Hier wäre eine ausführlichere Würdigung am Platz gewesen. Der ganze Bereich der Bildung, Schulen und Hochschulen, von der Zwergschule der 50er Jahre zu den Gesamtschulen der 80er bleibt leider fast unberücksichtigt, vor allem aber die Veränderung in der geistigen Atmosphäre, in der Lebensform, der Sprache, dem Umgang miteinander.

Ist die Kultur in Deutschland wirklich so unbedeutend, wie es die Ausstellung als Eindruck hinterläßt? Da geht man durch eindrucksvolle Räume, zu jedem denkbaren industriellen Bereich, und dann kommt ganz hinten (nach Elektronik und Raumfahrt) etwas über Literatur und Theater in Ost und West. Beim ersten Besuch habe ich diese Räume glatt übersehen. Da gab es z.B. mal eine Gruppe 47, ich konnte über sie dort nichts entdecken, vielleicht noch versteckter? In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Vereinnahmung von Autoren: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt oder Ilse Aichinger gehören ohne Frage zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit, aber man kann sie doch wohl nicht kommentarlos auf einer Photowand den westdeutschen Autoren zuordnen. Hier fehlt wirklich der/die gesamtverantwortliche Fachmann/Fachfrau, der/die vor Abschluß die Einzelgestaltungen noch einmal gründlich und kritisch überprüft hätte. Das gilt auch für die Auswahl und Plazierung mancher Einzelobjekte. So ist wohl selbst vielen später geborenen noch H. Zimmermanns Fußballweltmeisterschaftsreportage aus Bern 1954 noch im Ohr, um so verwunderlicher, daß hier zu im Raum „Sport“ auf einen eher unbekannten Filmbericht zurückgegriffen wird. Ein Filmplakat Billy Wilders „123“ gehört gerade nicht zu den sechziger sondern zu den 80er Jahren, das war es ja gerade. Nach dem Mauerbau konnte niemand darüber lachen. Die Veränderung des deutschen Wohnzimmers um den Fernseher herum, sehr eindrucksvoll. Aber die Mehrzahl der Deutschen hat die Mondlandung in schwarzweiß und nicht in Farbe gesehen. So finden sich leider viele kleine Unzulänglichkeiten, die nicht nötig getan hätten. Wenn die Gestalter zu jung für eigenes Erleben waren, hätten sie sich besser informieren müssen. Auch mögen Joschka Fischers Turnschuhe durchaus ausstellungsrelevant sind, als Inbegriff eines gewandelten Politikverständnisses zum Beispiel. Aber im Zusammenhang mit der Diskussion des „american way of life“ und des Kulturbegriffes (Schmutz und Schund, Comics etc.) sind sie fehl am Platze. Die direkte Zuordnung der Ökologie-Bewegung mit der Kernkraftauseinandersetzung zum Terrorismus der siebziger Jahre ist wohl mehr als ein Fehler, dahinter scheint direkte Politik zu stehen.

Das vielleicht witzigste Ausstellungsstück ist ein Tondokument: Der Frankfurter Bürgermeister dankt darin für die Erklärung Frankfurts zur Bundeshauptstadt. Die Rundfunkansprache wurde vor der Wahl prophylaktisch aufgenommen, aber natürlich nie gesendet.

Einige Anmerkungen mehr ausstellungstechnischer Art am Rande, die vielleicht vor allem die Fachleute interessieren. Es ist wenig sinnvoll, in einem verdunkelten Kinosaal (hervorragend mit der Vorführung von Filmausschnitten von Ost – West Filmen gleicher Thematik) umfangreiche Lesetext auszulegen, wenn das Licht dazu fehlt. In einer Weltstadt wie Berlin ist es gewiß angemessen, alle Ausstellungsstücke außer deutsch auch englisch zu beschriften. Da aber z.B. Heinrich Böll auf englisch auch Heinrich Böll heißt, ist es einfach albern Dutzende von Photos, die lediglich mit einem Namen oder Jahreszahlen beschriftet sind, auch „zweisprachig“ auszustatten.

Die aufgeführten kritischen Anmerkungen zur Ausstellung sollen nicht ihre unbedingte Sehenswürdigkeit in Frage stellen. Gerade für die Nicht-Historiker, für alle an der Entwicklung auch nur am Rande interessierten, möchte man es beinahe als ein „muß“ bezeichnen. Da jeder Besucher, von Schulklassen vielleicht abgesehen, selber “Fachmann“ ist, eigene Erlebnisse und Erfahrungen einzubringen hat, Zustimmung oder Widerspruch äußern wird, ist ein Gewinn aus dem Ausstellungsbesuch auf jeden Fall gegeben.

Seitenanfang


© Harald Jenner
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 30.6.1999