VL Museen

Ausstellungsbesprechung

Villa ten Hompel - Tatort Schreibtisch

Villa ten Hompel
Kaiser-Wilhelm-Ring 28
48145 Muenster, Germany

WWW: http://www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/

Rezensiert von:
Angela Jannelli, Hamburg
E-Mail: Angela.Jannelli@t-online.de


"Geschichtsort" Villa ten Hompel - Forschung und Bildung in "authentischer Umgebung"
Die Villa ten Hompel in Münster präsentiert sich als "Geschichtsort". Unter den Leitmotiven "Erinnern - Forschen - Lernen" wird dort die Geschichte der Polizei und Verwaltung im 20. Jahrhundert dokumentiert und ausgestellt. Im Keller der Villa werden umfangreiche Archivbestände zum Polizei- und Verwaltungshandeln bewahrt. Die Villa ten Hompel versteht sich als "Erinnerungs-, Forschungs- und Bildungsstätte". Ihr Angebot richtet sich "sowohl an Forschende als auch an Auszubildende aus Verwaltungen und Polizei, an Schulklassen und historisch Interessierte" und will "Menschen von heute die Chance [bieten], sich in authentischer Umgebung mit Tätern, Mittätern und Mitläufern von damals auseinanderzusetzen." Dies geschieht vorwiegend über Seminare und Veranstaltungen sowie die Dauerausstellung "Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung", die in den ehemaligen Wohnräumen der Industriellenfamilie ten Hompel präsentiert wird. Ein Ziel der Ausstellung soll sein, die Besucherinnen und Besucher in die schwierige und weit gehend unbekannte Thematik einzuführen, ihnen erste Zugänge zum "Tatort Schreibtisch" zu ermöglichen.


Geschichte der Villa ten Hompel
Benannt ist die Villa nach ihrem Erbauer, dem Großindustriellen Rudolf ten Hompel, der mit seiner Familie von 1928 bis zu seinem finanziellen Ruin in dem repräsentativen Gebäude wohnte. 1939 ging die Villa unter unbekannten Umständen in Reichsbesitz über und wurde dann ein Jahr später zum Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei des Wehrkreises VI, einem Gebiet, das das heutige Nordrhein-Westfalen und den Raum Osnabrück umfasste und somit den größten Wehrkreis des Deutschen Reiches darstellte. Vom Schreibtisch des Befehlshabers aus wurden Polizeibataillone zusammengestellt, deren Einsätze organisiert und koordiniert. Die Polizeieinheiten waren z.B. zuständig für den zivilen Luftschutz, die Bewachung von Fremd- und Zwangsarbeitern; sie stellten aber auch das Wachpersonal in den Arbeitserziehungslagern oder begleiteten Deportationszüge in die Vernichtungslager. In den besetzten Gebieten waren die Polizeibataillone an der Vertreibung und Erschießung der europäischen Juden beteiligt. Nach dem Krieg hatte die Land- und Wasserschutzpolizei ihren Sitz in der Villa ten Hompel. Von 1953 bis 1968 war schließlich das Dezernat für Wiedergutmachung des Regierungspräsidiums Münster hier angesiedelt.

Die Internet-Präsentation des "Geschichtortes" bietet mit ihren klar und logisch aufgebauten Informationen einen guten Überblick über die Geschichte der Villa und ihrer Nutzer. Gerade für Schulklassen bietet sie eine gute Möglichkeit zur Vorbereitung auf den Besuch. Erfreulich ist, dass sich weder Texte noch Abbildungen in der Ausstellung wiederholen.


Im Auftrag - Polizei, Verwaltung und Verantwortung
Die multimediale Ausstellung zeichnet die Geschichte der sogenannten "grünen Polizei" - also der uniformierten Polizei - zwischen 1924 und 1968 nach. Der Schwerpunkt der Präsentation liegt auf den Jahren des NS-Regimes, als die Villa Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei war. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf den Schriftverkehr, der in diesen Jahr das Haus verließ und mit "im Auftrag" unterzeichnet war. Die Frage nach der Verantwortung derjenigen, die "im Auftrag" unterschrieben, wird während der gesamten Ausstellung gestellt. Sie wird zwar nirgendwo explizit formuliert, steht aber immer im Raum. Durch diese Strategie wird verhindert, dass sich die Besucher emotional auf die Seite der Ankläger stellen und die Frage nach der Schuld der Beamten pauschal und plakativ beantworten. Die Ausstellungsmacher haben erreicht, dass sich jeder Besucher in der Ausstellung die Frage nach der eigenen Verantwort stellt. Wie hätte man selbst an Stelle der Beamten gehandelt? Vor dem historischen Hintergrund zeichnet die Ausstellung ein Bild von der Rekrutierung und Ausbildung der Beamten. Um die Präsentation nicht auf eine abstrakten Nacherzählung der Fakten zu beschränken, werden einzelne Biografien von Polizisten vorgestellt. Wie konnte innerhalb von 20 Jahren aus dem verfassungstreuen "Freund und Helfer" ein Angehöriger eines Polizeibataillons werden, der an Deportationen, Vertreibungen und Erschießungen beteiligt war. Diese Frage zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Präsentation.


Präsentation und Gestaltung - mobile Medienterminals
Die Ausstellungsmacher standen bei der Konzeption der Schau zwei großen Problemen gegenüber: Wie kann ein so komplexer Sachverhalt, möglichst einfach und klar dargestellt werden, ohne den Besucher zu überfordern? Wie mit der Fülle des vorhanden Materials umgehen? Das zweite Problem bestand in den denkmalpflegerischen Vorgaben, die große bauliche Eingriffe in die Villa verbaten. Die gefundene Lösung ist ebenso elegant wie effektiv: In jedem Raum wurden mobile Terminals installiert, die zusätzliche Informationsquellen bereithalten. Die schlanken, pulthohen Säulen sind mit Laptops und Kopfhörern ausgestattet. Über eine Maus können verschiedene Optionen der Informationsvermittlung angewählt werden. Raum für Raum kann angeklickt werden, Einzelziffer verweisen auf die Themen der Ausstellung. Die Terminals sind keine Fremdkörper in der Ausstellung. Dies liegt zum einen an ihrer eleganten und zurückgenommenen Gestaltung, zum anderen wird durch die angebotenen Materialen oft ein direkter Bezug zu den präsentierten Objekten hergestellt. Ein Beispiel: An einer Ausstellungswand ist die Fotografie eines französischen Widerstandkämpfers aus Marseille zu sehen, der Terminal bietet ein Interview mit dem Mann, in dem er die auf dem Foto festgehaltene Situation nacherzählt. Neben Interviews mit Zeitzeugen können auch historische Film- und Fotoaufnahmen abgerufen werden sowie Radiosequenzen oder Dokumente. Leider sind manche Dokumente so klein reproduziert, das sie nur noch eingeschränkt lesbar sind. Zusätzlich können die Terminals als Audioguide genutzt werden, über den ausführliche Informationen zu den Hauptthemen des Raumes angeboten werden. Durch dieses heterogene und multimediale Angebot konnten die Ausstellungsmacher auf lange und langatmige Texttafeln verzichten. Dadurch, dass die Informationen aktiv von den Besuchern abgerufen werden, haben die Terminal interaktive Qualitäten. Die Navigation ist verhältnismäßig einfach, es bleibt nur die Frage, ob technisch nicht sehr routinierte oder "computerscheue" Besucher (z.B. ältere oder behinderte Menschen), ebenfalls Nutzen aus den Terminals ziehen können.

Die Fülle und Unterschiedlichkeit der angebotenen Informationen macht die papierene Welt der Verwaltung lebendig und anschaulich. Die Gefahr der "Topolatrie" , wurde umgangen. Die Ausstellung wirkt nicht nur durch die Beschwörung der "Authentizität" des Ortes. So wurde beispielsweise bei der Gestaltung der Ausstellung bewusst auf "authentische" aber letztlich nichtssagende Objekte wie Original-Schreibtische oder Aktenordner verzichtet zugunsten von Ausstellungselementen, die als "neutrale" Informationsträger fungieren. Auf stilisierten Schreibtischen mit typischen Aktenordner-Oberflächen werden Reproduktionen von Dokumenten und Akten aus dem Verwaltungsalltag präsentiert, hinter denen die Geschichten sowohl der Täter als auch der Opfer deutlich werden.

Für die sehr gelungene Gestaltung der Ausstellung waren Studenten der Fachhochschule Münster verantwortlich (Abteilung Design, Leitung Norbert Nowotsch). Es wurde eine elegante, zurückgenommene Präsentation gewählt, die mit dem großbürgerlichen Charme der Villa korrespondiert. Die Räume sind insgesamt spärlich "möbliert", was der Ausstellung eine transparente Anmutung verleiht. Der Besucher wird nicht visuell überfrachtet, keine Unlust angesichts der zu bewältigenden Informationsmengen macht sich breit. So wird eine Spannung erzeugt zwischen der großbürgerlichen Behaglichkeit, die die Räume ausstrahlen, und dem Bewusstsein um die brutalen und unmenschlichen Entscheidungen, die hier getroffen wurden. Diese Spannung macht neugierig auf die Geschichte des Hauses und seiner über die Jahrzehnte wechselnden Benutzer.


Der Ausstellungsgang
Die Geschichte der Polizei zu Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der sich auf fünf Räume und 170 qm erstreckenden Ausstellung facettenreich und prägnant dargestellt. Die fünf Räume entsprechen fünf Kapiteln der Geschichte:

Raum 1 erklärt die Nachrichtenübertragung - Kommunikation als einer der Grundlagen für das Funktionieren von Verwaltungsstrukturen. Hier finden viele interaktive Elemente ihren Einsatz: An einem Fernsprecher kann der Besucher Originalmeldungen abhören. Ein stilisiertes Radio verdeutlicht, dass der Rundfunk auch für Ermittlungszwecke genutzt wurde und zudem ein wichtiges Propaganda-Medium darstellte.

Raum 2 befasst sich mit dem Leitbild der Polizei als "Freund und Helfer", wie es in der Zeit der Weimarer Republik im Kontrast zum preußischen Ordnungshüter geschaffen wurde und auch nach dem 2. Weltkrieg fortbestand. Das Plakat als Medium zur öffentlichen Diffusion steht hier buchstäblich im Mittelpunkt. Da der Raum sehr klein ist, wirkt er durch diese Art der Präsentation unübersichtlich und zerrissen. Es wird die Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis hin zu BRD und DDR anhand von Plakaten nacherzählt. Die Fülle an Informationen und das Nebeneinander zahlreicher Plakate und Objekte lässt hier eine klare thematische Struktur vermissen.

Raum 3 präsentiert die Geschichte der "grünen Polizei im braunen Staat". Hier wird die Gleichschaltung der Polizei und ihre Unterordnung zur SS thematisiert. Die Aufteilung in Schutz- und Ordnungspolizei wird erläutert, Arbeitsutensilien und Uniformteile stehen stellvertretend für die Funktionen und Aufgaben der Polizei an Front und Heimatfront. Ein schematisches Organigramm informiert über die verwaltungsrechtlichen Hierarchien.
Raum 4 widmet sich den "Auslandseinsätzen" der Polizei in den besetzten Gebieten. "Kontrollieren, Umsiedeln, Säubern", sind die Stichworte, mit denen die Aufgaben im NS-Jargon überschrieben werden. Über einen Touchscreen-Monitor kann der Besucher Filme über den Arbeitsalltag und Freizeitgestaltung an der Front auswählen. In diesem Raum werden zwei exemplarische Täterbiografien vorgestellt, die die Polizisten auch in ihrer bürgerlichen Normalität als Ehemann und Vater zeigen. Die von Hannah Arendt beschworene "Banalität des Bösen" wird hier offensichtlich.

Die Ausstellung berichtet auch von den Opfern der Polizeieinsätze: Anhand weniger Biografien werden die Folgen des "Funktionierens" des Apparates gezeigt. Allerdings steht die Perspektive der Opfer nicht im Mittelpunkt der Präsentation. Die Identifikation der Besucher mit den Opfern wird so verhindert und die Auseinandersetzung mit der Verantwortung der Täter erzwungen. Vor allem dieser Aspekt der Umsetzung ist sehr gelungen. Fast überflüssig erscheint daher die sehr emotionalisierende Inszenierung in einem kleinen Nebenraum: Durch einen Vorhang betritt man einen völlig abgedunkelten Raum, an den Wänden ist nur ein leichtes, rhythmisierendes Lichtflackern zu sehen, zu hören ist das Geräusch eines fahrenden Güterzuges. Es soll das Gefühl suggeriert werden, man befinde sich in einem fahrenden Viehwaggon, einem Deportationszug. Diese Inszenierung wirkt mit ihren "Gruselschocker"-Qualitäten etwas deplaziert in der ansonsten sehr unemotionalen Ausstellung.
Raum 5 zeigt die Nachkriegssituation der Villa als Sitz der Wiedergutmachungsbehörde. Hier können sich die Besucher in einer angedeuteten Inszenierung von Karteikästen und Ordnern die Schicksale einzelner Antragssteller informieren. Wer erhielt Wiedergutmachung? Wer nicht? Und warum?

Der letzte Ausstellungsraum war ehemals die Empfangshalle der Villa. Er wirkt immer noch wie ein Transitraum. Von hier aus gelangt man in die oberen Stockwerke, die die Bibliothek, Medien- und Seminarräume sowie die Verwaltung beherbergen. Die Wahl, diesen Durchgangsraum ans Ende der Ausstellung zu halten, ist sehr gelungen. Es wird vermittelt, dass Geschichte nichts abgeschlossenes ist, sondern sich bis heute fortsetzt.
Im ersten Stock der Villa wurde in die Bibliothek ein Medienraum mit sechst PCs integriert. Hier bietet sich für Gruppen die Möglichkeiten, das Gesehene nachzuarbeiten. Über die Computer kann der Inhalt der Medienterminals aus der Ausstellung abgerufen werden. Zusätzlich bieten sie die Möglichkeit, gezielt nach bestimmten Medien oder Inhalten zu suchen. Leider ist die Verschlagwortung relativ grobmaschig, sie könnte noch verfeinert werden.


Fazit
Die Rezensentin hat den Ausstellungsbesuch als sehr gelungen empfunden. Das komplexe und "sperrige" Thema - die Darstellung von Verwaltungshandlungen und ihren Folgen - wurde sehr gut aufgearbeitet und präsentiert. Der Zugang zum Thema wurde nicht zuletzt durch die elegante Gestaltung interessant gemacht und erleichtert. Über der Ausstellung sollte - so der Leiter der Villa ten Hompel, Dr. Alfons Kenkmann - kein erhobener Zeigefinger schweben, jeder Besucher sollte sich selbst sein Bild vom Funktionieren des Polizeiapparates machen können, jeder sollte für sich selbst die Frage nach der Verantwortung stellen. Die vielfältigen, multimedial und intelligent aufbereiteten und innovativ eingesetzten Informationen machen dies möglich. Künstlerische Ansätze in der Präsentation sprechen die Sinne an und vermitteln Inhalte auf emotionale Art. So zeigt z.B. ein Videoloop das Marschieren von Stiefeln, darauf projiziert sind Euphemismen aus der Verwaltungssprache. "Umsiedeln" und "Säubern" - dahinter verbirgt sich Vertreibung und Vernichtung.

Ein Besuch der Ausstellung bringt nicht nur einen Wissenszuwachs, sondern stellt auch eine sinnliche Erfahrung dar - zwei wesentliche Merkmale einer guten Ausstellung!


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Dokument erstellt am 15.3.2003