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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

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Alexander von Humboldt

Rezensiert von
Norbert Gonsior

Alexander von Humboldt
Netzwerke des Wissens

Kunst- und Ausstellungshalle der 
Bundesrepublik Deutschland in Bonn
15. September 1999 - 9. Januar 2000

Katalog:
Alexander von Humboldt - Netzwerke des Wissens, 
hg. von der Kunst- und Ausstellungshalle der 
Bundesrepublik Deutschland GmbH, 
Ostfildern-Ruit 1999

Website:
http://www.kah-bonn.de 


Die Ausstellung

Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland präsentiert zur Zeit eine Großausstellung über Alexander von Humboldt mit dem Untertitel „Netzwerke des Wissens“. Etwa 600 Exponate - z.T. aus den von Humboldt bereisten Ländern zusammengeholt - sollen einen Eindruck vom Leben und Forschen dieses einzigartigen Mannes geben und ihn uns in der Vielseitigkeit seiner Wissensgebiete näherbringen. Dazu wird durch Gemälde, Zeichnungen, Geräte, Videoprojektionen und Klanginstallationen versucht, die „Ausstellung zu einem intellektuellen und sinnlichen Erlebnis“ (Begleittext) zu machen. Hier muss sogleich angemerkt werden, dass bei aller Fülle des vorgestellten Materials die Präsentation dem Besucher nicht immer zu dem angekündigten  Erlebnis wird. Hier wurden manchmal Möglichkeiten verschenkt. Brav wurden die Wände mit Bildern usw. behängt, Vitrinen mit Büchern und Instrumenten bestückt. Aber wo bleibt die Atmosphäre etwa des Urwaldes? Ein recht kleines Aquarium und leise Geräusche aus einem Lautsprecher sind zu wenig.  (Anm. des Rez.: Dass es auch anders und besser geht, zeigt die im gleichen Haus laufende Ausstellung „Orinoko-Parima“, die man unbedingt als Ergänzung zu dieser Humboldt-Ausstellung sehen sollte. )

Die Ausstellung über A. v. Humboldt wird im Obergeschoss des Hauses gezeigt. In 12 Abteilungen („Ausstellungsstationen“) werden Leben und Werk des Naturforschers vorgestellt.

In der Eingangshalle ( Station 1 ) erwarten den Besucher drei große Fahnentransparente  mit 20 Porträts Humboldts in den verschiedenen Altersstufen. An der rechten Wand findet man hunderte von Firmen, Institutionen, Produkten usw., die seinen Namen tragen. Es sei noch dazu bemerkt, dass im Internet  30 365 Einträge zu dem Namen „Humboldt“ zu finden sind. Die Eingangswand ist mit einer Vielzahl von Lobsprüchen über den großen Gelehrten angefüllt. Nicht ohne Ironie sind in 4 Vitrinen triviale „Humboldt-Produkte“, z.B. Bleistifte und „Humboldt“-Schnaps ausgestellt.

Dermaßen eingestimmt  wendet sich der Besucher der zweiten Station zu. Thema ist hier die geistige Situation der Zeit, in der Humboldt aufwächst, seine Familie, Freunde und Lehrer. Eine recht lockere Einführung in die Zeitsituation liefert ein Fernsehfilm ( Länge: 5 Minuten ) in Form der bekannten „Tagesthemen“: U. Wickert spricht über die Aufklärung und das Leben in Berlin.

Dass aber Humboldt seine Jugendzeit - er wurde bis zum 16. Lebensjahr von Hauslehrern erzogen - als unglücklich erlebt hat, wird nur als Zitat geliefert: „Mein Zimmer war ein offenes Grab.“ Schloß Tegel, in dem er aufwächst, wird von ihm „Schloß Langweil“ genannt. Hier bleibt die Präsentation merkwürdig blaß: Porträts der Eltern ( Vater war Kammerherr ), Medaillon seines Bruders Wilhelm ( ohne Hinweis auf dessen wissenschaftliche Bedeutung ! ), Porträt Alexanders mit 27 Jahren, Bild von Schloß Tegel. Stiche: Unter den Linden und Fesselballonflug. -  Von dem jungen Humboldt ist nur eine Schülerzeichnung „Turbangekrönter Kopf ( nach Rembrandt )“ zu sehen. Seine Neigungen: Ein Botanisches Lehrbuch ( Jacquin ), „Pflanzenkenntnis“( Linné ).

Persönliches: Robinson der Jüngere ( J.H. Campe ) und ein Poesiealbum mit Widmung.  - An der rechten Wand Stiche von D.v. Chodowiecki, der vielleicht Humboldts Lehrer war, von Berlin ( Tiergarten ) und zu den Idealen der Aufklärung, in deren Geist Humboldt erzogen wurde: Bildung des Geistes, Toleranz, Aufklärung, Verbesserung der Sitten.

In der dritten Station geht es um die Studienzeit und die ersten Berufsjahre Humboldts. Er studierte an der Bergakademie Freiberg und arbeitete dann als Oberbergrat in Bad Steben. Hier erwirbt er sich Anerkennung als Manager, Forscher und Erfinder. Links vom Eingang zeigt ihn ein Porträt ( 1798 ) als jungen Mann voller Geist und Energie. Informative Großfotos in Leuchtrahmen an der linken Frontwand geben einen Überblick: 1. Ansicht von Freiberg, 2. Ein Amalgierwerk, 3. Ein Riss der Bergwerke. - Zu der Zeit beschäftigt sich Humboldt verstärkt mit der Frage nach dem Ursprung der Gesteine und der Definition des Lebens. Dazu hängen an der Wand drei Schaubilder zu galvanischen Versuchen. Gut zur Veranschaulichung des Themas ist davor eine Apparatur mit dem Titel „Der elektrische Kuss“. Der Besucher kann den Apparat bedienen. ( Weitere zwei Elektrisiergeräte waren zum Zeitpunkt des Besuches leider defekt.)  - Literatur zum gleichen Thema findet sich in der Vitrine rechts an der Wand: „Über die Chemie der Luft, der Basalte im Rhein; über die Reizung der Nerven...“ Daneben findet man zwei Froschschenkel nebst Experimentierkasten zu elektrostatischen Versuchen. -

Die Hauptvitrine in Raummitte zeigt ein von Humboldt erfundenes Atemgerät sowie eine Grubenlampe. Modelle von Bergwerksmaschinen - z.B. eine Wassersäulenmaschine -  runden den Überblick ab.

Die vierte Station gibt an Hand von Diaprojektionen, Gemälden, Zeichnungen, Karten und wissenschaftlichen Geräten einen Eindruck davon, wie Forschungsreisen zu Humboldts Zeiten verliefen und mit welchen Problemen zu kämpfen war. Interessant sind besonders die Auftragsgemälde Bellermanns, die die Fotografie ersetzen mussten. An der rechten Wand eine Karte Waldseemüllers ( 1507 ), auf der zum ersten mal der Name „America“ verwendet wird. Informativ sind die zum Gebrauch ausgestellten Instrumente ( z. B. Sextanten ) mit vertändlicher Anleitung.

Ein Durchgangsraum leitet zu den Expeditionsreisen Humboldts über. Sehr eindrucksvoll ist der südliche Sternenhimmel an der Decke. Man geht über einen von unten beleuchteten Glasfußboden mit der Karte Europas und Südamerikas, auf der die Reisen Humboldts eingezeichnet sind. Eine gute Einstimmung !

Die Reise Humboldts, die in den USA endete, wird nun in 9 Abteilungen („Stationen“) vorgestellt:

In der ersten Abteilung wird die „Erforschung der Flüsse und Urwälder“ veranschaulicht. Zeichnungen vom Orinoko, Amazonas usw., schöne Gemälde Bellermanns ( „Punta de Chocolata“, „Die Jagd auf den Jaguar“, „Humboldt in der Urwaldhütte“ )  sowie ein Bootsmodell vermitteln ein anschauliches Bild der Forschungsarbeit. Sehr interessant sind die Originalzeichnungen Humboldts von Insekten, Schmetterlingen usw. Ein - zu kleines- Aquarium und Wassergeräusche aus Lautsprechern sollen Urwaldatmosphäre vermitteln. Mit etwas Phantasie wäre hier mehr machbar gewesen.

Der anschließende Raum ( Abteilung 2 ) hat das Thema „Unmoral, Unterdrückung und Zwangschristianisierung“ zum Thema. In der Mitte des Raums ein originaler „Halsstock“ aus Havanna, ungeschickt, weil zu tief, präsentiert. Eindrucksvoll die Diaprojektion zur Behandlung der Indios, Großphotos zu Zuständen auf den Zuckerplantagen in Kuba. Beklemmend Fußeisen, Peitsche und Belegungsplan eines Sklavenschiffes in der Vitrine.

Humboldts philanthropische Gesinnung hätte hier mehr herausgestellt werden können.

Die nächste Abteilung ( Nr. 3 ) hat die „Botanischen Studien“ zum Thema. In der Mitte des Raums zeigt ein Karree mit einigen hundert beschrifteten Täfelchen, wie ungeheuer groß die wissenschaftliche Ausbeute war: Ca. 3600 neue Pflanzenarten wurden bei Expeditionen gefunden! Vitrinen mit Büchern, Gemälde und botanische Zeichnungen beeindrucken den Besucher. Interessant auch das Gemälde F.J. de Caldes, der das Chinin entdeckt hat. In einer Vitrine  davor eine Hand voll Chinarinde.

Im anschließenden Raum ( Abteilung 4, 6 und 7 ) , der die Maße des mit Gold gefüllten Raumes Athahualpas hat, haben wir rechts Gefäße und Werkzeuge der Inkas und Chimú sowie Materialien zur Erforschung des Humboldt-Stromes, links Goldschmuck des „El Dorado“ bei Bogota und Zeichnungen dazu. Der sich anschließende große Ausstellungsraum hat den Vulkanismus und die Pflanzengeographie ( Abteilung 5 ) in Südamerika, speziell am Beispiel des Chimborazo zum Thema. Zeichnungen , Humboldts Koffer, wissenschaftliche Instrumente, aber auch ein ausgestopfter Kondor sorgen für Anschaulichkeit.

Weiter geht es im nächsten Raum  ( Abteilung 8 ) nach Mexiko: Ein Kalenderstein der Azteken, ein Faltbuch über Zahlungen an einen Tempel, Statuen von Göttern und Göttinnen... Erstaunlich auch hier die dokumentierte wissenschaftliche Ausbeute Humboldts.

Die wissenschaftliche Reise endet ( Abteilung 9 ) in den USA. Auch hier liefern die „Tagesthemen“ ( Sprecher: U. Wickert ) wichtige Informationen. Nachdenklich macht, dass Humboldts Erforschung Mexikos die Begehrlichkeit der USA auf dieses Land geweckt haben könnte.

Die kleine achte Station ist Humboldts Pariser Zeit gewidmet, in der er auch mit Simón Bolívar und Napoleon zusammentraf. In einer Vitrine eine Computerdarstellung seines großen Reisewerkes in 34 Bänden mit 1400 Kupferstichen - das größte und teuerste Werk, das je ein Forscher herausgegeben und dazu auch noch selbst bezahlt hat.

In der neunten Station wird ein Überblick über die russisch-sibirische Forschungsreise , die bis an die chinesische Grenze führte, gegeben. Sehr anschaulich ein Schneeleopard, eine Vitrine mit Nasspräparaten aus Russland und eine mit geologischen Proben.

Die zehnte Station ist Berlin, „der moralischen Sandwüste“ , gewidmet, die Humboldt zum Blühen bringen will. Hier schreibt er sein Alterswerk „Kosmos“.

Panoramatapeten z.B. vom El Dorado, Virinen mit persönlichen Gegenständen (Stock, Uhr, Briefen usw. ) geben einen Eindruck von seiner Wohnung und seiner Privatsphäre. Der Raum wird in der Mitte durch ein Paravent mit einer großen Darstellung seines Arbeitszimmers geteilt. - Dahinter in einer Sitzecke ( Station zwölf mit dem Titel „ Humboldts Kosmos “ ) kann der Besucher per Kopfhörer Fünfminuten-Ausschnitte aus sechs bekannten Vorträgen Humboldts hören. Eine gelungene Zusammenfassung der Ergebnisse eines Forscherlebens ! Auch optisch eindruckvoll ist hier eine Bibliothek, in der sämtliche Bücher Humboldts stehen.

Die Ausstellung endet mit dem „Humboldt-Netzwerk“ ( Station elf ). Humboldt, der die Einheit der Natur als Netzwerk begriff, schuf selbst ein gigantisches Netzwerk der wissenschaftlichen Kommunikation, wovon ca. 50 000 ( ! ) Briefe zeugen. So kann seine Bedeutung als Anreger anderer Wisenschaftler gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gut ist in diesem Raum die Idee, den Zuschauer durch ein Computerquiz ( mit Preisen ) den Besucher zur Rückschau und zum Überdenken anzuregen. Der Information dient auch eine Leseecke mit einer „Bücherkiste“.

Zusammenfassend sei gesagt, dass es den Ausstellungsmachern erstaunlich gut gelungen ist, den manchmal doch etwas trockenen Stoff lebendig zu präsentieren. Auch um den wichtigen Aspekt, den Besucher handelnd einzubeziehen, hat man sich gekümmert. Mehr wäre hier möglich gewesen. - Die staunenswerte Fülle der Ausstellungsobjekte wird insgesamt so ansprechend präsentiert, dass sich ein Besuch unbedingt lohnt. Schulklassen kommen aber ohne eine fachkundige Führung nicht aus.

 Begleitprogramm

Für Schulklassen wurden das Suchspiel „Wir Wiederentdecker“ und das zweiseitige Arbeitsblatt „Reiseroute“ ( Sekundarstufe II ) entwickelt. Für Lehrer gab es eine Informatinsveranstaltung. Ein umfangreiches Workschop-Programm wendet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Katalog

Der Katalog ( 240 Seiten, 200 Abbildungen, davon 130 farbige ) nimmt eingehend Bezug auf die in der Ausstellung angesprochenen Themen, führt aber weit darüber hinaus. Hier äußern sich namhafte Vertreter  verschiedener Disziplinen ( gut lesbar ! ) zur Biographie des großen Forschers, seine Forschungsgebiete bis hin zu Themen wie „H. und die Photographie“. Eine Einzelrezension der verschiedenen Beiträge erübrigt sich an dieser Stelle.

Ein Manko des Katalogs darf allerdings nicht verschwiegen werden: Die herkömmliche und gewohnte Benennung und Kurzbeschreibung jedes ausgestellten Objekts fehlt. Ein sozusagen „kontrollierender“ Besuch der Ausstellung ist nicht möglich. Das ist gut so. Aber es fehlt dadurch auch die Möglichkeit, zu Hause in aller Ruhe die Ausstellung noch einmal zu betrachten und vor dem "geistigen Auge" ablaufen zu lassen.

© Norbert Gonsior
Kirchender Dorfweg 9
58313 Herdecke

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Dokument erstellt am 22.12.1999