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Ausstellungsbesprechung

 

Geburt der Zeit
Eine Geschichte ihrer Bilder und Begriffe -

Museum Fridericianum Kassel
12.12.1999 - 19.03.2000

Website:
http://www.uni-kassel.de/museum/

Katalog
Geburt der Zeit. Eine Geschichte der Bilder und Begriffe,
hg. Hans Ottomeyer, Sven Lüken, Micha Röhring,
Wolfrathausen 1999

Rezensiert von
Norbert Gonsior, Herdecke


„Geburt der Zeit“ - Der Titel macht neugierig. Und wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nicht um eine philosophische Abhandlung, sondern um den Titel einer Ausstellung handelt, wird unser Interesse noch besonders geweckt. Der Untertitel „ Geschichte ihrer Bilder und Begriffe“ verrät, worum es sich hier handelt: „Die wechselnden Vorstellungen von Zeit durch Kunstwerke und Zeitmesser darzustellen. Dabei spielt der Rückbezug auf die Geburt Christi ... eine hervorgehobene Rolle.“ ( Flyer ) - Es geht also hier um Zeitvorstellungen, Zeiterleben und letzten Endes auch um den Begriff von Geschichte. Wie dabei der Zeitbegriff als Funktion von Glaube, Zivilisation und Technik herausgestellt wird, ist einer der großen Vorzüge dieser im Übrigen hervorragenden Ausstellung.

Das eigentlich so wenig fassbare Thema wird in insgesamt 13 Räumen visualisiert und geistesgeschichtlich gegliedert. Der Besucher wird in die „Zeit im Wandel der Zeiten“ ( Info- text ) schon im Eingangsbereich des ersten Stockwerks durch eine mannshohe, eigens für die Ausstellung angefertigte Sanduhr, die ihm das Dynamische dieses Phänomens sichtbar machen soll, auf das Thema eingestimmt. Ergänzend dazu gibt es dort zwei Diaschauen ( „Jahres- zeiten“ ), einen vorgeschichtlichen Mondkalender, eine Horizontalsonnenuhr und eine Diaschau „Zeit im Kunstwerk“ ( Hessischer Rundfunk ).

Im Raum 1 mit dem nicht gerade glücklichen Titel „Vorgeschichte der Zeit“ finden sich links und rechts vom Eingang Zeugnisse schriftloser Kulturen von Mondkult und Sonnenverehrung. Beeindruckend ein großer kreisrunder Sandstein aus Südsibirien ( 2. Jahrtausend v. Chr. ) als Idol des Sonnengottes, bei dem ein drittes, magisches Auge mitten in der Stirn sitzt. Davor ein Modell der prähistorischen Anlage von Stonehenge. Rechts vom Eingang aus dem gleichen Vorstellungskreis der berühmte Sonnenwagen von Trundholm und ( in der gleichen Vitrine ) als überraschende Ergänzung eine Steinplatte, ebenfalls mit der Darstellung eines Sonnenwagens, daneben ein Idol in einem Ring von 23 Rechensteinen.

Mit ein paar Schritten macht der Besucher einen gewaltigen Sprung in das geschichtliche und damit wohl fassbare Ägypten. Die Fensterseite des Saales zeigt die Sonnengottvorstellungen Mesopotamiens ( hiervon kein Exponat ) und Ägyptens. Neben einer schönen ägyptischen Wasseruhr mit 12 Zeitskalen eine Sonnenuhr aus Qumran. In der Mitte der Stirnwand eine Kopie des berühmten Tierkreises von Dendera aus ptolemäischer Zeit. Links am Fenster in einer Vitrine Kleinstatuetten: Osiris als Mondgott, Geburt des Horus, Thot als Notar... Auch wenn die Menge der Exponate zu einer strikten Auswahl zwang, hätte man sich hier weitere und bessere Zeugnisse über ägyptische Zeit- und damit auch Jenseitsvorstellungen gewünscht.

Der rechts befindliche Saal mit dem Titel „Die Zeit der Antike“ bringt Zeugnisse aus verschiedenen Epochen Griechenlands und Roms. Rechts ein schönes Relief „Chronos krönt Homer“, daneben Kairós, der Gott des richtigen Augenblicks. Rechts vom Eingang Helios mit seinem Viergespann ( Troja ). Weiter interessant ein Modell des Pantheon als Tempel der Planetengötter und ein Himmelsglobus. Höhepunkt ist eine Sarkophagseite ( 3. Jhdt. n. Chr. ) mit den Allegorien der vier Jahreszeiten, Dionysos (!) in der Mitte. Daneben steht ein prachtvoller Rundaltar, der ebenfalls die vier Jahreszeiten zeigt. - Bei aller Schönheit der Exponate muss aber hier angemerkt werden, dass gerade das Typische antiker Geisteswelt, das Bewusstsein zyklischer Zeit, und zwar nicht nur im Sinne der Jahreszeitzyklen, nicht thematisiert wird. Der übernächste Raum ( Nr. 6 ) bietet mit seinen Exponaten zum christlichen Zeitbegriff dazu den denkbar größten Kontrast.

Zuvor aber vermitteln die Abteilungen 3,4 und 5 in den beiden nächsten Räumen mit den Titeln „Jahreslauf und Volksbräuche“, „Zeitbegriff des Judentums“ und „Kalender fremder Kulturen“ Einblick in das Leben bestimmter Gruppen im Verlauf eines sozusagen liturgischen Jahres. Als interessantes Beispiel für deutsche Volksbräuche steht am Eingang ein großes Osterfeuerrad ( Lügde ). Videofilme dokumentieren diese Bräuche. Dazu passen überraschend Exponate aus dem Judentum, das ebenso in Stationen eines liturgischen Jahres und in religiösen Festen denkt (Chanukka- und Menoraleuchter, Kalender usw. ). - Auch aus Mexiko ( Kalenderstein ), China und Japan ( Vasen mit Jahreszeitenblüten ) und Arabien ( Astrolabium ) liegen Exponate vor.

Herrliche Ikonen in Raum 6 ( Tretjakov-Galerie, Moskau ) zeugen von christlichem Zeitverständnis. Die erfahrene Zeit erhält nun ihren Sinn in einer neuen heilsgeschichtlich eschatologischen Dimension. Insofern stehen die Ikonen mit der Geburt Christi als Punkt der „Fülle der Zeit“ am Anfang. An der linken Wand ein großformatiger Reisealtar aus Wologda. An der Stirnwand sehen wir Ikonen der Prophetenreihe und der Geburt Christi, rechts daneben ( 15. u. 16. Jhdt. ) entsprechende Bilder von Campin und einem unbekannten Niederländer. Interessant ist hier die sozusagen „ruhende Zeit“ der Ikone im Gegensatz zum Punktuellen der westlichen Malerei - In der hinteren Koje finden wir eine herrliche Ikone der Hl. Dreifaltigkeit ( Moskau, 16. Jhdt. ) mit der christlichen Aussage der Existenz Gottes ausserhalb und „vor aller Zeit“. An der linken Wand hängt sozusagen das geistige Pendant, das Ende aller Zeit, formuliert in dem Bild des himmlischen Jerusalem, eingerahmt von den zeitlichen Wochentagen, die wiederum durch heilsgeschichtliche Ereignisse dargestellt werden. An der rechten Wand finden sich exzellente Beispiele der verschiedenen Marienikonen, wobei die „Muttergottes von Kasan“ ( 2. Ikone von links ) besonders zu erwähnen ist. - Sechzehn Stiche Dürers zum „Marienleben“ bilden den Kontrast zur orthodoxen Bilderwelt. Insgesamt muss gesagt werden, dass allein schon dieser Raum den Besuch der ganzen Ausstellung wert ist.

Der nächste Raum unter dem Motto „ Herrschaft über die Zeit - Christliche Zeitrechnung“ führt in das Leben der Mönche des Mittelalters, bei dem die Zeit als gegliedert und gleichzeitig geordnet verstanden wird. Der strömende Fluss - als Geschenk, Chance und Verpflichtung begriffen - muss möglichst genau eingeteilt werden. Dazu ( in der Vitrine links ) das Buch „Der Triumph der Zeit“ ( Petrarca ) und ein Buch zur Berechnung des Osterfestes ( Beda Venerabilis ). In der nächsten Vitrine zeigt die Schädelsche Weltchronik das Weltbild des Mittelalters mit Gott als Beweger über der Erde und den Planeten, die sich um die Erde bewegen. - Ein Breughelbild „Sintflut“ und die sogenannten „Würzburger Lügensteine“ sowie Sepiazeichnungen der Urwelt ( Wand rechts ) vermitteln einen Eindruck von einer sich andeutenden Unsicherheit. Kontrastierend stehen daneben für die religiöse Überzeugung ( linke Wand ) 14 Stiche Dürers zur Apokalypse und entsprechende Ikonen. Korrespondierend an der Stirnwand die Ikone „Weltgericht“ und ein Alabasterrelief mit gleichem Thema von Dupré aus dem Alabasterzimmer des Kasseler Schlosses.

Die Mitte des Raumes nehmen mehrere Kirchenglocken und eine Turmuhr ( Hessen ) mit Räderübersetzungen und Spindelhemmung ein. Zu sehen sind an der rechten Wand Vitrinen mit Tischuhren, Hausuhren, Türmchenuhren usw. Auch die bekannten Stiche Dürers „Ritter, Tod und Teufel“, „Melancholia“ und „Hieronymus“ ( alle mit dem Verweis auf die Zeit ) fehlen nicht. - In einer Koje mitten im Raum Breviere zum Stundengebet, Ablassverzeichnisse, Kalender und Almanache.

Der Besucher muss nun zurück durch die Räume 7 - 1, um in den linken Flügel des Geschosses mit den Räumen 8 - 13 zu gelangen. Unter dem Titel „Das Copernikanische Zeitalter“ geht es hier um ein neues Verständnis von Zeit, ihrer Abläufe und um neue Möglichkeiten ihrer Messung im Zuge der Revolutionierung des Weltbildes. Links vom Eingang zeigt ein von der Decke hängendes Planetenmodell das neue Weltbild, darunter in einer Vitrine sieht man Planetenzeichnungen und ein Astrolabium. Verschiedene Kalender in den Vitrinen stellen den Bezug zur Kalenderreform Gregors XIII. ( 1582 ) her. Hier wären mehr erläuternde Informationen wünschenswert ! - Hinter einer prächtigen astronomischen Säulenuhr ist ein „Kunstkabinett“ aufgebaut, in dem sich eine große Zahl erlesener, einmaliger Uhren und Instrumente befindet. Die rechte Wand des Raumes weist mit mehreren Stillleben auf den Vanitas-Gedanken des Barock hin, sozusagen auf die andere Seite neben der wissenschaftlichen Aufkärung. An der hinteren Stirnwand bemerkenswert : 4 Jahreszeitengemälde von J. Heiss, gegenüber Glasscheiben mit Darstellungen der bäuerlichen Arbeiten im Jahreskreis.

Der neunte Raum ( „Sinnbilder der Zeit“ ) bringt Allegorien der Zeit, Sprichwörter, Lebensweisheiten. Besonders erwähnenswert ist ( links ) „ Die Zeit bringt die Wahrheit ans Licht“ und Chronosdarstellungen. Sehenswert auch ( gegenüber liegende Wand ) das Tonmodell eines Grabmals von V. Sonnenschein, bei dem die Grabplatte aufplatzt und die Tote mit ihrem Kind wieder zum Licht kommt. Ein Nebenkabinett ( Nr. 10 ) zeigt „ Festbräuche zum Jahreswechsel“, dabei schöne Krippen.

Der Raum Nr. 11 mit dem Titel „Das Jahrhundert als Kulturepoche“ liefert die Zeitauffassung der Französischen Revolution und des Empire: Eine neue Epoche, eine neue Zeitrechnung - ohne Gott ! Rechts im Raum entsprechende Kalender aus Frankreich. In der Mittelvitrine liegt ein großes Zeitdiagramm „Die Welt als Geschichtsablauf“, bzw. der Fluss der Zeit. Neben einem interessanten Gemälde „Napoleon von der Zeit gekrönt“ ( J.B. Mauzaisse ) sind Uhren des Empire ausgestellt. An der Stirnwand vier Vitrinen mit Marinechronometern und Sextanten sowie ein riesiges „Passageinstrument“ ( Hamburg 1829 ). Die praktische Verwendung der vielfältigen Instrumente wird in einer kleinen Sammlung zu A. von Humboldts Forschungsreisen belegt. Und weil wir uns in der Zeit der Romantik befinden, ist in einer Kabine die „Gebirgige Flusslandschaft am Morgen und bei Nacht“ ( zweiseitig bemalt ) von C.D. Friedrich zu sehen.

Der letzte Saal ist eingeteilt in die Abteilung Nr. 12 ( „ Das Jahrhundert als Kulturepoche um 1900“ ) und Nr. 13 ( „Sklaven der Zeit - Kunst im XX. Jahrhundert“ ). Zeugnisse des Jugendstils und des Art Deco ( Monatsvasen, Jahreszeitvasen, Gemälde, Plakate, Gläser, Uhren... ) weisen auf das Bewusstsein einer anbrechenden neuen Zeit und einen neuen optimistischen Impuls hin. Im Kontrast dazu Zeugnisse der Zeit als materiellem Gut, etwa das Gemälde eines Industriellen, der seine Taschenuhr zückt. In der goldenen Uhr des Fabrikbesitzers und der Taschenuhr des Arbeiters mit der Einteilung des Achtstundentages ( „ Wir wollen 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Weiterbildung, 8 Stunden auszuruhen.“ ) zeigen sich die sozialen Verhältnisse. Wie sehr sich die Zeit des Einzelnen bemächtigt und ihn beherrscht, wird an den nun aufkommenden individuellen Armbanduhren und der Stechuhr deutlich. Als Beispiel moderner Zeittheorie und Zeitmessung liegen eine Schrift Einsteins, eine Atomuhr und eine Funkuhr aus. - Die Ausstellung endet mit Darstellungen der Zeit: Fotografien von Bewegungsabläufen ( rechts ) und eine sehr schöne Zusammenstellung von entsprechenden Gemälden, angefangen mit Kandinsky, Beckmann, Zeugnissen des Konstruktivismus, Futurismus usw. bis zu einem Traumbild Chagalls „Die Uhr“.

Abschließend ist zu sagen, dass die Ausstellung in ihrer Überfülle wirklich jedem interessierten Besucher etwas bringt. Man könnte sich noch wünschen, manche Zeitepochen etwa an Geräusch- und Musikbeispielen (Choräle, Maschinen, Eisenbahn, Jazz... ) evtl. mit einer Kopfhöreranlage illustriert zu bekommen. Auch einige Sitzgelegenheiten zu beschaulichem Verweilen wären wünschenswert.

P.S. Das „Nürnberger Ei“ des Peter Henlein vermisst man nicht.


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Dokument erstellt am 29.02.2000