VL Museen

Ausstellungsbesprechung

Eine Ausstellung - zwei Rezensenten
Rainer Göttlinger | Wanda Löwe

Troia - Traum und Wirklichkeit

17. März bis 17. Juni 2001
Stuttgart, Forum der Landesbank Baden-Württemberg

14. Juli bis 14. Oktober 2001
Braunschweig, Braunschweigisches Landesmuseum und 
Herzog Anton Ulrich Museum / Burg Dankwarderode

16. November 2001 bis 17. Februar 2002
Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Katalog:
Troia - Traum und Wirklichkeit. Herausgegeben vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, Stuttgart: Theiss, 2001. 496 Seiten mit ca. 500 meist farbigen Abbildungen. 24,5 x 30 cm. Gebunden mit Schutzumschlag ISBN 3 8062 1543 X
Subskriptionspreis bis zum 31.03.2002: DM 69,- (danach: DM 82,-)

Website
http://www.troia.de

Rezensiert für VL Museen von
Rainer Göttlinger, WebMuseen, Schwanstetten


Noch nie war es so leicht, den genauen Standort einer Ausstellung ausfindig zu machen: ein 14 Meter hohes hölzernes Pferd, das aus der Ferne wie Spielzeug wirkt und erst aus nächster Nähe seine wahren Dimensionen enthüllt, weist den Besuchern den Weg in das "Forum der Landesbank Baden-Württemberg" gleich neben dem Hauptbahnhof.

Ein Großteil der archäologischen Funde war noch nie außerhalb der Türkei zu sehen. Das Land am Bosporus, seit jeher Bindeglied zwischen Orient und Okzident, verweist voller Stolz auf dieses Beispiel kultureller Zusammenarbeit zwischen Ländern, die sich zunehmend nahe stehen - immerhin leben Millionen Türken in der Bundesrepublik, und als Reiseland ist die Türkei den Deutschen ebenfalls seit längerem vertraut.

Die Ausstellung

Wer insgeheim hofft, den berühmten "Schatz des Priamos" bzw. dessen Replik zu Gesicht zu bekommen, wird enttäuscht sein. Man habe nicht an der heiklen Frage der Beutekunst rühren wollen, hieß es dazu aus Stuttgart. Ebenfalls nicht in der Ausstellung zu sehen ist auch die kykladische Reliefamphora, die für das Plakatmotiv Modell gestanden hat. Wie alle (!) anderen bei griechischen Museen angefragten Objekte war auch sie "bereits anderweitig verplant".

Der Rezensent hat keines der beiden Stücke ernsthaft vermißt, sondern erlag der Faszination einer Ausstellung, die ihresgleichen sucht. Raumangebot, Lichtführung, der "rote Faden" - hier stimmte einfach alles! Kein lästiges Warten, bis der Nachbar endlich weitergeht und den Blick auf die Texttafel freigibt, keine plärrenden Lautsprecher. Stattdessen ein Audioguide, der konsequent und fließend in das Gesamtkonzept integriert ist. Unübersehbar prangen die Nummern von den großen selbstleuchtenden Leittafeln, so daß auch die weiter hinten Stehenden keinerlei Mühe haben, sie zu finden. Sind mehrere Nummern vorhanden, verraten ein paar Stichworte, worum es in dem jeweiligen Hörbeitrag geht.

Als angenehm lesefreundlich erweisen sich auch die Vitrinenbeschriftungen: nichts verschwindet im Halbdunkel des eigenen Schattens, alles ist entweder von oben her angeleuchtet oder leuchtet selbst. Das kühle Blau der Textstelen verleiht der zentralen Rotunde etwas Mystisches. Immerhin geht es hier um die Legende vom großen troianischen Krieg, wie sie der griechische Dichter Homer im 8. Jahrhundert v. Chr. in seiner Ilias zu erzählen wußte und sich dabei auf mündliche Überlieferungen stützte.

Von Legenden berichten auch die antiken Vasenbilder im nächsten Abschnitt. Wer versucht ist, aus alter Gewohnheit einen Bogen um die schwarz- und rotfigurig bemalten Gefäße zu schlagen, sei darauf verwiesen, daß in dieser Ausstellung die Auswahl eine durchaus spannende Fortsetzungsgeschichte ergibt: die Geschehnisse um Troia. Seine Fortführung findet der Traum in den Troia-Rezeptionen von der Antike über das Mittelalter bis hin zur Neuentdeckung und künstlerischen Umsetzung antiker Vorlagen ab der frühen Neuzeit.

Freilich sind ausgerechnet in diesen ersten Ausstellungsabschnitten die Audiotexte ein wenig zu üppig geraten, was durch das längere Verweilen der Besucher in diesen Bereichen unnötige Enge schafft. Der Umfang der Beiträge reduziert sich jedoch im weiteren Verlauf. Zum Teil handelt es sich dabei auch um Musikeinspielungen, die einen angenehmen Hintergrund zur den kunsthistorischen Betrachtungen bilden, an deren Ende Jerrers "Weltgeschichte für Kinder", die der achtjährige Schliemann las, schließlich zur Wirklichkeit um Troia hinüber- oder besser hinaufleitet.

Dort nun öffnet der prähistorische Siedlungshügel, fein säuberlich seziert, den Blick in eine Vergangenheit, welche die Legenden an Faszination noch bei weitem übertrifft. Doch ehe der Besucher die nachgestellte große Umfassungsmauer abschreiten darf, in deren unterem Teil sich Ergebnisse und Erkenntnisse langjährigen Forscherfleißes präsentieren, gilt die Aufmerksamkeit zuerst noch der Suche nach der sagenumwobenen Stätte, die schließlich in den Grabungen Heinrich Schliemanns auf dem Hügel Hisarlik gipfelte. Von den Kisten, in denen sein Nachfolger Carl William Blegen in den Dreißiger Jahren seine Funde verstaute, sind in der Ausstellung einige im Original zu sehen, und sogar das zur Verpackung benutzte Zeitungspapier blieb erhalten. Wie lange die mumifizierte Spinne wohl schon in einer der Kisten liegt?

Der wahre Schatz der Archäologie sind jedoch nicht die Funde, sondern die Rückschlüsse, die sich aus der jeweiligen Fundsituation ableiten lassen. Modernste wissenschaftliche Methoden und Geräte verhalfen den Forschern unter anderem zu der Erkenntnis, daß eine seit langem vermutete Unterstadt tatsächlich existiert hat. Noch ehe der erste Spatenstich gesetzt war, zeigten die auf Satellitenfotos übertragenen Ergebnisse der Magnetometrie bereits erstaunlich detailliert den Grundriß der Siedlung. Computergestützte Rekonstruktionen, wie sie auf einigen Monitoren - leider ohne Interaktion - gezeigt werden, visualisieren exemplarische Bauphasen der Burg und unterstützen so die räumliche Vorstellungskraft.

Doch mehr noch als das Handwerkszeug der Archäologen fasziniert die Vielfalt der Funde, die sie dem Boden damit entlocken konnten. In der Vitrinenreihe sind sie nach Themen geordnet: hier das Bronzesiegel mit luwischer Hieroglypheninschrift, dort einige schöne Stücke aus dem sog. Schatz C, dazu reiche Vergleichsfunde aus anderen türkischen und z.B. auch georgischen Fundstätten. Eine prächtige Parade, die mittels in Augenhöhe angebrachter illustrierter Beschriftungen auch abwechslungsreich und spannend dokumentiert ist.

Wer nach all der trockenen Theorie nun Lust verspürt, den Grabungsleiter Prof. Manfred Korfmann auf das geschichtsträchtige Areal zu begleiten und seinen gestenreichen Ausführungen zu lauschen, kann dies mit Hilfe einiger installierter Monitore tun, ohne daß dabei auch nur der geringste Laut an des Nachbarn Ohr dringt, der gleich nebenan seine Aufmerksamkeit auf eine Projektion des Stadthügels gerichtet hat und konzentriert das Durcheinander der verschiedenen Siedlungsschichten zu entwirren versucht: der Ton zu den Filmen wird nämlich per Infrarot in die Handgeräte übertragen. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.

Die Ausstellung endet in einer Ansammlung von Kunstwerken und Kuriositäten, die alle "irgendwie" mit Troia zu tun haben: Gemälde und Skulpturen, Bücher, Comics, hohle Pferde aller Art, Gesellschaftsspiele, ja sogar eine Kondommarke.

Als eine Art Tribut an die Gegenwart wird hier wohl auch das Internet gesehen: ein installierter Monitor versammelt Hunderte verkleinerter Screenshots auf einem einzigen Bild, nur wenige ausgewählte Beispiele lassen sich auf erkennbare Größe bringen. Ja, noch nicht einmal die ausstellungseigene Website, deren "TroiaExplorer" hier endlich einmal ohne minutenlange Ladezeiten zu genießen wäre, wird dem Besucher angeboten!

Der Katalog

Der prächtige, reich bebilderte Begleitband, der im Theiss Verlag erschienen ist, geht in seinem Umfang weit über den Inhalt der Ausstellung hinaus. Von Dutzenden namhafter Autoren spannend und flüssig geschrieben, legt er im Anschluß an die Einführung durch Prof. Manfred Korfmann in fünf Hauptkapiteln die Wurzeln des Traums wie auch der Wirklichkeit um Troia frei.

Am Anfang stand ein Buch - Homer und die Ilias:
War Homers Troia/Ilios eine Erfindung oder bewahrte Erinnerung? Wie war das Machtgefüge im zweiten Jahrtausend vor Christus? Was wußten die Ägypter, die Griechen? Welche Befunde kann uns die Archäologie liefern? Und wie gelangte die durch Homers Buch schriftlich gewordene Troia-Geschichte durch die Jahrtausende schließlich zu uns, so daß der junge Heinrich Schliemann Gelegenheit hatte, sie zu lesen?

Troia - Bedeutung für die griechische und römische Welt:
Dieser Abschnitt behandelt die Bedeutung des Troianischen Krieges für das Geschichtsbild der Griechen und Rämer von der griechischen Kunst bis in die römische Kaiserzeit, er stellt Geschichte und Ausgrabungsbefunde einander gegenüber.

Der Troiamythos vom Mittelalter bis in die Neuzeit:
Troianer allerorten - im kartographischen Bild des Mittelalters, in den Troiadichtungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, in der Kunst der Renaissance bis hin zur Aufklärung - überall begegnet uns der Mythos um Troia.

Der Ort und die Landschaft - Troia und die Archäologie:
Die Alluvialebene der Troas, ursprünglich ein Meeresarm, bietet heute einer reichen Tier- und Pflanzenwelt Raum und ist eine wichtige Station des Vogelzuges. Den Anfängen der Archäologie um Heinrich Schliemann folgten neue internationale Grabungen, die unser Bild von den ersten menschlichen Spuren über den prähistorischen Siedlungshügel, die Metallzeiten und die Troianische Hochkultur - von der wir heute wissen, daß sie eine anatolische war - bis hin zum Untergang der Stadt in der frühen Eisenzeit beträchtlich erweiterten und das Troiabild der Wissenaschaft veränderten.

Troia - ein Thema des 20. Jahrhunderts:
Homer und Schliemann im späten 20. Jahrhundert - der letzte Abschnitt des Buches behandelt verschleppte Motive und den Mythenwandel in Theater, Literatur und Kunst. Erwähnung findet auch der letzte Kampf um Troia: der Historische Nationalpark.

Als Herausgeber zeichnen das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg, das Troia-Projekt des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard-Karls-Universität Tübingen sowie die beteiligten Museen in Braunschweig und Bonn.

Die Website

Seit Beginn der Ausstellung in Stuttgart ist nun auch die Website verfügbar und harrt ihrer Entdeckung durch interessierte Besucher, die in ihrer Mehrheit wohl eher zufällig oder durch Hinweise anderer Seitenanbieter darauf stoßen dürften. Bei einem Großereignis von begrenzter Dauer und angesichts des technischen Aufwandes ist dieses alleinige Vertrauen in passive Mechanismen des Bekanntwerdens, die ja nun einmal ihre Zeit brauchen, nur schwer nachvollziehbar und stellt den Wert der Investition, der sich ja auch an den Besucherzahlen messen lassen muß, ernsthaft in Frage.

Die Bereiche "Ausstellung" und "Festival" präsentieren sich in zeitgemäßem Design und liefern, ohne den Inhalt der Ausstellung vorwegzunehmen, alles Wissenswerte über die Konzeption, die drei Veranstaltungsorte, das umfangreiche Begleitprogramm sowie das in Braunschweig stattfindende Troia-Festival. Hingegen richtet sich der "TroiaExplorer" an ein Publikum, das sich die gebotenen Inhalte erspielen statt erlesen will und dafür auch vor der langen Ladezeit einer 760 KByte großen Flash-Datei nicht zurückschreckt. Dem einleitenden Text zufolge handelt es sich um ein "virtuelles Zeitreisetool, das Geschichte und Geschichten um den Mythos Troia interaktiv erlebbar werden läßt". Der Rezensent erlebte stattdessen bei 95% Ladezustand einen Browserabsturz, so daß ihm der Genuß, den "InfoSlider" durch die Zeitstufen zu schieben, leider versagt blieb.

Aber da ist ja noch der "virtual walkthrough", also die Rundumpanoramen der Rekonstruktionen von Troia I und VI. Anstelle des üblichen, u.a. auf den Seiten der Bundeskunsthalle eingesetzten Quicktime VR haben die Produzenten sich für Live Picture entschieden. Es mag am PC oder Browser des Rezensenten liegen, daß auch dieses Tool irgendwie hängen blieb, doch machten andere Besucher mit anderen Rechnern dieselbe Erfahrung. Aber auch ohne technische Störung hätte er eine Betrachtung "ein wenig mehr von links, ein wenig mehr von rechts" wohl kaum als den angepriesenen "virtuellen Rundgang" empfunden.

Der Bereich "Dialog" bietet schließlich neben einem Gästebuch (mit den üblichen Einträgen) die Möglichkeit, den Katalog oder die CD-ROM zu bestellen. Es bleibt dem Käufer allerdings nicht erspart, diese Artikel auf der Website des Verlages erst wieder zu suchen. Der vorbildliche Kinderführer zur Ausstellung bleibt leider unerwähnt, ebenso das Spiel. Dafür werden aber ein paar Bildschirmschoner angeboten.

Einen Pressebereich, aus dem interessierte Journalisten sich digitale Texte und Bilder herunterladen können, ohne die Projektmitarbeiter mit ihren Wünschen belästigen zu müssen, gibt es nicht.

Fazit

Der Besuch der Ausstellung lohnt sich allein schon deshalb, weil sehr viele Objekte aus der Türkei stammen und das Land wohl in absehbarer Zeit kein weiteres Mal verlassen werden. Denn es ist geplant, sie nach Abschluß der Tournee auf Dauer in einem noch zu errichtenden Museumsgebäude in der Nähe der Ausgrabungsstätte zu präsentieren.

Sehenswert ist aber auch die aufwendige Inszenierung, die zusammen mit der publikumsgerechten Aufarbeitung eines der spannendsten Themen der Menschheitsgeschichte den Höhepunkt im Ausstellungsgeschehen des Jahres 2001 markieren dürfte. Der Aufwand von über 4 Millionen Mark ist angesichts der kulturellen Bedeutung des Themas und der erwarteten Besucherzahlen ohne Zweifel gerechtfertigt. Dasselbe gilt für den geforderten Eintrittspreis. Als störend empfindet der Rezensent lediglich, daß für den Audioguide, der ja fester Bestandteil des Ausstellungskonzeptes ist, ein Extra-Obulus erhoben wird.

Das Begleitbuch sollte in keinem anspruchsvollen Bücherregal fehlen. Das Konzept der Website hingegen erscheint viel zu wenig durchdacht.

Im Vorfeld der Ausstellung kam es zu einer Informationspanne: der Rezensent, der noch zur ersten Pressekonferenz 1999 gebeten worden war, erhielt zum wichtigeren zweiten Termin keine Einladung mehr. Natürlich bittet niemand erneut um Aufnahme in einen Verteiler, in den er sich aufgrund anderer Aussendungen bereits eingetragen wähnt. So wurde das Versehen erst offenkundig, als in den Veröffentlichungen anderer Verlage immer mehr Fakten erschienen, die nur einer weiteren Pressemitteilung entnommen sein konnten.

Die Panne an sich ist angesichts des großen Aufwandes für die Vorbereitung dieser Ausstellung sicher verzeihlich, nicht aber das Ausbleiben einer Entschuldigung.


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Dokument erstellt am 30
.4.2000