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Ausstellungsbesprechung

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Im Labyrinth des Minos
Kreta, die erste europäische Hochkultur

Karlsruhe, Badisches Landesmuseum 
27. Januar bis 29. April 2001

Katalog:
Siebenmorgen, Harald (Hg.):
Im Labyrinth des Minos. Kreta, die erste europäische Hochkultur, München: Biering und Brinkmann, 2000. ca.  400 Seiten, ISBN: 3-930609-26-6, DM 78,-  

Website:
http://www.landesmuseum.de/Kreta/start/seiten/set.html

Rezensiert von
Rainer Goettlinger, Webmuseen-Verlag, Schwanstetten


Die Sagen über Europa und den weißen Stier, den weisen König Minos, seine schöne Tochter Ariadne und ihre Liebe zu dem athenischen Helden Theseus haben seit der Antike das Bild vom minoischen Kreta geprägt. Theseus gelang es, den Minotaur zu töten, ein Ungeheuer mit Stierkopf und menschlichem Körper, das im Inneren des Labyrinths hauste. Mit Hilfe des Fadens der Ariadne fand er sodann zurück ins Freie.

Das Landschaftsbild der Mittelmeerinsel ist geprägt von alpinen Höhenzügen mit nahezu 2500 m Höhe, sanften Hügellandschaften, fruchtbaren Ebenen und buchtenreichen Küsten, deren gemäßigtes Klima mit regenreichen Wintern und sonnendurchfluteten Sommern seit jeher eine üppige Vegetation und reiche Ernten hervorbrachte.

Seit etwa 2000 v.Chr. wurden dort große Anlagen gebaut, die wir Paläste nennen. Sie bestanden aus mehreren Gebäuden mit unterschiedlichen Funktionen, die um einen zentralen Hof gruppiert waren. In diesen Palästen befanden sich die wichtigsten Heiligtümer, weite Platzanlagen für Feste, große Vorratsmagazine, in denen die Produkte des Landes gesammelt und verwaltet wurden, repräsentative Räume der Herrscher oder Oberpriester und Werkstätten, in denen Produkte von hoher Kunst angefertigt wurden. Ein minoischer Palast bildete das Zentrum einer Stadt.

Die eigentliche Entdeckung der minoischen Kultur Kretas begann am 23. März 1900 mit dem ersten Spatenstich durch den Briten Arthur Evans. Innerhalb von sechs Jahren entlockte er der Erde einen Gebäudekomplex mit 13.000 qm Fläche, dessen wichtigster Raum, der sogenannte Thronraum, mit Greifen und stilisierten Pflanzen dekoriert ist. Der schlechte Erhaltungszustand der Ruinen zwang Evans zu umfassenden Sicherungsarbeiten, die sich zu großen und mittlerweile strittigen Rekonstruktionen ausweiteten. Diese prägen noch heute entscheidend das Bild vom minoischen Kreta.

Der Ausstellungsort

Wer als Ortsfremder nach Karlsruhe kommt, hält vergeblich nach einer wegweisenden Beschilderung zum Landesmuseum Ausschau. Hin und wieder zeigt zwar ein Ausstellungsplakat die Richtung an, doch endet die Fahrt - wie so manches andere auch - schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht. Die naheliegende Idee, das Auto nun in der Tiefgarage "Schloßplatz" zu parken, erweist sich als undurchführbar: das Parkhaus ist wie alle anderen in der Umgebung sonntags geschlossen, und der kleine Parkplatz vor dem Schloß steht nur Bediensteten offen. Bar jeglicher Möglichkeit, sein Auto loszuwerden, fühlt man sich irgendwie unwillkommen, zumal es in der Umgebung vor Einbahnstraßen und Sackgassen nur so wimmelt.

Nach langer Odyssee steht der Besucher schließlich doch vor dem Museum - und trotz der noch immer recht frühen Stunde in einer Warteschlange, die schon jetzt bis auf den Schloßplatz hinausreicht. Denn die beiden Kassen können den Ansturm an diesem verregneten Sonntagvormittag bei weitem nicht bewältigen. Fleiß und Geduld finden jedoch ihren Lohn in einer Ausstellung, deren Inszenierung den anfänglichen Ärger schnell vergessen macht.

Die Ausstellung

Hinter einem Vorhang mit spielerisch projizierten Motiven öffnet sich wie eine Schatzkammer die faszinierende Welt der Minoer mit ihren Palästen und Heiligtümern, der Doppelaxt und dem allgegenwärtigen Stier. Die wirklich bedeutenden Funde wie der berühmte Stierkopf, der Prinzenbecher, die Schlangengöttin oder der Diskos von Phaistos mit seiner in Ton gestempelten Inschrift sind, das sei hier vorausgeschickt, in der Ausstellung allerdings nicht zu sehen. Es mag sein, daß die griechische Regierung erst sehr spät entschieden hat, diese Objekte nicht außer Landes zu geben, so daß auch keine Repliken mehr beschafft werden konnten.

So abwechslungsreich und phantasievoll der Weg durch die Räumlichkeiten auch sein mag: die Faszination, die von den originalen Schauplätzen mit all ihrem alabasternen Prunk und den Jahrtausende alten Fresken ausgeht, vermag natürlich kein Ausstellungskonzept auch nur annähernd wiederzugeben. Doch darf der Versuch, dem Erlebnis Kreta so nahe wie möglich zu kommen, als durchaus gelungen betrachtet werden: allenthalben säumen wandhohe Landschaftsbilder den Weg, geben Gewürzkräuter sogar den typischen Duft der mediterranen Landschaft wieder. Zu den Funden aus dem Gipfelheiligtum gilt es einige Treppen hinaufzusteigen, im Raum mit dem Seehandel unterstützt Wellengeplätscher die Vorstellungskraft. Lediglich die Inszenierung des schnaubenden Minotaurus, auf den einen Blick zu erhaschen eine größere Menschenmenge geduldig vor einer halboffenen Türe ansteht, endet schließlich in einem vielstimmig-murrenden: "was, das war jetzt alles?"

Mittelpunkt der Ausstellung aber ist der freskengeschmückte Thronsaal, dessen umlaufende Sitzbank zum längeren Verweilen einlädt. Im Original bestehen Thron und Bank aus Alabaster. Dieses prächtige, sich jedoch ziemlich rasch "abwohnende" Baumaterial hat Knossos vereinzelt den Ruf eingebracht, kein bewohnter Palast, sondern eine Stätte der Toten zu sein. In der Ausstellung ist leider nirgendwo ein größeres Stück Alabaster zu sehen, so daß die Vorstellungskraft diesbezüglich keine Unterstützung erfährt.

Das gilt auch für die sogenannten vieltürigen Säle, auf die der Besucher im originalen Palast von Knossos und den anderen minoischen Stätten allenthalben trifft. Die fast nur aus Türen bestehenden Wände dieser Räume konnten sommers so weit geöffnet werden, daß die kühlende Brise ungehindert durch den Wohnbereich strich. Der Thronsal ist in dieser Beziehung eher untypisch, andererseits jedoch unverzichtbares Element einer Inszenierung, die minoische Architektur und Ausmalung in ihrer originalen Größe zeigt. Doch wäre es sicher ein leichtes gewesen, einen dieser typischen Grundrisse auf dem Boden des Ausstellungsraumes nachzuzeichnen, um die einzigartige Luftigkeit der vieltürigen Räume zu demonstrieren.

Bleibenden Eindruck hinterläßt auch das Modell des Palastes von Knossos im Maßstab 1:100, denn es zeigt die Weitläufigkeit und Komplexität dieser Anlage. Außenstehenden erschien sie wohl so verwirrend, daß sie in der eingangs geschilderten Sage vom Labyrinth ihren Niederschlag fand, dem zu entrinnen Theseus seinen berühmten Ariadnefaden abspulte. Das Wort Labyrinth leitet sich vermutlich von "labrys" ab, der Doppelaxt, deren Darstellung zusammen mit den stilisierten Stierhörnern das Erscheinungsbild des Palastes von Knossos prägte.

Einen solchen Faden braucht der Besucher der Ausstellungs allerdings nicht, denn sie ist so konzipiert, daß die Objekte in willkürlicher Reihenfolge angelaufen werden können. Das ist bei so stark frequentierten Ausstellungen auch sinnvoll, denn es erlaubt einem, die verstopften Bereiche zunächst zu überspringen und später zurückzukommen, wenn die Modelle wieder zugänglich sind und die Vitrinenscheiben den Blick freigeben auf eine vielfältige Auswahl keramischer und metallener Objekte: prächtig bemalte Gefäße, Siegel, Votivgaben, Kultgegenstände aller Art, ja sogar Kochgeschirr mit dreieinhalbtausend Jahre alten Gebrauchsspuren.

Wo Menschentrauben den Blick auf die Texttafeln versperren, ist ein Audioguide, wie er kostenlos angeboten wird, eine willkommene Alternative. Leider sind die Nummern, die in das Gerät eingetastet werden sollen, nicht immer leicht zu finden. Wann endlich werden Ausstellungsdesigner lernen, daß diese Nummern oben an die Vitrinen gehören, nicht etwa in Augenhöhe von Kleinkindern oder gar irgendwo seitlich? Noch dazu auf nur einer Seite, wenn das Modell doch insgesamt vier Betrachtungsperspektiven bietet! Nummernaufkleber gibt es für zwei Mark fünfzig in jedem Kaufhaus, Sparsamkeit ist hier absolut unangemessen. Vollends zur Frustration gerät die Sache, wenn - wie im vorliegenden Fall - Tonbeiträge nur für ausgewählte Stücke vorliegen. Hier der Hörer, dort das Objekt, aber: verdeckt nun der Nebenmann mit seiner Leiblichkeit die gesuchte Nummer, oder gibt es hier schlichtweg keine?

Denn die Zahl der verfügbaren Texte beschränkt sich auf gut zwei Dutzend. Staunend erfährt der Betrachter eines großen Sarkophages zwar allerlei Details über die davor liegende Lanzenspitze, aber kein Wort über das eigentliche Prunkstück der Vitrine. Der tiefere Sinn dieser Selbstbeschränkung bleibt rätselhaft, denn die Textbeiträge sind durchweg kurzweilig und interessant. Besonders angenehm fällt auf, daß neben geschulten Sprechern auch die Kuratoren der Ausstellung, der Erbauer des Modells und sogar der Direktor persönlich zu den Besuchern sprechen - in ganz natürlicher freier Rede und so lebendig, daß man den Eindruck hat, die Person stünde neben einem. Dieses Beispiel sollte unbedingt Schule machen.

In ihrem letzten Teil vermittelt die Ausstellung dann noch einiges über die Ausgrabungen und die Person des Ausgräbers Sir Arthur Evans, dessen Rekonstruktionen in der Fachwelt ja ziemlich umstritten sind. Wie schwierig es ist, aus ein paar erhaltenen Fragmenten das gesamte Bild zu erschließen, zeigt das Beispiel des "Krokuspflückers", der nach neueren Deutungen gar kein Mensch, sondern ein Affe ist - wenn man die Puzzleteile ein wenig anders zusammenlegt und den Rest durch Vergleiche mit anderen Motiven erschließt.

Dem Zusammensetzen der Teile zu einem Ganzen dürfen Kinder im museumspädagogischen Teil der Ausstellung, dem Grabungshaus, ausgiebig frönen. Der Erwachsene hingegen wünscht sich, die Ansammlung von Wandtafeln in dieser letzten Abteilung nun einfach zu überspringen, um sie zuhause in Ruhe im Katalog nachzulesen.

Schließlich wartet ums Eck schon das "Kafenion" - und draußen inzwischen eine Schlange bis weit hinaus auf den Vorplatz. Immerhin hat es aufgehört zu regnen.

Der Katalog

Das mit 400 Seiten recht umfangreiche und reich bebilderte Begleitbuch greift in seiner thematischen Vielfalt weit über den Inhalt der Ausstellung hinaus und behandelt in 19 Essays alle Aspekte der minoischen Welt:
  • Fragen an die Minoer
  • Die Insel Kreta - Landschaft, Natur und Umwelt
  • Die minoische Kultur - Periodisierung und Chronologie
  • Kreta in der Vorpalastzeit
  • Die minoischen Paläste. Architektur und Funktion
  • Die minoischen Paläste. Ausstattung und Inventar
  • Minoische Villen in der Neupalastzeit
  • Siedlungen und Gräber in der Palastzeit
  • Kreta nach den großen Palästen. Die Minoer und die mykenische Welt
  • Die kretischen Schriftsysteme und die palatiale Administration
  • Minoisches Siegelwesen
  • Die minoische Religion
  • Zierde für das Diesseits und Jenseits. Bronzezeitlicher Schmuck aus Kreta
  • Ernährung und Therapeutik im minoischen Kreta
  • Handel und Kultur in Kreta und Mykene
  • Auf den Spuren der Händler in der Ägäis. Waagen, Gewichte und ihre theoretischen Zusammenhänge
  • Tell el-Dab'a / Avaris und die minoische Welt
  • Der Hymnos aus Palaikastro. Eine Spurensuche nach Überresten der minoischen Religion
  • Arthur Evans und der Palast des Minos in Knossos
Der Katalogteil bildet darüberhinaus alle 481 Ausstellungsobjekte ab, nennt deren Daten und beschreibt ihre Funktion:
  • Kretische Mythen
  • Kult und Religion
  • Vorpalastzeit
  • Palastzeit
  • Minoisch-mykenische Zeit
  • Überseebeziehungen
  • Technologie und Produkte des minoischen Kreta
  • Funde aus der Knossosgrabung von Sir Arthur Evans
  • Modelle und Ausstellungsarchitektur
Natürlich gibt es auch einen umfassenden bibliographischen Anhang.

Wegen der übergroßen Nachfrage nach Pressematerialien lief die Ausgabe der Rezensionsexemplare in den ersten Tagen der Ausstellung leider etwas aus dem Ruder.

Die Website

Auch im Internet fällt es zunächst schwer, das Museum und die Ausstellung zu finden, denn auf http://www.karlsruhe.de/ werden interessierte Besucher gleich auf der Eingangsseite durch ein Plakat abgefangen und auf einen städtischen Beitrag geschleust, der aber weder einen Link auf die offiziellen Ausstellungsseiten noch überhaupt einen auf das Landesmuseum selbst anbietet! Ob dieses seltsame Gebahren eine gut gemeinte, aber leider kontraproduktive Unterstützung der Ausstellung oder (wie auch die Schließung des Parkhauses) eher eine mutwillige Behinderung darstellt, sei dahingestellt.

Hat man aber http://www.landesmuseum.de/ einmal gefunden, führt der Weg sofort auf eine Ausstellungs-Website, die als vorbildlich bezeichnet werden muß, da sie ihre Attraktivität aus ansprechend aufbereiteten Inhalten bezieht und nicht, wie heute leider häufig, fehlenden Tiefgang durch allerlei technische Spielereien wettzumachen versucht. Die reichlich illustrierten Seiten verschaffen einen guten Überblick über den Inhalt der Ausstellung sowie das umfangreiche Begleitprogramm. Besucher, die mit dem Auto anreisen, werden für den Anfahrtplan dankbar sein. Ihnen sei aber ans Herz gelegt, sich die Seite auszudrucken und mitzunehmen, denn wie bereits erwähnt sind weder das Schloß noch das Landesmuseum in der Stadt ausreichend ausgeschildert.

Eine Bestellmöglichkeit für den Katalog sowie ein Gewinnspiel mit attraktiven Preisen runden das vielseitige Angebot ab.

Fazit

"Im Labyrinth des Minos" ist eine durchweg gelungene Ausstellung, die bleibende Eindrücke hinterläßt. Kleinere Schwächen liegen wohl nicht in der Verantwortung des Landesmuseums und dürfen daher nachgesehen werden. Dem Museum sei jedoch dringend geraten, sich mit der Stadt Karlsruhe besser abzustimmen, insbesondere der Wegweisung und der sonntäglichen Parkplatzsituation wegen.

Nachtrag 1

Der ungewohnte Andrang, der das Kassenpersonal des Museums bis an die Grenze ihrer Kräfte beanspruchte, kann durch den Einbau zweier weiterer Kassen mittlerweile erheblich besser bewältigt werden. Es ist auch nicht mehr nötig, sich für den Erwerb des Kataloges nach dem Ausstellungsbesuch erneut in die Warteschlange einzureihen.

Derzeit werden in der Ausstellung täglich etwa 1.000 Besucher gezählt. Der Rezensent wünscht dem Badischen Landesmuseum weiterhin einen so durchschlagenden Erfolg.

Nachtrag 2

Die Firma Acoustiguide teilte dem Rezensenten mit, daß sie die erwähnten Audiotexte - in drei Sprachen zu jeweils einer Stunde Gesamtlaufzeit - auf eigene Kosten konzipiert, geschrieben, übersetzt und produziert hat. Bei eine Sonderausstellungen mit begrenzter Laufzeit sei ein größerer Aufwand (d.h. mehr Texte) für das privatwirtschaftliche Unternehmen finanziell nicht vertretbar, zumal es ja auch das Risiko einer ungewissen Besucherzahl mitzutragen hat. Bei der notwendigen Auswahl wurde versucht, nicht nur die Highlights hervorzuheben, sondern die Aufmerksamkeit des Besuchers punktuell auch auf weniger auffällige Objekte zu lenken.

Der Konflikt zwischen besucherfreundlicher Kennzeichnung und minimalistischer Ästhetik scheint in der Ausstellungskonzeption ein Dauerthema zu sein. Noch mehr verblüfft allerdings, daß bei der großen Akzeptanz dieser Audioführungen noch immer so viele Kuratoren zugunsten teurer Leihgaben aus Übersee auf dieses überzeugende Vermittlungskonzept verzichten.

Vor diesem Hintergrund sei auf drei weitere Ausstellungen hingewiesen, die Audioführungen erfolgreich einsetzen:

Museum für Kunst- und Gewerbe, Hamburg:
Mit voller Kraft voraus. Russische Avantgarde.
23.2. bis 10.06.2001

Museum für Völkerkunde, Frankfurt:
Indianisches Leben am Orinoko. Die Sammlung Cisneros.
17.2. bis 23.9.2001.

NRW Forum für Kultur und Industrie, Düsseldorf:
Anton Corbijn. 2.2. bis 22.04.2001
In der englischen Fassung führt der Künstler selbst durch die Ausstellung!


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Dokument erstellt am 28.02.2000