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Ausstellungsbesprechung

 

Via Claudia Via Claudia
Stationen einer Straße

2000 Jahre unterwegs zwischen Zirl und Partenkirchen

Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern
1. April bis 1. November 2000

Rezensiert von
Rainer Goettlinger,
Webmuseen-Verlag


Via Claudia - das ist der Name einer der "Europastraßen" der römischen Antike. Die Einrichtung und Unterhaltung einer hochentwickelten Verkehrs-Infrastruktur in allen eroberten Gebieten ist kennzeichnend für das Römische Reich. Der Ausbau der römischen Alpenstraße mit dem Zielort "Augusta Vindelicorum" (das heutige Augsburg), der Hauptstadt der römischen Provinz Raetia, ist heute mit dem Namen des römischen Kaisers Claudius verbunden, der von 41 bis 54 n. Chr. herrschte: im Eschenloher Moos wurde 1996 eine römische Holz-Kies-Straße neu untersucht und dendrochronologisch auf das Jahr 43 n. Chr. datiert. Das Ergebnis legt bereits für diese Zeit ein Verkehrssystem nahe, in dem die Straße von Zirl nach Partenkirchen und nordwärts in das Alpenvorland hinein eine bedeutende Rolle spielt.

Wie eine Römerstraße im Profil aussehen kann, belegen Untersuchungen aus Königsbrunn nahe Augsburg. Die Straße zeigt sich dort als ein 10 Meter breites Schotterpaket mit Straßengräben zur Wasseraufnahme an beiden Seiten. Die römischen Fernstraßen waren nicht nur zum Transport von Militär und Waren bestimmt, sie hatten auch kommunikative Funktion zur Verwaltung des Reiches.

Im 5. Jahrhundert gaben die offiziellen römischen Militäreinheiten das Land zwischen Alpen und Donau an die Alamannen preis. Es ist anzunehmen, daß die Straße, der diese Ausstellung gewidmet ist, zu dieser Zeit bereits in Trümmern lag. Die Namen der römischen Orte jedoch haben überlebt: Parthano wurde zu Partenkirchen, Teriolis zu Zirl.

Seit dem zwölften, vor allem aber seit dem 13. Jahrhundert nahm der Verkehr zwischen den Räumen nördlich und südlich der Alpen wieder beträchtlich zu. Er folgte erneut den geographisch vorgegebenen Verbindungslinien. Für die Abwicklung des Warenverkehrs waren infrastrukturelle Einrichtungen erforderlich, insbesondere Gasthäuser mit Versorgungsmöglichkeiten für Mensch und Tier. Allmählich bildete sich die spezielle Transportform der "Rott" heraus, deren sog. Niederlage- oder Rottstationen in Tagesabständen (20 bis 30 km) entlang der Handelsstraße errichtet wurden. Den Rottfuhrleuten einer jeden Station stand das alleinige Recht zu, Rottgüter von ihrer Station zur nächsten zu befördern. Die Ware wurde folglich immer wieder umgeladen, die Transportzeit von Venedig über den Brenner nach Augsburg betrug 5 bis 12 Wochen. Die Wägen liefen mit zwei, vier oder sechs Gespannen und waren mit 10 bis 60 Zentnern beladen.

Die Qualität des Straßenbaus ging jedoch immer mehr zurück. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein machten Schlaglöcher, Dreck, hervorstehende Felsen, aber auch starke Steigungen und enge Straßen das Reisen zu einem beschwerlichen und gefährlichen Unterfangen. Reisende und Händler forderten daher, den bis dahin einfachen und nur schwach mit Kies befestigten Erdweg mittels der aus Frankreich kommenden fortschrittlichen Straßenbautechnik zu einer "Chaussee" auszubauen. Jedoch sträubten sich die Werdenfelser Untertanen zunächst vehement, ihren Beitrag zum Ausbau und Unterhalt der Straße zu leisten. Erst die Erhöhung des Wegegeldes nach kurbayerischem Tarif legte schließlich den Grundstein für eine gut gepflegte Straße, wie ein Vergleich zweier im 19. Jahrhundert entstandener Karten zeigt. Der Zustand dieser wichtigen Verbindung über die Alpen erreichte damit erstmals wieder denjenigen zur Zeit des Römischen Reiches.

Mit dem Aufkommen der Automobile begann ein neues Straßenzeitalter. Die Bewältigung des Zirler Berges blieb jedoch bis in die jüngste Zeit eine Herausforderung - nicht nur für die Teilnehmer der berühmten "Zirler Bergrennen".

Die Ausstellung

Die Ausstellung im Freilichtmuseum an der Glentleiten erstreckt sich über den ersten Stock des Verwaltungsgebäudes, ist also nicht sehr groß. Doch hat das Team um Museumsdirektor Dr. Helmut Keim eine Inszenierung geschaffen, die ihresgleichen sucht und die wechselvolle Geschichte der Straße in einer Art und Weise erzählt, wie sie abwechslungsreicher und spannender nicht sein könnte.

Unter "schattenspendenden" Bäumen gleich hinter dem Eingang können die Besucher in nachempfundenen "Kutschen" Platz nehmen, vor deren Fenstern die Landschaft in ihrem einstigen Zustand zu sehen ist, und den erzählten Eindrücken des einen oder anderen Reiseschriftstellers lauschen. Gerne kehrt der Besucher später noch einmal an diesen Ort zurück, um die Beine auszustrecken und das Gesehene zu reflektieren.

Denn zu sehen gibt es auch an den nächsten Stationen des fest vorgegebenen Rundgangs viel. Hier versperrt ein Schlagbaum den Durchgang, dort demonstriert das Modell eines Rottfuhrwerks, wie man sich den Gütertransport ohne die heute so selbstverständliche Fahrzeug- und Motortechnik vorzustellen hat. Welche Waren sich unter anderem auf den schweren Wagen oder dem Rücken der Tragtiere befunden haben, ließe sich hier auch mit geschlossenen Augen "erriechen". Dem Besucher entgingen dann allerdings die phantasievollen Werke des Illusionsmalers Pit Zaepernick, der Teile der Ausstellung in ein wahres Kunstwerk verwandelt hat.

Doch nicht nur die "Großen" haben an dieser Ausstellung ihre Freude, auch entdeckungslustigen Kindern wird allenthalben etwas geboten, was ihre Aufmerksamkeit fesselt. So enthüllt der Zug der römischen Legionäre ein pikantes, für ein Zinnfiguren-Diorama nicht gerade übliches Detail, der neugierige Blick in die Reisetoilette zeigt unmißverständlich, welchem Zweck dieses Utensil einst diente, und aus dem Pestsarg, welcher die Verbreitung von Seuchen entlang der Handelsstraßen dokumentiert, ragt unter dem eilig geschlossenen Deckel eine bleiche Hand heraus. Weitere liebenswerte Details mag jeder Besucher für sich selbst entdecken.

Mit Ausnahme der Ruhe gewährenden Kutschen ist die Ausstellung chronologisch geordnet, sie beginnt mit dem römischen Straßenbau und endet mit dem Motorsport am Zirler Berg. Weil aber die Versuchung groß ist, nach kurzer Erholungspause alles noch einmal von vorne anzuschauen, hat die untypische Plazierung der Sitzgelegenheiten durchaus ihren Sinn.

Der Publikumsansturm am Eröffnungstag, wohl eine Folge des frühlingshaften Wetters, mag die Organisatoren zwar ein wenig überrascht haben, die kleinräumig gegliederte Ausstellung erwies sich aber als erstaunlich aufnahmefähig, geführte und nicht geführte Gruppen störten einander kaum. Auch hatte der Verfasser nicht ein einziges Mal das Gefühl, beim Betrachten der Objekte oder Lesen der wenigen (aufgrund der selbsterklärenden Inszenierung aber völlig ausreichenden) Texttafeln eilig vorbeidrängenden Besuchern im Wege zu stehen - Resultat einer klugen räumlichen Anordnung.

Eine Ausstellungsbesprechung sollte kritisch-konstruktiv sein. Es will dem Verfasser aber beim besten Willen nicht gelingen, diesem Besuchserlebnis auch nur den geringsten Mangel abzuringen - außer vielleicht, daß die Ausstellung einen zentraleren Standort verdient hätte. Aber das Werdenfelser Land und sein Freilichtmuseum sind allemal einen Ausflug wert.

Der Begleitband

Ein rundes Dutzend flüssig geschriebener, auch für den Laien gut verständlicher Artikel verschiedener Autoren erzählt die Geschichte der Straße von ihrer Erbauung in römischer Zeit bis hin zu den spannenden Bergrennen unseres Jahrhunderts:

    Einleitung (Hans-Dirk Joosten)
    Die Via Claudia Augusta in römischer Zeit (Martin Ott)
    Zum Handel über den Scharnitzpaß im Mittelalter und früher Neuzeit (Andreas Otto Weber)
    "Zur Post" in Partenkirchen. Ein Gasthof seit mehr als 500 Jahren (Josef Ostler)
    Das Rottwesen in der Grafschaft Werdenfels (Peter Schwarz)
    Der Ausbau der Fernstraße zwischen Partenkirchen und Mittenwald zu einer Chaussee (Andrea Heinzeller)
    Die Via Claudia als "via triumphalis". Kaiser, Könige und Kurfürsten auf der Durchreise (Karl Gattinger)
    "Zu ewigen Zeiten ein Pilgram- oder Bruderhaus". Das Mittenwalder Pilgerhaus und die christliche "hospitalitas" (Christoph Kürzeder)
    Abseits der Straße - "allerlei haillos und liederliches Gesindel" (Alexa Gattinger)
    "Pestilenzische Sucht unnd andere Haimsuchungen". Der Schwarze Tod auf Reisen (Karl Berger)
    Der Verlauf der Rottstraße durch die Grafschaft Werdenfels (Peter Schwarz)
    Von der Porta Claudia zur Edi-Linser-Kurve (Renate Erhart, Claudia Gombocz, Doris Hillebrand)

Der Katalog ist attraktiv bebildert und mit zahlreichen Fußnoten versehen. Viele der in der Ausstellung gezeigten Szenarien finden sich auch im Buch wieder und vermitteln beim Nachlesen zuhause ein tieferes Verständnis des Gesehenen - ganz im Sinne des Leiters der Volkskundlichen Abteilung, Dr. Hans-Dirk Joosten, der in seiner Eröffnungsrede bemerkte: "der Besucher mag keine begehbaren Bücher". Sicher aber mag er Bücher, die zuhause eine gern zur Hand genommene Erinnerung an einen unvergeßlichen Ausstellungsbesuch sind.

 Die Website

Die Website des Freilichtmuseums Glentleiten des Bezirks Oberbayern ist im Aufbau und verrät leider nichts über die Ausstellung. Die wenigen bereits fertigen Seiten lassen jedoch ahnen, daß hier ein Informationsangebot entsteht, welches der Bedeutung und Attraktivität des Museums angemessen ist.


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Dokument erstellt am 21.04.2000