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Ausstellungsbesprechung

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Pferdemann und Löwenfrau
Mischwesen der Antike

München, Archäologische Staatssammlung  - Museum für Vor- Frühgeschichte, 

Würzburg, Martin-von-Wagner-Museum der Universität
10. Dezember 1999 bis 01. April 2000

München, Archäologische Staatssammlung-Museum für Vor- Frühgeschichte
15. Dezember 2000 bis 22. April 2001

Katalog
Wamser, Ludwig (Hg.): Pferdemann und Löwenfrau. Mischwesen der Antike, München: Archäologische Staatssammlung, 2000
(Ausstellungskataloge der Archäologischen Staatssammlung München, Bd. 31). 23 cm, zahlr. Ill. , ISBN 3-927806-25-0, DM 39,80

Website:
Ausstellung Würzburg
http://www.uni-wuerzburg.de/museum/mischwesen.html

Ausstellung in München
http://www.stmukwk.bayern.de/kunst/museen/praehist.html

Rezensiert von
Georg Friebe, Vorarlberger Naturschau, Dornbirn


Die Beschäftigung mit der Natur steht am Anfang jeder kulturellen Entwicklung. Doch bald stösst der Mensch an seine Grenzen und wird mit dem Unerklärlichen konfrontiert. Um das Unerklärliche erklärbar zu machen, wurden von alters her Naturgewalten als übernatürliche Wesen personifiziert. Diese bildlich darzustellen, reichte die menschliche oder tierische Gestalt allein nicht aus. Naturgötter mussten mächtiger sein als Mensch oder Tier. Und so nahm der Mensch früherer Kulturen von jeder Tierart die Merkmale, die er mit ganz besonderen - dem Menschen überlegenen - Fähigkeiten in Verbindung brachte. Wie mächtig musste ein Wesen sein, das die besten Eigenschaften mehrerer Tierarten in sich vereinte! Und natürlich durften anthropomorphe Züge in diesen Mischwesen nicht fehlen.

Aus dem 4. Jahrtausend vor unserer Zeit stammen die frühesten Darstellungen von Mischwesen. Von dort spannt sich der Bogen von den Götterdarstellungen Mesopotamiens und Ägyptens über die Klassische Antike und die antikisierenden Götterbilder der Renaissance bis zu den heutigen Monstern in Fantasy- und Science-Fiction-Filmen. Die alten Götter wurden entmachtet und profanisiert, wurden zum Spielzeug der Unterhaltungsindustrie. Erste Ansätze dazu finden sich bereits bei den antiken Kulturen der Griechen und speziell der Römer.

Die Abbilder der Götter dienten nicht nur der Verehrung und der bildlichen (wenn schon nicht schriftlichen) Weitergabe des Mythos. Sie hatten stets auch eine Schutzfunktion, indem einer Bedrohung das Bildnis einer noch mächtigeren Macht entgegengehalten wurde. Bei den Rollsiegeln Mesopotamiens steht dieser apotropäischer Aspekt im Vordergrund. Gleichzeitig hatten sie eine profane Bedeutung als "persönliche Unterschrift" im Geschäftsverkehr.

Seltsamste Mischwesen aus Mensch und Tier finden sich bei den Ägyptern. Die hervorragenden Eigenschaften der Hauptgötter wurden durch einen Tierkopf - oft auf menschlichem Körper - ausgedrückt. Dies resultiert aus dem hoffnungslosen Versuch, das Göttliche, das Nicht-Sichtbare sichtbar zu machen. Judentum, Christentum und Islam sind an diesem Versuch gescheitert und haben als einzig gangbare Konsequenz ein Bilderverbot erlassen. Zur "Ermittlung" der Eigenschaften dienten Beobachtungen des täglichen Lebens. Schakale hielten sich als (angebliche) "Leichenfledderer" oft in der Nähe von Grabstätten auf. Daraus wurde eine besondere Beziehung dieses Tiers zum Tod abgeleitet. Caniden wurden zu Schutzgöttern des Totenreichs.

Im klassische Griechenland setzte mit der Wende zum 7. Jahrhundert v.u.Z. eine intensive Auseinandersetzung mit den Kulturen des Vorderen Orients ein, deren Bilderwelt übernommen und modifiziert wurde. Doch die Hauptgötter der Griechen hatten rein menschliche Gestalt. Die Mischwesen wurde zu untergeordneten Naturdämonen, die ab Ende 6. Jahrhundert v.u.Z. in den Mythos eingebunden sind. Sie erfuhren im Laufe der Zeit eine weitere Profanisierung bis zum Symbol menschlicher Laster oder zur reinen Dekoration. Aus dem Gorgonenhaupt etwa - mit seiner verzerrten Fratze, der heraushängenden Zunge und den wirren Schlangenhaaren das apotropäische Zeichen schlechthin - wurde ein klassisch schöner Frauenkopf, bei dem nur noch die gar nicht mehr wirr-wilden Schlangenhaare auf seine ursprüngliche Herkunft deuten, wurde ein reines Dekorationselement.

Mit Ende des Römischen Imperiums und dem aufkommenden Christentum gerieten die alten göttlichen Mischwesen in Vergessenheit. Erst in der Renaissance erinnerte man sich der antiken Götterwelt - und nutzte sie als Vorwand für so manche erotische Darstellung. Doch dies ist Thema einer anderen Ausstellung!

 

Die Ausstellung

Mit Ratlosigkeit begegnet der "moderne" Mensche diesen Monstren, deren Symbolik er nicht mehr versteht. Dieser Ratlosigkeit suchte 1999 eine Ausstellung in Würzburg über die Mischwesen der Griechen und Römer zu begegnen. Deren Konzept bildet das Grundgerüst für den Hauptteil der nunmehrigen Münchner Ausstellung. Ihr Schwerpunkt liegt zweifellos auf der Klassischen Antike. Doch hier sind nun auch die Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens als Vorreiter und Ideenlieferanten vertreten. Es folgt eine sehr kurze Betrachtung über den Einfluss der mediterranen Kulturen auf die Bilderwelt der Kelten. Zwischen griechischer und römischer Mythologie wurde aus naheliegenden Gründen nicht unterschieden.

Jedes Grosskapitel wird auf Texttafeln vorgestellt. Kleinere Tafeln diskutieren spezielle Aspekte und dienen als Erläuterung zu den Objekten in den Vitrinen, die jeweils einem Detailthema gewidmet sind. So nimmt bei Griechen und Römer jedes Mischwesen eine eigene Vitrine ein. Als Verbindung zwischen Vitrine und Tafel fungiert ein anthropomorphes Mischwesen, ein Kentaur mit Jagdbogen, dessen Pfeil auf die jeweilige Vitrine gerichtet ist. Sind mehr als eine Tafel einem Thema gewidmet, so wird deren Reihenfolge durch Zahl der Kentauren symbolisiert.

Obwohl der Rundgang durch die Architektur klar vorgegeben ist, zieht sich ein roter Wollfaden durch die gesamte Ausstellung. Er erscheint überflüssig, da der Besucher ohnehin keine andere Wahl hat. Das Rätsel löst sich bei der letzten Vitrine: Etwas ausserhalb der Reihenfolge ist sie dem Stiermensch Minotauros gewidmet, der in seinem Labyrinth-Käfig von Theseus getötet wurde. Den Rückweg fand letzterer mithilfe eines Wollfadens, den er auf Rat der Ariadne am Eingang befestigt und auf seinem Weg abgespult hatte. Bei dieser Vitrine endet der Rote Faden nicht einfach, sondern in einem Spalt findet sich der Wollknäuel.

Die Vitrine sind mit ausgewählten, repräsentativen und qualitativ hervorragenden, sehenswerten Objekten bestückt. Eine Überfüllung wurde glücklich vermieden. Die Objektbeschriftung erfolgt leider mit einem Nummernsystem, was jedoch angesichts der wenigen Stücke noch vertretbar ist. Lästig wird es nur dort, wo die Vitrine in die Wand eingelassen ist und sich die Objektbezeichnungen aussen auf der (schlecht ausgeleuchteten) Wand befinden. Sind zwei oder mehr Beschriftungstafeln in einer Vitrine (was an und für sich zu begrüssen wäre) so stimmt die Gruppierung der Objekte nicht immer mit der Gruppierung der Bezeichnungen überein.

Die Einführungstafeln sind zu nahe am Eingang unglücklich platziert. Die Besucher behindern sich gegenseitig, starkes Streulicht aus der Eingangshalle führt zu Schattenreflexen. Auch die Vitrinentexte sind oftmals im Schatten, was die Lesbarkeit bei weisser Schrift auf dunklem, moosgrünen Grund reduziert und die Ermüdung der Augen fördert.

Die Texte sind meist leicht verständlich, wenngleich doch das eine oder andere Fremdwort sich eingeschlichen hat. An manchen Stellen sind sie etwas langatmig - Kürzungen wären möglich gewesen. Auch wenn es vordergründig viel zu lesen gibt, wird gerade dadurch Information angeboten, die aus den Objekten selbst nicht hervorgeht. Für Kenner der klassischen Mythologie mag dies wenig Neues bieten, für alle anderen Besucher sind sie eine wertvolle Bereicherung. Und selbst wer seine humanistische Bildung für umfassend hält, kann neue Aspekte entdecken.

Der Katalog

Zur Ausstellung erschien ein ausführlicher Katalog. Die Einführungstexte zu Grosskapiteln und Vitrinen sind umfassender ausgeführt, jedes Objekt ist mit Abbildung verzeichnet. Doch nicht nur das: Neben den Angaben zu Material, Alter und Herkunft, Grösse und Leihgeber enthält er ausführliche Beschreibungen und Informationen zur Verwendung des Objekts und zur Deutung der Mischwesen - Informationen, die in der Ausstellung selbst naturgemäss keinen Platz haben. Zu jedem Objekt gibt es Literaturangaben, die jedoch nicht in einer Gesamtbibliographie am Ende des Buches zusammengefasst sind. Dies mag auf den ersten Blick unwissenschaftlich erscheinen, erspart dem Leser aber unnötiges Blättern. Lediglich die wichtigste, öfter zitierte und allgemeine Literatur ist auf einer eigenen Seite angeführt. Ein Glossar erläutert ungebräuchliche, aber mehrfach wiederkehrende Begriffe.

Der Katalog ist somit nicht nur eine wertvolle Ergänzung zur Ausstellung, sondern ein umfassendes Nachschlagewerk, das man sicher auch später wieder gerne zur Hand nimmt.


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Dokument erstellt am 30
.4.2000