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Ausstellungsbesprechung

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magnus
drache, bär und pilgerstab

1250 jahre apostel des allgäus
Museum der Stadt Füssen
(21. Juli bis 03. Oktober 2000)
Di bis So - 10:00 bis 18:00 Uhr

Begleitbuch:  Ulrike Liebl (Lektorat): magnus. drache, bär und pilgerstab.
1250 jahre apostel des allgäus
Bestellung: Museum der Stadt Füssen, Lechhalde 3, D-87629 Füssen
Tel: +49 - (0)8362 - 903 146 / Fax: 903 201 / e-mail: kultur@fuessen.de
DM 28,-

Rezensiert von
Dr. J. Georg Friebe, Vorarlberger Naturschau, Dornbirn
Email: georg.friebe@dornbirn.at

Die Ausstellung
Das Begleitbuch


Die Ausstellung

Denkt man an die Christianisierung Süddeutschlands und des Bodenseeraumes, so stehen an erster Stelle wohl Gallus und Columban. In deren Schatten aber finden wir ihren Schüler Magnus, den Apostel des Allgäus. Die Verehrung reicht nur wenig über die Stätten seines Wirkens hinaus. Dort ist der Heilige aber äusserst populär. Die Stadt Füssen gedenkt seiner nun anlässlich des 1250. Todestages. Doch bereits hier stossen wir auf erste Schwierigkeiten. Seine Vita nennt zwar als Tag seines Ablebens einen Sonntag den 6. September, nicht aber das Jahr, sodass das Todesjahr 750 unsicher bleiben muss.

Für eine Magnus-Ausstellung gäbe es keinen geeigneteren Ort als das Museum der Stadt Füssen, ist es doch im ehemaligen Kloster St. Mang untergebracht (Mang ist die volkstümliche Version des Namens Magnus / Magnoald). Mauerfragmente in der Krypta unter der Basilika sind die einzigen greifbaren Zeugen aus dem frühen Mittelalter. Und romanische Mauerreste des Kreuzganges sieht der Besucher unter dem Metallsteg am Weg zu den Museumsräumen.

Der Titel der Ausstellung verweist auf die Attribute des Heiligen. Sie werden in einem Faltblatt erläutert, das damit über seine gewöhnliche Aufgabe als Werbeträger hinaus zu einem Bestandteil der Ausstellung wird. Die Ausstellung ist nicht in einem separaten Gebäudeteil konzentriert, sondern erstreckt sich über teilweise voneinander isolierte Räume, die sonst reinen Repräsentationszecken dienen, wie z.B. Refektorium oder Bibliothek. Daraus ergibt sich eine enge Verknüpfung mit der Dauerausstellung, die durchaus beabsichtigt und sinnvoll ist. Denn die Geschichte des Klosters ein zweites mal präsentieren zu wollen, wäre wohl eine Schildbürgerei ersten Ranges. Die temporären Bereiche sind gut durch eigenes Layout und Typografie erkennbar.

Für den Besucher ergibt sich allerdings der Nachteil, dass die Ausstellung keinen offensichtlichen Anfang, kein wirkliches Ende hat. Wer als erstes im Erdgeschoss das Refektorium aufsucht, sieht sich recht unvermittelt dem Themenkreis "Magnus in der Kunst" gegenüber. Doch die Verunsicherung ist nur von kurzer Dauer - zu interessant sind die ausgestellten Stücke, die vorwiegend von Pfarrämtern der Umgebung zur Verfügung gestellt wurden. Aufgrund ihrer Grösse können sie nur in diesem Raum wirkungsvoll gezeigt werden. Der Drache ist allgegenwärtig. Er verweist auf die bekannteste Legende aus der Vita des Heiligen - die Vernichtung eines gar greulichen Monsters, das bei Rosshaupten wenige Kilometer nördlich von Füssen eine Schlucht versperrte. Er ersetzte schon sehr früh den Bären, der die Gefahren der Natur symbolisiert, die durch den heiligen Mann gebändigt wurde. Der Bär aber wurde Attribut des Heiligen Gallus.

Im ersten Stock stösst der Besucher auf die Geschichte des Klosters und dessen legendäre Gründung durch Magnus als Teil der Dauerausstellung. In der ehemaligen Klosterbibliothek werden wiederum Kunstwerke gezeigt. Erfreulich ist, dass die Objektbeschriftungen sich nicht auf trockene Fakten beschränken, sondern interessante und amüsante Nebensächlichkeiten berichten. So liess sich der Maler Franz Anton Zeiller im Jahre 1781 sein Magnus-Bild keinesfalls in Geld bezahlen, nein - 200 Liter Rebensaft schienen ihm als Honorar angemessen!

Über das Leben des Heiligen kann fast nichts berichtet werden. Die Vita besteht zur grössten Teil aus Legenden, und die wenigen biografischen Angaben lassen keine sicheren Aussagen zu. Auch Primärreliquien sind kaum erhalten. Zentrum der Verehrung ist der Magnusstab, sein Wanderstab, den er der Legende zufolge von seinem Lehrer Gallus (und dieser wiederum von Columban) erhalten hatte. Der Füssener Magnusstab selbst ist nicht in der Ausstellung zu sehen. Er befindet sich drei Gehminuten vom Museum entfernt in der Basilika und ist dort in das Kreuz über dem Altar integriert. Im Laufe der Zeit aber war er um etliche Späne verkleinert wurden. Diese sind als Reliquien in andere Stäbe eingefasst. Vom Magnusstab ist es nur ein kurzer Schritt zu den zahlreichen Mirakeln, die sich um den Heiligen ranken. Als Bezwinger des Bären versprach er Schutz vor Naturgewalten, als Drachen- und Schlangentöter wurde er zum Helfer in der Bekämpfung von Ungeziefer. Der Magnusstab ging mehrmals auf Wanderschaft - bis nach Chur - um Maikäfer- und Mäuseplagen zu bannen. Magnuswasser - d.h. am Tages des Heiligen geweihtes Wasser - wurde in früheren Jahrhunderten als "Pflanzenschutzmittel" verwendet. Dass Stab und Wasser durchaus geholfen haben, zeigen einige vorzügliche Votivbilder. Das Thema "Magnus in der Kunst" scheint unerschöpflich. Neben grossformatigen Bildern und Statuen präsentiert die Ausstellung auch eine Reihe von Grafiken. Fast immer steht Magnus als Drachenbezwinger im Mittelpunkt.

Gerade in diesen 3 Räumen fällt eine Eigentümlichkeit in der Anordnung der Texte auf. Bei der Gestaltung wurde berücksichtigt, dass sich der "durchschnittliche" Besucher nach der Türe nach rechts wendet. Dementsprechend sind auch nebeneinander stehende Texttafeln angeordnet: Der erste Text ganz rechts, die Fortsetzung links daneben ... Und dennoch beginnen wir - wie wir es aus mehrspaltigen Zeitungen gewohnt sind - links zu lesen, sodass der Besucher unweigerlich mit dem Fortsetzungstext einsteigt und erst danach zur Einleitung vordringt. Die Texte selbst sind ansprechend formuliert und verständlich, die Schriftgrösse augenfreundlich. Ein Querverweis auf das entsprechende Kapitel im Begleitbuch erleichtert das Nachlesen. Eine Gliederung in Haupttext und Zusatzinformation wäre nett gewesen.

Texte rücken in "Papstzimmer" und Abtskapelle in den Mittelpunkt des Interesses. Wie alle Klöster war auch St. Mang ein Zentrum der Schreibkunst. Die heutigen Schätze jeder Bibliothek, die Handschriften, waren seit jeher der Stolz der Mönche. Ein Schatzverzeichnis des Klosters aus dem XI. Jhdt. listet neben liturgischen Geräten und Gewändern auch die Bücher auf - mögen sich unsere Geldgeber, die gerne dazu neigen Museumsbibliotheken auszuhungern, daran ein Beispiel nehmen!

Auch wenn wir - bedingt durch die Datenlage - über die historische Persönlichkeit des Hl. Magnus wenig erfahren, berichtet die Ausstellung ausführlich über sein Wirken in der Nachwelt. Die wichtigsten Dokumente, die wichtigsten Kunstwerke sind hier an einem Platz vereint. Nicht nur die herrlichen Drachen veranlassen mich zur Aussage: Die Reise hat sich gelohnt!

Das Begleitbuch

Es fällt mir schwer, das Begleitbuch als "Katalog" zu bezeichnen - und das ist gut so! Langatmige Auflistungen aller Exponate mit Grössenangaben, Inventarnummern, Leihgebern, aber rudimentären Sachinformationen und fehlenden Abbildungen gehören wohl endgültig der Vergangenheit an. Das "Buch zur Ausstellung" (wie es von den Herausgebern genannt wurde) ist eine lebendige Darstellung aller in der Ausstellung behandelten Themen.

Die Autoren wurden gebeten, " [...] ihre neuesten Forschungsergebnisse hier in essayistischer Form einer breiten Leserschaft vorzustellen und dabei [...] weitgehend auf wissenschaftliche Anmerkungsapparate zu verzichten". Wo dennoch Fussnoten notwendig waren, befinden sie sich - neben den Bildbeschreibungen - in der Randspalte auf der jeweiligen Seite: das mühsame Blättern entfällt. Dies heisst jedoch nicht, dass auf ein Literaturverzeichnis verzichtet wurde. Wer sich tiefer in die Materie vertiefen möchte, findet im Anhang - nach Kapiteln geordnet - eine Auswahl der wichtigsten Werke.

Ausführlicher als die Ausstellung geht das Buch auf die Vita des Heiligen ein. Was im Museum nur schwer visualisiert werden kann, will man ein Zuviel an Text vermeiden, kann hier nachgelesen werden. Auch die Rolle des Heiligen im Volksglauben nimmt breiten Raum ein. Damit es keine zu lokalhistorische, auf den Allgäu beschränkte Schrift wird, befasst sich ein Kapitel mit der Magnusverehrung in der Schweiz. Speziell beim Kapitel über die Kunst ist der Leser für die reiche Bebilderung dankbar. Dem Kloster St. Mang als intellektuelles und künstlerisches Zentrum schliesslich ist das letzte Drittel des Buches gewidmet. Die Bibliothek wird ebenso beschrieben wie die Bedeutung des Klosters für die Musik.

Ein kleines Detail ist es wert erwähnt zu werden: Die Autoren treten (im Anhang) durch kurze Angaben zu Person und Tätigkeit ein wenig aus der Anonymität.

Das gelungene und wohlfeile Buch ist eine wertvolle Ergänzung zur Ausstellung.


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Dokument erstellt am 12.8.2000