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Ausstellungsbesprechung

 

Drache

Drache: Majestät oder Monster
Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien
(29. Februar bis 21. Mai 2000)
Klagenfurter Bergbaumuseum
(9. Juli bis 29. Oktober 2000)

Katalog
Gerd Kaminski / Barbara Kreissl (Hg.):
Drache. Majestät oder Monster.
Mit dem Drachenhoroskop des daoistischen Abtes Liebliches Meer.

Rezensiert von
Georg Friebe
Vorarlberger Naturschau, Dornbirn


Die Ausstellung

Nach der Nicht=Jahrtausendwende mag es in Europa vielleicht untergegangen sein: Die Chinesen feiern heuer das Jahr des Drachen. Das Wort "feiern" ist wörtlich zu nehmen, gilt doch in China der Drache als der Glücksbringer und Bewahrer vor allem Unheil schlechthin. Grund genug für das Museum für Volkskunde in Wien, diesem Geschöpf menschlicher Phantasie eine eigene Ausstellung zu widmen. Doch halt: "diesen Geschöpfen" müsste es richtiger heissen. Denn schon der Untertitel verrät: Hier werden chinesische Tradition und europäische Volksmythologie einander gegenüber gestellt - ein nicht ganz einfaches Unterfangen, hat doch der östliche mit dem westlichen Drachen rein gar nichts gemein. Allein die Ähnlichkeit in der Gestalt bewog frühe Asienforscher, das chinesische "Lung" mit dem lateinischen "draco" gleich zu setzen.

Die Gegenüberstellung wird durch die symmetrischen Räumlichkeiten begünstigt. Bereits im Stiegenhaus empfängt eine Nachbildung des Klagenfurter Lindwurms, des österreichischen "Nationaldrachens", den Besucher. Die eigentliche Begrüssung aber übernimmt sein chinesischer Kollege: Ein Seidenpapierdrache leitet in den ersten Raum. Der Besucher steht vor der Wahl, sich nach rechts = Osten, oder aber nach links = Westen zu wenden. Der Schwanz des Papierdrachens weist nach rechts. Dennoch, die westliche Tradition ist vertrauter, also nach links!

Als zentrales Schaustück schwebt ein Wurzeldrache im Raum. Die Phantasie half nach, ungewöhnliche Funde zu Drachen zu machen. Unter ihm der Schädel eines eiszeitlichen Wollnashorns, der Ulrich Vogelsang als Modell für den Kopf des Lindwurms diente. Ein weiterer Drachenschädel stammt vom Höhlenbär Ursus spelaeus. Der Drache galt oft als Personizizierung von Naturkatastrofen. Kartenskizzen informieren über die Schauplätze von Drachensagen in Österreich, über "draconische" Gemeindewappen. Das seefelder Steinöl wird als Drachenblut gedeutet, nicht ohne die Alternative als Blut des Riesen Thyrsus, der vom Drachentöter Haymo erschlagen, zu vergessen. Klassische Darstellungen unterschiedlicher Drachentypen von Scheuchzer, Gesner, Kircher oder Aldrovandi werden im Original gezeigt. Auch seltene Drachen werden vorgestellt, wie der niederösterreichische Mostdrache: Er lebt in Weinkellern und erwacht kurz nach der Lese aus seinem Schlaf. Aus offenen Spundlöchern säuft er und verströmt giftigen Odem.

Der nächste Raum zeigt die unterschiedlichen Deutungen und Erscheinungsweisen von Drachen. Die christliche Mythologie steht an zentraler Stelle. Dürers Holzstiche illustrieren die Anfänge in der Apokalypse. In Erstaunen setzt eine Liste der Drachenheiligen. Georg, Margarethe oder Magnus sind die bekanntesten von ihnen, allein die Auflistung ist ein vielfaches länger. Aus der Volksoper stammt ein Bühnendrache aus der Zauberflöte. Eine Videosequenz zeigt Siegfrieds Drachenkampf. Leider ist der viel zu kleine Monitor horizontal positioniert, sodass kaum mehr als zwei Erwachsene gleichzeitig die Sequenz sehen können.

Seitenwechsel: China. Als erstes fällt auf: Es gibt weniger Sachinformation, was auch von einem Besucher im Gästebuch beanstandet wurde. Doch das Wenige beeindruckt: Mehr als 6000 Jahre alt sind die ältesten Darstellungen des Lung. Bereits hier waren die beiden Hauptfunktionen erkennbar: Mittler zum Jenseits und Schutz vor bösen Geistern. Bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend war sein Aussehen keinem festen Reglement unterworfen. Danach war sein Aussehen vorgegeben. Lediglich Körperhaltung und Farbe wurden variiert. Im Volk was der Drache als Regenmacher beliebt: Sein Atem kondensiert zu Wolken. Dem gegenüber gilt der fünfklauige Lung als Sinnbild des Kaisers.

Der fernöstlichen Abteilung angeschlossen ist ein kleiner Raum, der sich den Drachen in unserer heutigen "Mischkultur" widmet.

In beiden Ausstellungsteilen ist die Abgrenzung zu den Nachbarräumen ungenügend. Wer sich am Klagenfurt-Video vorbei schwindelt, steht plötzlich vor einer Sammlung eindrucksvoller Fasnachtsmasken. Unter ihnen fallen einige Masken von "Schiachperchten" auf, die - obwohl als "Krokodilsrachen" beschrieben - auffallende Ähnlichkeiten zu Drachendarstellungen zeigen. Zumindest eine dieser Masken hätte in die Ausstellung übernommen werden sollen.

Für Kinder steht eine eigene Drachen-Werkstatt zur Verfügung, wo sie nicht nur zeichnen oder an einem Gewinnspiel teilnehmen können, sondern (im Rahmen von Kinder-Führungen) auch Drachen basteln können.

Schauen Sie sich die Ausstellung an! Für jeden "Dracophilus" ist sie ein Muss. Sie werden kaum ein weiteres Mal derart viele, derart sehenswerte Drachen in einem Haus versammelt finden.

Das Begleitbuch

Das Begleitbuch ist kein Katalog im eigentlichen Sinn. Auf eine Auflistung der Objekte wurde verzichtet. Weder am Cover noch im Impressum findet sich ein Hinweis auf die Ausstellung. Das Buch wurde als selbständiges Werk konzipiert, das auch unabhängig von der Ausstellung über einen längeren Zeitraum verkauft werden kann. Leider funktioniert derzeit der Vertrieb über den Buchhandel nicht reibungslos. Mit Wartezeiten von knapp einem Monat muss gerechnet werden.

Östliche und der westliche Drachen werden in mehreren, reich bebilderten Einzelartikeln vorgestellt. Ein gemeinsames Literaturverzeichnis fehlt daher. Quellenangaben finden sich nur in einem Fall als Bibliographie, sonst in Form von Anmerkungen im Anschluss an jeden einzelnen Artikel.

Im Gegensatz zur Ausstellung liegt im Buch der Informationsschwerpunkt auf Ostasien. Den Anfang bildet ein "Drachenhoroskop" zum heurigen Jahr des Drachen. Es unterscheidet sich kaum von europäischen Jahreshoroskopen.

Der umfangreichste Beitrag widmet sich der 6000-jährigen Geschichte der Drachen in China vom ersten Muscheldrachen im Grab eines Stammesfürsten oder Schamanen bis zu dem seit dem 12. Jahrhundert "standardisierten" Drachen, der auch bei uns in Plastik in fast jedem China-Restaurant auftritt. Zeitangaben erfolgen leider durch Hinweis auf die jeweilige Dynastie, eine Korrelation mit unserer Zeitrechnung wird nur bei der jeweils erstmaligen Erwähnung der Dynastie vorgenommen. Das Lesen wird dadurch unnötig erschwert. Eine Zeittafel im Anhang hätte hier Abhilfe geschaffen.

Dem Drachen im chinesischen Volksbrauchtum widmet sich der nächste Beitrag. Drachentanz und Drachenbootfest werden vorgestellt und ausführlich diskutiert. Wie im vorigen Beitrag wird der Text durch Zitate bereichert. Hier zeigt sich jedoch, dass das Buch nicht für ein Ausstellungspublikum verfasst wurde. Zitate in der Originalsprache (in diesem Fall Englisch) sind zwar zu begrüssen, jedoch sollte eine deutsche Übersetzung beigegeben werden.

Neben dem heute allgegenwärtigen chinesischen Drachen findet sein japanischer Bruder wenig Beachtung. Doch gerade er zeigt Parallelen zum europäischen Drachen, war er doch ursprünglich als Flussgott für Überschwemmungen verantwortlich. Der Drachenkampf in der japanischen Mythologie symbolisiert den Kampf gegen den Fluss und die Errichtung von Dämmen. Ein Blick nach Südostasien, wo Drachen vergleichsweise rar sind, rundet den Asien-Block ab.

Auch der europäische Drache wird in seinen Erscheinungsformen von der Antike bis zur Gegenwart vorgestellt. Der Untertitel "Vom antiken Fabeltier zum 'Jurassic Park'" klingt zunächst verwirrend, handelt "Jurassic Park" doch von Sauriern. Tatsächlich wird jedoch oft nicht zwischen Drachen und Sauriern unterschieden. Und als Schreckensbringer haben Tyrannosaurus & Co. den antiquierten Drachen längst überholt. Schliesslich umgibt den Saurier die Aura des Originalen und dennoch geheimnisvollen, während der Drache als Produkt menschlicher Phantasie entlarvt und zum Kuscheltier für Kinder degradiert wurde.

Diesem Bedeutungswandel und dem Einzug des Drachen in die Kinderzimmer ist ein eigener Beitrag gewidmet. Den Paradigmenwechsel mit einer generellen Verschiebung von "böse" zu "gut" nach dem II. Weltkrieg zu erklären, ist sicher nur ein Aspekt. Tatsache ist, dass der Drache mit unserer zunehmenden Beherrschung der Natur seine ursprüngliche Bedeutung als Bringer von Naturkatastrofen verloren hat. Damit war der Weg frei für seine Entmystifizierung. Romantische Reminiszenzen finden sich nur noch in Fantasy Stories.

Im Begleitbuch sind westliche wie östliche Drachen gleichermassen ausführlich behandelt. Das Buch hat damit das Potenzial, ein Standardwerk über Drachen für den deutschsprachigen Raum zu werden.


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Dokument erstellt am 21.4.2000