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Ausstellungsbesprechung

 

nichts tun

nichts tun
vom flanieren, pausieren, blaumachen und müssiggehen

Österreichisches Museum für Volkskunde
9. Juni bis 5. November 2000

Website:
http://www.nhm-wien.ac.at/bundesmuseen/VOLKS/1/MAIN.HTM

Rezensiert von
Erhard Chvojka, Historisches Institut, Universität Wien


Die Ausstellung:

Es ist unüblich, daß man sich am Beginn eines Museumssbesuches in einem Liegestuhl ruhend findet. In der Ausstellung "nichts tun" gibt es dieses Angebot, das man als sehr angenehme und anschauliche Form der Einstimmung auf das Thema unbedingt wahrnehmen sollte.

Die Ausstellung geht aus dem vom Österreichischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur geförderten Forschungsprojekt "Über den Müssiggang. Konstruktionen von freier Zeit zwischen Arbeits und Erlebnisgesellschaft" hervor, das am Institut für Volkskunde der Universität Wien angesiedelt ist. Entsprechend der inhaltlichen Zielsetzung des Projektes widmet sich die Ausstellung den "kleinen Freuden des Alltags", den Nischen der Ruhe und des kurzen Rückzuges und ganz dezidiert nicht standardisierten Bereichen der Freizeitkultur wie etwa Reisen oder Sport. Im Sinn einer produktiven Einbindung der Ausstellung in den Fortgang des Forschungsprojektes planen die KuratorInnen, die (mündlichen wie schriftlichen) Reaktionen des Publikums in die weiteren Untersuchungen einfließen zu lassen.

Die Ausstellung vermeidet ausdrücklich jegliche nostalgische Klage über das Verschwinden etwaiger "früher noch möglicher" Formen der Musse. Sie wirft vielmehr gezielt Schlaglichter auf die unterschiedlichen kulturellen Funktionen und Ausformungen der in den Alltag eingebundenen Momente der Ruhe im Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Die Präsentation versteht sich dabei allerdings nicht als durchdeklinierte Kulturgeschichte der "kleinen Freuden", sondern offeriert den BesucherInnen ausgewählte "Themeninseln", bei deren Betrachtung eine gewisse Beliebigkeit der Reihenfolge praktiziert werden kann und auch soll. Dementsprechend gibt die Ausstellung auch keine klare Gehrichtung vor, sondern lädt zur selbständigen Gestaltung des Besuches ein. Die Ausstellungsarchitektur legt das "Flanieren" als Methode des Ganges durch die Ausstellung nahe  ein Konzept, das in seiner Umsetzung ganz besonders gelungen ist.

Maximilian Lenz: Die Sirk-Ecke auf der Ringstrasse, 1900Ganz bewusst wurde in die inhaltliche Konzeption der genius loci des Österreichischen Volkskundemuseums einbezogen, das sich im Gartenpalais Schönborn befindet. Im 18. Jahrhundert erbaut und ehemals in der Wiener Vorstadt gelegen, war es als authentischer Ort des adeligen Landlebens vor der Stadt konzipiert. Der noch bestehende Barockgarten des Palais repräsentiert die Inszenierung adeliger Mußekultur. Eine Blickachse vom Foyer der Ausstellung in den begehbaren Garten ermöglicht es, das adelige Lustwandeln des Barock dem bürgerlichen Flanieren gedanklich gegenüber zu stellen. In diesem Eingangsbereich befinden sich auch die erwähnten Liegestühle, die durch ihre "ungeordnete" Aufstellung zu einer "Ikone des Spontanen" werden und die durchstrukturierte Formalisierung der kommerzialisierten Freizeitkultur mit ihren in Reih und Glied stehenden Strandliegestühlen bewußt kontrastieren. Eine zweite räumliche Achse verbindet die beiden Haupträume der Ausstellung  auf der einen Seite die kleinen Freuden des individuellen Müßigganges, auf der anderen Seite das gesellschaftliche Flanieren, Promenieren und Spazieren.

Besonderen Wert legt die Ausstellung auf die Vermittlung der Genese der ideologischen Opposition von Arbeitszeit und Freizeit im modernen Sinn. Diese Polarisierung beruht auf der Entwicklung des modernen Verständnisses von Arbeit, das keine „kleinen Pausen" mehr einschließt, sondern jegliche Formen der "Muße" explizit der neuen Freizeit zuordnet. Ein eigener Raum widmet sich dem Übergang von den ehemals etwa in den Arbeitsalltag der städtischen Handwerksgesellen integrierten kleinen Unterbrechungen und dem Privileg des montäglichen "Blaumachens" hin zu den im modernen Büroalltag bereits inhaltlich und formal durchstrukturierten Pausen, in denen z.B. Entspannungsgymnastik nach Anleitung betrieben werden soll.

PulleEin weiterer Raum präsentiert die vielfältigen Formen der Entspannungs und Genußkultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Exponate befinden sich nicht in herkömmlichen Vitrinen oder an der Wand, sondern in kniehohen Bodenkästen, die den Blick auf die Gegenstände von oben ermöglichen und deren breite Ränder zum Niedersetzen und Verweilen bei der Betrachtung einladen. Präsentiert werden die Themen Entspannen, Genießen, Müssiggehen, Entschleunigen, Ruhen und Sinnieren. Dabei steht die idelle Symbolik der jeweiligen Objekte im Vordergrund. Zu sehen ist etwa die rituelle Ästehtik des kulinarischen Genießens, wenn anhand von aufwendig verpackten Pralinen oder eines Sortiments von Weingläsern für bestimmte Weinsorten sichtbar wird, mit welchen Formen symbolischer Repräsentation sich die "Elite im Genießen" selbstinszeniert. Ein anderer Kasten zeigt Utensilien der modernen Entspannungsindustrie von Massagebällen über die AntistressBrille bis zum Entspannungstuch. Dem hohen ideellen Stellenwert der Badekultur im Zusammenhang mit den Schlagworten Entschleunigung und Rekreation trägt eine Auswahl von Innenaufnahmen privater und öffentlicher Wiener Luxusbäder Rechnung. Die vor allem für das Bürgertum des 19.Jahrhunderts typische Projektion von Leitbildern der Sonntagsruhe oder des Feierabends in das ländliche Leben wird anhand von Souvenirs und Gebrauchsgegenständen des Alltags präsentiert, auf denen die entsprechenden Sujets erscheinen. Der Bereich "Müssiggehen" bietet eine Anzahl entnehmbarer Bücher, der Kasten zum Thema "Sinnieren" ist mit Objekten aus dem "Kölner Museum für Gedankenloses" gefüllt.

Drei Räume widmen sich explizit den Wiener Verhältnissen der Muße und des "nichts tuns" insbesondere im öffentlichen Raum. Anhand eines historischen Rückblickes werden die Orte und Formen des „Spazierens, Flanierens und Promenierens" vom 18. bis ins 20. Jahrhundert gezeigt. Die BesucherInnen durchwandern diesen Abschnitt auf verschiedenen Pflaster und Kiesböden, die für die Spazierräume der verschiedenen Epochen stehen. Thematisiert wird z.B. das im Wien der Jahrhundertwende aufkommende Ritual des täglich pünktlich um 12 Uhr stattfindenden, demonstrativen Flanierens der Ehefrauen des Großbürgertums und Adels auf der anstelle der ehemaligen Stadtmauer angelegten Ringstraße. "Nichts tun" erscheint in diesem Zusammenhang ein weiteres Mal als bewusst inszenierte Form der symbolischen Repräsentation von Macht und sozialem Status.

Als Beispiel für die Äquivalente des Flanierens im 20. Jahrhundert präsentiert ein eigener Raum das "Herumfahren" im Bereich der Stadt. Dokumentiert wird die Werbung der Wiener Verkehrsbetriebe von der Jahrhundertwende bis in die Nachkriegszeit, die das Stadt und Straßenbahnfahren als "Unterhaltung per se" propagierte. Neben dem Fahren zu einem Vergnügen steht das pure Fahren zum Vergnügen. Unter den im Raum verteilten Schallglocken sind Schlager aus den 50er und 60er Jahren zu hören, die die zeitgenössische Kultur der Auto und Motorradausflüge zum Inhalt haben.

In sämtlichen Bereichen, die explizit die Wiener Mußekultur behandeln, wird die Stadt gleichermaßen als Beispiel wie als Sonderfall dargestellt. Gemäß traditioneller Leitbilder gilt Wien als Hort einer spezifischen „Gemütlichkeit" und einer ausgeprägten Präferenz für die "kleinen Freuden des Alltags". Die Ausstellung thematisiert diese Klischees und geht ihren Wurzeln und Funktionen nach. Wer sich allerdings eine affirmative Inszenierung von Leitbildern der „Wiener Gemütlichkeit" erwartet, wird (zum Glück) enttäuscht. Stellvertretend dafür, daß die entsprechenden Klischees in der Vergangenheit gezielt eingeführt und verbreitet wurden, steht ein Raum, der sich der sich der Entstehung des bis heute in Wien als Synonym für ausschweifendes Nachtleben gebräuchlichen Wortes "Drahn" widmet. Der Begriff geht auf das Lied "Weil i a alter Draher bin" zurück, das der Wiener Volkssänger Edmund Guschelbauer um 1880 sang und dessen Refrain er mit der Geste eines Werkelmannes, der seine Drehorgel kurbelt, begleitete. In kürzester Zeit wurde das Bild des lebensfreudigen "Drahrers" von sämtlichen Wiener Milieus aufgegriffen und kultiviert.

Eine überregionale Perspektive verfolgt eine Diashow, in deren Rahmen Fotografien des Architekten Alfons Dworsky präsentiert werden. Die Bilder zeigen Wartehäuschen aus verschiedensten Regionen der Welt. Anhand dieses Symbols des erzwungenen Innehaltens in der alltäglichen Hektik werden die stark regionalspezifisch geprägten Architekturstile sichtbar, die jeweils unterschiedliche Stereotype von "Daheim" repräsentieren.

Insgesamt betrachtet ist die Ausstellung "nichts tun" sowohl in inhaltlicher Hinsicht wie auch in ihrer gestalterischen Umsetzung als ganz außergewöhnlich gut gelungen zu bezeichnen. Kein noch so kleines Detail wirkt "zufällig", ständig ist man als BesucherIn mit einer ebenso durchdachten wie einfallsreichen Präsentation sämtlicher Inhalte konfrontiert. Die durchaus komplexen Aussagen werden in einer Form vermittelt, die gleichermaßen das "breite Publikum", wissenschaftlich Interessierte und nicht zuletzt auch Schulklassen erfolgreich anspricht. "Nichts tun" - eine Ausstellung, die man gesehen und vor allem sinnlich genossen haben sollte!

Der Katalog:

nichts tun. vom flanieren, pausieren, blaumachen und müßiggehen. Begleitbuch und Katalog. Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde Bd. 75 (Wien 2000), 116 S., Zahlreiche Illustrationen.

Das sich nicht nur als Katalog, sondern explizit auch als Begleitbuch verstehende Werk greift die einzelnen inhaltlichen Stationen der Ausstellung anhand von kurzen Textbeiträgen auf. In einer Einleitung stellen die vier KuratorInnen (Gertraud Liesenfeld, Klara Löffler, Christian Rapp und Michael Weese) das inhaltliche Konzept vor, das sich an den Leitlinien des erwähnten Forschungsprojektes orientiert. Ein eigener Beitrag stammt vom Ausstellungsarchitekten Christian Prasser, der seine Präferenz für eine relativ geringe Anzahl von Objekten zugunsten der Akzentuierung von "Stationen" zum Zweck einer möglichst selbständigen Gestaltbarkeit des Besuches betont. Sämtliche Artikel sind verhältnismäßig kurz gehalten (zwischen 2 und 6 Seiten) und legen den Schwerpunkt eindeutig nicht auf eine umfassende Aufarbeitung der jeweiligen Themen, sondern erscheinen vielmehr als informative und anregende "Impulsstatements", anhand derer auch nochmals die bewußte Beispielhaftigkeit des in der Ausstellung Dargestellten vermittelt wird. Entsprechend dieser Maxime enthält der Katalog auch kein Gesamtverzeichnis aller ausgestellten Exponate und Installationen, obwohl eine große Anzahl der Objekte abgebildet ist. Dies mag zwar auf den ersten Blick als gewisses Defizit erscheinen. Die getroffene Auswahl der gezeigten Objekte sowie der bewußte Verzicht auf Vollständigkeit affirmieren allerdings ein weiteres Mal das auch im Katalog konsequent durchgezogene und sehr zu begrüßende Prinzip der Fokusierung "kleiner Einheiten". Zudem führt diese Form der Gestaltung dazu, daß der Katalog gerade auch während des Besuches der Ausstellung sehr angenehm "parallel zu lesen" ist.

Zu erwähnen ist nicht zuletzt noch die von Getraud Liesenfeld und Klara Löffler edierte Anthologie "hundertvierundzwanzig kleine freuden des alltags" (Löcker, Wien 2000), die sich ebenfalls als Begleitwerk zur Ausstellung versteht. Das Buch bietet die besonders begrüßenswerte Möglichkeit, sich auf die verschiedensten Facetten des Themas nicht nur auf der Ebene „trockener" Wissenschaftlichkeit, sondern anhand von 24 belletristischen Texten einzulassen. Der Band beinhaltet u.a. Beiträge von Friederike Mayröcker, Peter Rosei, Andreas Okopenko und Julian Schutting.

Das Rahmenprogramm:

Ganz besonders positiv zu vermerken ist das außergewöhnlich umfangreiche und vielfältige Begleitprogramm zur Ausstellung. Während der gesamten Dauer der Ausstellung wird dabei Einheimischen und BesucherInnen Wiens die Möglichkeit geboten, sich noch zusätzlich zum Besuch der Ausstellung ganz gezielt mit dem "nichts tun" auseinanderzusetzen und dieses auch bewußt zu praktizieren.

Neben zahlreichen Sonntagsmatineen und Abendvorträgen werden während der gesamten Dauer der Ausstellung spezielle "Familientage" abgehalten. Die Ausstellung war zudem in das alljährlich im Sommer veranstaltete „Wiener Ferienspiel" einbezogen. Am 17.6. fand im Rahmen der Aktion "Lange Nacht der Museen" am 17.6. ein abendlichen Fest im Garten des Museums statt. Am 28.6. widmete sich eine Veranstaltung aus der Reihe „Wiener Vorlesungen" dem Thema der Ausstellung. Dabei kam es u.a. in einem Podiumsgespräch zu Erörterung des Themas "Wiener Muße  Rückständigkeit oder Lebenskunst?". Im Juni, Juli und August wurden die das ganze Jahr über zu verschiedenen Themen angebotenen, von Fachleuten geführten sog. "Wiener Spaziergänge" auch unter dem Titel "müßiggehen" abgehalten. Zum Abschluß findet am 3. und 4. November das wissenschaftliche Symposium "Bewegte Zeiten. Annäherungen an eine zeitgemäße Freizeitforschung" statt.


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Dokument erstellt am 30.9.2000