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Ausstellungsbesprechung

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Jugend - Protest - Kultur

Linda McCartney: Die 60er Jahre, Portrait einer Ära

Gustav-Lübcke-Museum, Hamm
12. März bis 7. Mai 2000

keine Website

Kataloge:
Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Westfälisches Museumsamt (Hg.):
Jugend - Protest - Kultur, Bönen 1999, ISBN 3-927204-51-X

Linda McCartney: Sixties - Portrait of an Era, 176 Seiten, 49 DM, derzeit Warteliste.

Rezensiert von
Markus Bussmann,
Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Eine sehenswerte Doppelausstellung bietet derzeit noch das Gustav-Lübcke-Museum im westfälischen Hamm. Gezeigt wird "Jugend - Protest - Kultur", eine Wanderausstellung zusammengestellt vom Westfälischen Museumsamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ueber die späten 1960er und fruehen 1970er, die nicht unerheblich aufgewertet ist durch die Fotoausstellung von Linda McCartney: "Die 60er Jahre, Portrait einer Ära" in 100 Aufnahmen meist von amerikanischen und englischen Rock- und Pop-Musikern. Alles in allem eine bunt und gut zusammengestellte Mischung fuer die Alt-68er ebenso wie die nachfolgende Generation der Söhne und Töchter; für die eingefleischten Fans und die ironisch Distanzierten.

"Vom 'Hair'-Plakat bis zum Hippiekleid", so textet die Presseinformation über "Jugend - Protest - Kultur" und umreisst damit den alltagsgeschichtlichen Ansatz der Ausstellung. Die knapp 200 Exponate wollen neben den politischen vor allem die kulturellen Aspekte der Protestwelle beleuchten. Von der Sub- zur Popkultur, vom antikapitalistischen Protest zum kommerzialisierten Jugendkult. Die Exponate sind sehr anschaulich. Knappe Texttafeln informieren über die grossen Themen der Ära: Mode, Musik, Inspirationen, SDS, Frauenbewegung sowie Ausblicke in Ökologie und Terrorismus. Illustriert wird dies an vielfältigen Alltagsgegenstaenden. Da sind sie wieder: die Einrichtung der Selbsterfahrungs-WG inklusive Hasch-Kochbuch und Batikanleitung, die Drogenutensilien, die Plattencover, das spiritualistisches Equipment, die Plateauschuhe und die marxistischen Flugschriften. Manchen Jugendlichen von damals und Frührentner von heute werden nostalgische Gefuehle beschleichen; vielleicht auch etwas Irritation, wenn er den billigen Modeschmuck von damals plötzlich in einer Glasvitrine als Ausstellungsstück liegen sieht, wie sonst nur antike Ausgrabungsfunde. Ausserdem kann man wahre musikalische Schätze mithören, wie "Barbara Ann" gespielt von den "Monster Five" aus Mühlheim, die mit ihrer Interpretation der Beach-Boys-Nummer einen verdienten 29. Platz der Jurywertung beim Recklinghauser Beatwettbewerb vom Januar 1967 belegten. Diese Veranstaltung wurde übrigens vom Phonmesser der örtlichen Polizei überwacht, "weil Phonstaerke ab 80db gesundheitsschädlich sind", wie der Initiator des Wettmusizieren, Jugendamtsleiter Oster, warnend hinzufügte. Solche Regionalbezüge machen den Besucher häufig schmunzeln. Neben den humoristisch wirkenden Aspekten des Protests in der Provinz zeigen sie aber vor allem den "trickle down"-Effekt dieser nachhaltigsten Jugendbewegung in Deutschland seit 1945; nämlich den Wandel und die Vervielfältigung in den Lebensstilen. Die damals durchgefochtenen kulturellen Brüche erwiesen sich letztlich als wirksamer und nachhaltiger als alle propagierten politischen Veränderungsabsichten.

In ihrer Überschaubarkeit ist die Wanderausstellung allerdings etwas klein geraten. An einigen Stellen hätte man sich Vertiefung gewünscht. Viel mehr als eine Einstimmung auf die Swinging Sixties und ihr lokales Echo an Rhein und Ruhr kann und soll auch wohl nicht geboten werden. Gut, dass die Initiatoren in Hamm die "grosse weite Welt" durch die Foto-Ausstellung Linda McCartneys dazuholten, um den übergeordneten Kontext exemplarisch am Beispiel Musik eingehender zu beleuchten.

Die autodidaktische Fotografin allein als Ehefrau ihres Mannes zu sehen, die aufgrund der familiären Kontakte beinahe zwangsläufig all die illustren Musiker vor die heimische Kamera bekam, wäre eine voellige Fehleinschätzung. Bereits vor ihrem Zusammentreffen mit dem berühmten Beatle bannte sie als erste Fotografin des "Rolling Stone Magazine" die Halbgötter der anglo-amerikanischen Rock und Pop auf Zelluloid. Unter professionell-fotografischen Gesichtspunkten mögen einige Bilder nicht herausragend sein, die Portrait-Fotos zeigen aber prägende Gestalten dieser Zeit, wie sie sonst nirgendwo zu sehen sind. Linda McCartney, geb. Eastman, kannte jeden und war immer dabei: von Aretha Franklin bis Frank Zappa entging kaum jemand der wirklich Grossen ihrer Linse. Die Liste der prominenten Portraitierten ist lang: Otis Redding, Bob Dylan, Neil Young, David Crosby, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Simon and Garfunkel, The Who, die Greatful Dead und die Yardbirds, die Schnappschüsse der Stones auf der Fähre und und und. Darunter sind eine Handvoll auch technisch und kompositorisch herausragender Bilder: Ray Charles, BB King und John Lennon sind selten so perfekt in Szene gesetzt wie für Lindas Fotos, die mehr sagen als viele Worte.

Überhaupt: Lennon, McCartney, Harrison, Starr. Das Highlight dieses Teils der Ausstellung sind sicherlich die Bilder dieser vier Ikonen: die bekannten Cover-Fotos ebenso wie einige private Aufnahmen bei verschiedenen Gelegenheiten, so bei den shootings zu Abbey Road. Viele der Bilder sind dem versierten Beatles-Fan, der sich auch mit der Fotokunst von Frau McCartney befasst hat, bereits aus dem 1993 bei Schirmer/Mosel erschienenen Buch "Linda McCartney: Die 60er Jahre, Protrait einer Ära" bekannt. Der Band fungiert auch als Katalog der Ausstellung. Statt der vergriffenen deutschen Ausgabe wird die englisch-amerikanische Originalausgabe von 1992 "Sixties - Portrait of an Era" genutzt, die zur Zeit aber ebenfalls nur mit Verzögerung lieferbar ist. Doch sind diese Buecher natürlich nicht mit den selbstgefertigten Handabzügen Linda McCartneys zu vergleichen, die die Fotografin noch kurz vor ihrem Tod 1998 für diese Ausstellung nach ihren alten Negativen fertigte und die hier erstmals in NRW zu sehen sind. Vervollständigt wird das Bild durch die "Roadworks" und "Sunprints" der Künstlerin, Reisefotografien und Arbeiten aus den frühen 90er Jahren, die ihre gesamte Schaffensbreite zeigen.

"It was thirty years ago today..." Doch im Hintergrund spielt - doppelter Chronologiebruch - die Anthology I CD in Endlos-Schleife von einer Hightech-Anlage. "Free as a bird" und die "Savage Young Beatles" mit Früh- und Live-Werken, die nicht ohne Grund Jahrzehnte in den Archiven schlummerten. Wenn es doch Anthology III waere, stöhnt der Fan, der "seine" Fab Four am liebsten zu ihrer Hochzeit hört - eben Ende und nicht Anfang der 60er Jahre. Aber er tröstet sich mit dem Gedanken, dass zumindest nicht Linda McCartneys postum erschienene, erste und einzige CD "Wild Prairie" gespielt wird, welche die visuelle Brillianz der Autodidaktin musikalisch niemals wiederspiegeln koennte. Die "B-side to Seaside" (so eines der Stücke) muss nun wirklich nur der Hardcore-Fan haben ...


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Dokument erstellt am 21.4.2000