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Ausstellungsbesprechung

"Lieber Maler, male mir ..." Radikaler Realismus nach Picabia
Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
15. Januar - 6. April 2003

Rezensiert von:
Carmen Bosch-Schairer M.A., cbs-Kultur Weinsberg
Email: c.b-s@arcor.de


Der Besucher der Schirn Kunsthalle wird von einem Ausstellungsplakat empfangen, das den Filmstar Cary Grant zu seinen besten Zeiten lässig am Wohnzimmerkamin lehnend zeigt - in athletischer Nacktheit. Darüber der Titel "Lieber Maler, male mir ... Radikaler Realismus nach Picabia". So hermetisch verschlossen dieser Titel, so radikal plakativ und geheimnislos Kurt Kaupers Cary-Grant-Akt.

Die Ausstellung zeigt figurative, im weitesten Sinn realistische Malerei von 18 internationalen Künstlern. Überwiegend handelt es sich um aktuelle Werke aus den 90er Jahren bis heute. Das Gemeinschaftsprojekt dreier bedeutender Häuser, des Centre Georges Pompidou, Paris, der Kunsthalle Wien und der Schirn Kunsthalle Frankfurt macht ebendort zuletzt Station.

Einer zumeist jüngeren Realistengeneration werden "historische" Positionen gegenübergestellt, die nach der Lesart der Ausstellungskuratoren beispielhaft für eine im positiven Sinn radikale realistische Figürlichkeit sind. Francis Picabia gehört dazu, der spanisch-französische Avantgardist und Stilexperimentator, Bernard Buffet, der im Nachkriegsfrankreich mit geometrisch stilisierten Akten reüssierte, Alex Katz und seine zweidimensionalen amerikanischen Gesellschaftsporträts sowie Sigmar Polke und Martin Kippenberger mit ihren buffonesken und zugleich ätzend satirischen Kunstkonzepten. Im Mittelpunkt des Interesses steht vor allem ein Aspekt ihrer Abeit, die Rezeption und Bearbeitung trivialer Bilder aus informativen oder unterhaltenden Kontexten, aus Werbung und politischer Propaganda.

Den Aufhänger bildet eine Gruppe plakativ-konventionell gemalter weiblicher Akte von Picabia, in den 40er Jahren entstanden. Die Kunsttheorie wertete sie als peinliche Ausrutscher, bis vor kurzem ans Licht kam, daß sie nach Fotos aus erotischen Magazinen der 30er Jahre gemalt wurden. Picabias Gründe, diese trivialen Vorlagen zu rezipieren, bleiben dunkel. Auch die Bilder geben keine Auskunft darüber, ob sie kritisch-distanzierend, experimentell oder als Gebrauchskunst gemeint sind. Aber sie dienen als spektakulärer Aufhänger für die These, die die Ausstellung beweisen will: Die Auseinandersetzung mit trivialen medialen Bildern bringt eine realistische Malerei mit innovativer Ästhetik, kritischem Potential, gesellschaftlicher Sprengkraft hervor. Paradigmatisch sehen die Kuratoren diese Eigenschaften in einem Bild aus Martin Kippenbergers Serie "Lieber Maler, male mir ..." vereint, das Authentizität, handwerkliche Qualität und künstlerische Autonomie absichtsvoll ad absurdum führt. Daher das Kippenberger-Zitat im Ausstellungstitel.

In ihrem erklärten Bestreben, realistische Malerei gegen das Verdikt zu verteidigen, sie sei "politisch und ästhetisch reaktionär", schlagen die Kuratoren längst vergangene Schlachten noch einmal, denn der Vorwurf ist ein Relikt aus der Hochzeit der Abstraktion und wurde spätestens mit der realistischen Revolution der Nachkriegskunst in den 60er Jahren obsolet: der Pop Art. Es waren Popkünstler, die in großem Stil begannen, die Wirklichkeit im Spiegel der trivialen Medien ins Zentrum ihrer Arbeit zu stellen. Und wenn hier der aktuellen realistischen Malerei attestiert wird, sie sei "provokant, kritisch, ironisch und emotional", so trifft dies a fortiori auf Pop Art zu. Die kommt im Ausstellungskonzept aber gar nicht vor. Warum? Warum Picabia, Buffet oder Katz statt Andy Warhol, Tom Wesselman, Roy Lichtenstein? Wieso fehlen Sonderformen wie der Fotorealismus, der die Möglichkeiten der Repräsentation in verschiedenen Bildmedien erforscht, wieso fehlt Gerhard Richter?

Achselzuckend wendet man sich dem guten Dutzend zumeist international erfolgreicher Maler zu, die großenteils in den 60er Jahren geboren wurden. Auf Picabias Akte nach Nacktfotos folgen Elizabeth Peyton (USA), Carole Benzaken (F) und Enoc Perez (USA), die beiden ersten mit farbiger Acrylmalerei in unterschiedlich freier Pinselführung und konventionellen Sujets wie Porträt und Genre. Peytons kleinformatige Porträts sind zumeist gemalte Versionen von Illustriertenfotos prominenter Zeitgenossen, die als Beiträge zu kunst- und medientheoretischen Diskursen gelesen werden können. Mit ihrer traditionellen firnisglänzenden Lasurmalerei ist sie in der internationalen Kunstszene fest etabliert. Benzaken malt fast fotorealistisch Ausschnitte von Bildern aktueller gesellschaftlicher Ereignisse oder Ikonen des Alltags auf ein schmales "Rouleau à peinture", das den Zeitraum von 1989 bis heute abdeckt - eine Art Cannesrolle der medial vermittelten Gegenwart. Perez arbeitet gleichfalls mit Fotos, diesmal von Partygirls aus seinem privaten Umfeld. Er überträgt sie in einem aufwendigen technischen Verfahren mit Ölkreiden auf die Leinwand, mittels durchgeriebener farbiger Zeichnungen, von denen er bis zu 30 übereinanderschichtet. Damit entzieht er das triviale Motiv der Seherfahrung und hüllt es in eine geheimnisvolle Aura, unterstützt durch die verfremdete tonige Farbigkeit.

Sigmar Polke eröffnet die kritisch reflektierende Abteilung mit Bildern aus der Phase seines "Kapitalistischen Realismus", u.a. dem "Wurstesser" von 1963, der in seiner kruden Machart und dem pennälerhaften Witz des Bildgegenstands alles herausfordert, was man jemals mit ernsthafter Kunst verbunden hat. Sophie von Hellermann (D), die jüngste unter den teilnehmenden Künstlern und schon in prominenten Sammlungen wie der Saatchi Gallery London vertreten, verbindet mit Polke die Lust am anarchischen Spiel mit Bildern und Wörtern und die absichtsvolle Kunstlosigkeit der Faktur. Auf großen Tafeln komponiert sie gerne Sex-and-Crime-Szenen in einem malerischen Realismus, der an die jungen Wilden der 80er Jahre erinnert. Auch der vielseitige Kai Althoff (D), in dessen Oeuvre Malerei eine Ausdrucksform unter anderen ist, hält es mit Gewalt, wenn sie gleich subtiler daherkommt. Seine eigenwilligen, meist kleinformatigen Kompositionen geben sich zuweilen historisierend, wobei man an einen farblich gedämpften Jugendstil in der Art Hodlers denkt. Luc Tuymans (B) zeigt eine dünne, ausgebleichte Malerei nach pathologischen Lehrbüchern. In der Serie "Der diagnostische Blick" gibt er aufgedunsene Gesichter, Melanome und dergleichen in einer Art wieder, die frei von jedem persönlichen Ausdruck scheint, ohne dokumentarisch zu sein. Er steuert die skeptische Variante zum Diskurs über Kunst und Wirklichkeit bei, der bei Peyton und Benzaken sehr selbstbewußt geführt wird, ist damit aber international nicht weniger erfolgreich als sie. Martin Kippenberger (D), der titelgebend für die Ausstellung vereinnahmt wird, definierte seinen Stil als Assimilation aller verfügbaren Stile. Sein künstlerisches Werk ist ein fortwährendes Räsonnement über die Bedingungen und Wirkungen künstlerischer Arbeit, was nicht heißt, daß ihm dabei nicht auch Werke von unmittelbarem Ausdruck unterlaufen wären. Das Selbstbildnis als linear definierter liegender Männerakt, mit dem Pathos eines Hrdlicka gemalt, ist so ein Fall, wenn es auch von Géricaults "Floß der Medusa" inspiriert ist. Grotesker Höhepunkt ist das erwähnte Bild aus der Serie "Lieber Maler, male mir ..." , eine großformatige Straßenszene in Düsseldorf, 1981 im Auftrag Kippenbergers von einem kommerziellen Plakatmaler in Acryl ausgeführt. Zugrunde liegt ein Foto, das den Künstler von hinten zeigt. Hier ist alles Schein, das Material, die Technik, die Autorschaft.

Wie Kippenberger arbeitet auch der Leipziger Newcomer Neo Rauch mit trivialen Versatzstücken. Allerdings sind es historische Reklame-, Lifestyle- und Propagandabilder mit Schwerpunkt auf der DDR-Ikonographie, die er auf teils wandhohen Großformaten zusammenmontiert. Verantwortungsbewußt blickende Ingenieure und Werktätige, bruchstückhafte Produktionsstätten und Maschinen, kombiniert mit surrealen Motiven wie dem Mann mit zwei Köpfen, schwarz und weiß, (Wahl, 1998) finden sich in einem Ambiente, das durch mehrfachen Perspektivwechsel aufgesprengt und unbewohnbar gemacht wird. Diese Nicht-Orte, das deplazierte Personal, die abgeschossenen Farben der 50er Jahre reizen zunächst zum Lachen. Sie sind aber nicht nur als sarkastisch-kritischer Kommentar, sondern auch als wehmütige Erinnerung zu lesen.

Die benachbarte Hängung von Kippenberger und Kurt Kauper (USA) täuscht nicht darüber hinweg, daß es zwischen beiden allenfalls oberflächliche Gemeinsamkeiten gibt. Kauper, eine Art Jeff Koons der Malerei, zitiert in seinen lebensgroßen Porträts von existierenden und imaginierten Stars der Unterhaltungsindustrie die Ikonographie und Materialästhetik der Salonmalerei des 19.Jh., eine trivialisierte Ausdrucksform, die nichtsdestotrotz in repräsentativen Porträts - fotografiert oder gemalt - weiter nachwirkt. Es ist allerdings keine kritische Distanzierung in seinem idealisierenden, plakativ gemalten Realismus zu entdecken. Im Gegenteil: Er gibt noch einen Schuß Pornographie zu und zeigt den Schauspieler Cary Grant in Nacktposen. Kauper, Kunstdozent an der Yale University, verfolgt offenbar die Strategie der Marktgängigkeit - mit gutem Erfolg, wie seine Ausstellungsliste zeigt.
Mit John Currin (USA) und Glenn Brown (GB) sind unterschiedlich virtuose Anverwandlungen historischer Stile und Kopien individueller Werke zu sehen. Die Parameter Authentizität und Originalität werden dabei zwangsläufig in Frage gestellt und zumindest im Fall von Brown entsteht daraus eine hochartifizielle Malerei, die Motiv und Faktur des kopierten Originals einer Art Morphing, einer Umformung unterzieht, die selbst die Farbmaterie erfaßt, von der nurmehr eine entkörperlichte, quasi virtuelle Schwundstufe verbleibt. Currin wertet mit historischen Stilmaskeraden vor allem seine voyeuristischen Frauenbildnisse auf und liegt damit auf der Linie von Kauper - wie dieser mit guter Resonanz. Alex Katz (USA), der zum radikalrealistischen Urgestein zählt, teilt sich den Raum mit Brian Calvin (USA) und Peter Doig (GB). Katz entwickelte schon in den 50er Jahren eine lakonische Malerei, die er einer konsequenten Ökonomie der Formen und Farben unterwarf. Die ästhetischen Standards, die durch Film und Fernsehen verbreitet wurden, schlugen sich in seinem Werk nieder, sei es im Breitwandformat der Leinwände oder im Zoom auf einzelne Gesichter. Zu den asketischen Werken der 70er Jahre steht die geradezu üppige, farbintensive Malerei einer Strandszene von 2002 in interessantem Kontrast. Was die Substanzlosigkeit der Malerei angeht und die Umwandlung des Raums in geschichtete Flächen, so ist Brian Calvin ein Adept von Katz. Der eigenwillig unbeholfene figurative Personalstil jedoch, der ans Karikaturhafte grenzt, ist sein eigenes Markenzeichen.

Peter Doig, eigentlich Landschafter, weniger Figurenmaler, arbeitet nach Fotos, deren Farben und Strukturen er so verfremdet, daß malerisch unscharfe Kompositionen entstehen, die in eine Aura des Unwirklichen, Rätselhaften gehüllt sind. Die Realität ist noch erkennbar, von Realismus möchte man hier aber nicht mehr sprechen.

Fazit: Eine Leistungsschau von internationalen Trendkünstlern, manche "provokant, kritisch, ironisch und emotional", andere schlicht langweilig, einige mit genügend ernsthaftem Engagement, um sich langfristig zu behaupten. Das ambitiöse Ausstellungskonzept kann man als mißlungenen bezeichnen. Und von den Altmeistern, die zu seiner Beglaubigung aufgeboten wurden, hat man anderswo schon bessere Werke gesehen. Wer im Zweifel ist, ob sich der Besuch lohnt, könnte ihn immerhin mit einer Visite im benachbarten Frankfurter Kunstverein verbinden, wo noch bis 13.04.2003 mit "Deutsche Malerei zweitausenddrei" die interessantere Ausstellung zur Gegenwartskunst zu sehen ist.


Websites:

Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M.: http://www.schirn-kunsthalle.de/
(Minimale Informationen etwa im Umfang des Faltblatts zur Ausstellung)

Centre Georges Pompidou, Paris: http://www.centrepompidou.fr/expositions/cherpeintre/credits.htm
(Ausreichend groß bebilderte Kurzinfos zu allen Künstlern in Französisch und Englisch)


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Dokument erstellt am 15.3.2003