VL Museen

Ausstellungsbesprechung


Deutsche Malerei zweitausenddrei
Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main
15. Januar - 13. April 2003

WWW: http://www.fkv.de/

Rezensiert von:
Carmen Bosch-Schairer M.A., cbs-Kultur Weinsberg
E-Mail: c.b-s@arcor.de


Diskurse zur Rechtfertigung der Malerei sind derzeit im Schwang. Als traditionelle, in ihren Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpfte und doch nicht tot zu kriegende Gattung weckt sie auch das Interesse von Ausstellungsmachern. Gleich drei große Ausstellungen sind ihr zur Zeit in Deutschland gewidmet, eine in Wolfsburg, zwei in Frankfurt. Während die Schirn Kunsthalle Frankfurt den Fokus auf internationale realistische Malerei richtet und die Auswahl mit reichlich abstrusen Qualitätsstandards zu begründen versucht, zeigt der Frankfurter Kunstverein gleich nebenan Malerei der Gegenwart aus Deutschland. In einer Schau mit über 50 Künstlern wird junge, d.h. noch nicht etablierte Kunst, zumeist der 30- bis 40jährigen, vorgestellt. Um es vornweg zu sagen: Kurzweiliger, innovativer und anregender ist die Ausstellung im Kunstverein.

Dazu trägt nicht unerheblich bei, daß die Kuratoren keine stilistischen Einschränkungen machten. Die vielen Teilnehmer von Kunstakademien aus allen Ecken Deutschlands, z.T. auch aus dem Ausland, garantieren einen umfassenden Überblick. Gleichwohl haben die Kuratoren keine Leistungsschau im Sinn. Sie haben vielmehr KünstlerInnen eingeladen, die, des Traditionalismus unverdächtig, doch in der einen oder anderen Weise historische Positionen rezipieren. Das mag den Schwerpunkt auf dem Thema Fotografie und Malerei erklären, das in der Nachfolge von Gerhard Richter bearbeitet wird. Auch der Konzeptkunst, die sich deutlich auf Sigmar Polke bezieht, wird viel Raum gegeben. Zum Glück haben die Kuratoren eine große Vielfalt der Stile und Ausdrucksformen zugelassen, die vermutlich einen ganz zutreffenden Eindruck vom aktuellen Stand der Malerei in Deutschland gibt. Und um auch hier gleich meine Einschätzung vorwegzunehmen: Die junge Malerei im Frankfurter Kunstverein ist fast durchweg von hoher Professionalität und Qualität.

Gegenständliche Malerei spielt die Hauptrolle, wobei die Bandbreite von hyperrealistisch bis zum gewalttätigen Expressionismus reicht. Aber auch nicht-gegenständliche Malerei ist noch ein Thema.

Technologische Neuerungen führen zu neuen Produkten wie den Ausdrucken digital erstellter Bilder. Solche Hybridformen sind eigentlich nicht mehr unter Malerei zu subsumieren, obwohl sie ihr ähnlich sehen. Die Ausstellung läßt noch mehr solcher Grenzfälle zu, etwa Materialbilder fast ohne Farbe, die deshalb spannend sind, weil sie den Blick auf das Charakteristische der Malerei schärfen. Unter diesem Aspekt wären natürlich auch benachbarte Disziplinen wie Fotografie und Video als Kontrast interessant gewesen, aber das hätte den Rahmen gesprengt. Die auffällig zahlreichen Wandbilder im Frankfurter Kunstverein reagieren wohl weniger auf die traditionelle Freskomalerei als auf die Anregung durch die Straßenkunst der Graffitisprüher.

Sonst dringt wenig von der realen Welt in die Malerei ein. Als Betrachter der Ausstellung gewinnt man den Eindruck, daß sich junge Malerei heute in einer Phase der Konsolidierung befindet. Es liegt keine Aufbruchstimmung über der Szene wie in den 80er Jahren, als die jungen Wilden mit schnell gemachter Malerei provozierten. Ernsthaft wird die Geschichte des Fachs aufgearbeitet und zur Grundlegung der eigenen Position genutzt. Spontaneität spielt eine untergeordnete Rolle; Reflexion beherrscht stattdessen den künstlerischen Prozeß. Mit Restauration hat das nichts zu tun, vielmehr mit Professionalität. Die folgende Kurzcharakterisierung subjektiv ausgewählter KünstlerInnen und Werke soll das verdeutlichen.

Corinne Wasmuht, Berlin, stellt die farbige Erscheinung der Dinge in den Mittelpunkt ihrer Ölmalerei. "Gate 11", die ehrgeizige wandgroße Arbeit in Blau und Rot, mit Lichtreflexen durchsetzt, ist eine durch Spiegeleffekte gebrochene Ansicht des verkehrsumflossenen nächtlichen Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Tim Eitel ist mit seinen Ansichten von Ausstellungsbesuchern vor Bildern in Mondrian- und Doesburg-Manier bekannt geworden. Hier zeigt er Landschaften und Interieurs mit je einer Figur, deren konstruktiver Charakter unverkennbar ist. Mit seiner präzisen, kühlen und immer ein wenig rätselhaften Malerei trifft er den Nerv der Kunstkäufer. Wawrzyniec Tokarski aus Gdansk und Johannes Wohnseifer arbeiten mit ikonographischen Signalen, Symbolen und Text(fetzen), um ihren gegenständlich-expressiv gemalten Bildern den zivilisations- und vor allem militarismuskritischen Impetus zu verleihen. Wohnseifer illustriert "Elimination of dialogue" mit einer splittrig zerscherbten Komposition eines Stealth-Flugzeugs mit US-Flagge und Adler. Er verwendet als Malgrundlage Aluminiumplatten, die, besonders mit Lackfarbe kombiniert, die modische Alternative zu Leinwand und Faserplatten sind. Daniela Wolfer rezipiert in Öl und Lack auf Aluminium die Disko-Szene in realistischer bis deformierter Figurenmalerei. Jonathan Meese, Hamburg, gehört zu den wenigen, die heute noch eine Malerei mit haptischer Qualität schaffen. Scheinbar direkt aus der Tube gedrückte Ölfarbe formt sich zu surreal anmutenden, unförmigen Köpfe mit ebensolchen Titeln wie "Biene Nase im Tal des Sauterns". Meese ist bekennender Radikaler, dessen eigenwillige, wüste Malerei an Beckmann'sches Pathos erinnert. Hier ist er eher als anarchischer Spaßvogel zu erleben.

Wie Meese pflegt André Butzer, ebenfalls Hamburg, eine expressive Ölmalerei, die er in gestischem Duktus auf die Leinwand schleudert. Pastose, wilde Farbigkeit und rohe Formen auf großen Formaten hinterlassen den Eindruck einer genialischen Kraftmeierei, deren Faszination man sich kaum entziehen kann.

Technische Nischen besetzen Malerinnen wie Silke Otto-Knapp, die Aquarelle auf Leinwand statt auf Papier malt, und Amelie von Wulffen mit einer Mischtechnik aus Fotos und farblich gedämpfter, toniger Malerei. Als postmoderne Aneignung historischer Stile läßt sich Kiron Khoslas Ölmalerei nach traditioneller indischer, chinesischer und westlich-mittelalterlicher Kunst beschreiben und ebenso Susanne Paeslers aktuelle Arbeiten in der Art chinesischer Tuschmalerei, die auch als Informel durchgehen könnte. Während Khosla einen eigenwilligen und vermutlich einsamen Seitenweg beschreitet, wurden Paeslers Mainstreamvariationen schon vielfach mit Preisen ausgezeichnet.

Bernhard Martins große Tafeln gehören zu den originellsten Arbeiten der Ausstellung, obwohl man es in ihrer Gegenwart nicht lange aushält. In einer Variante der Pop Art verarbeitet Martin (Frankfurt) Motive aus Werbung und Lifestyle-Bildern zu surreal verfremdeten Interieurs, Figurenbildern und Landschaften. Die Besonderheit liegt darin, daß sie sich formal aus Stilzitaten der Malerei zusammensetzen. Ein Elefantenrüssel ist fotorealistisch gemalt, der Flokatiteppich pastos-expressiv, die Ziegelsteine einer Mauer bestehen aus farblich reich abgestufter abstrakter Malerei, Inkarnat schimmert durch den Effekt vertriebener Farbe und so fort. Martins sarkastisch-kritische Rezeption des Trivialen hat hier etwas Verspieltes. Eine Außenseiterposition besetzt Dirk Bell mit einer melancholisch gestimmten, formal an vegetabilen Jugendstil angelehnten Malerei. Er fordert Konventionen der Darstellung, des Sehens und Interpretierens heraus, wenn er eine kleine Landschaft von 1955 auf den Kopf stellt und mit Kohle und Kreide einen transparenten Schwan in den ursprünglichen Himmel malt, der damit zum See wird. Seine besten Kunden hat der Berliner Bell offenbar in den USA, wie die Provenienzen der Werke ausweisen.

Das Interesse an hyperrealistischer Malerei, die in Deutschland nie richtig Fuß gefaßt hat, ist immerhin noch vorhanden. Hendrik Krawen, Düsseldorf, malt pointierte Ausschnitte aus öden Stadtlandschaften in hyperrealistischer Manier, begrenzt die Farbigkeit aber auf einen Ton und steigert damit den Eindruck der Abgestorbenheit. Der Blick auf ein in den Himmel ragendes Hochhaus, über dem ein Zeppelin kreist, wird mit dem ironischen Titel kommentiert: "Du bist nicht allein".

Johannes Kahrs, Berlin, überträgt perfekte fotorealistische Malerei in das ungewöhnliche Medium der Kohlezeichnung ("Ulrike Meinhof"). Bei Frank Bauer, Düsseldorf, ist es wie bei Wolfer die Popkonzertszene, die er fotorealistisch festhält. Breiten Raum nimmt Malerei als Kommentar zur Fotografie ein, wozu zweifellos die Rezeption von Gerhard Richters einschlägigem Werk den Anstoß gab. Damit wird im Grunde immer die Frage nach den Möglichkeiten und Begrenzungen der beiden Medien gestellt, auch die nach Repräsentanz und Eigenständigkeit. Besonders überzeugend fallen die Antworten nicht aus; offenbar hat Richter das Thema weitgehend ausgereizt.

Klaus Hartmann untersucht die Identität von Landschaften, Eberhard Havekost die unterschiedlichen Ansichten eines "Snipers", auch die aus der Perspektive des Opfers vor dem Schuß. Antje Majewski, Berlin, malt Nahansichten jugendlicher russischer Häftlinge mit fahler Farbigkeit und der leichten Unschärfe von Amateurfotos in Öl. Mit der Mischung aus virtuos epigonaler Malerei und brisanten Themen hat sie sich erfolgreich am Markt etabliert. Eva Schwab malt nach privaten Schnappschüssen. Die Wiedergabe in Enkaustik/Aquarell auf Nessel wird durch das "non finito" der Komposition und ausgebleichte Farben verfremdet. Es ist eine angenehm unprätentiöse Malerei, in der man sich verlieren kann.

Konzeptkunst, weniger im strengen Sinn Josef Kosuths, sondern eher im anarchischen Sinn von Marcel Broodthaers und Sigmar Polke ist ein offenbar sehr lebendiger Kunstzweig. Tatsächlich gehören zwei konzeptionell arbeitende Künstler zu den eindrucksvollsten der Ausstellung. Carsten Fock ist eigentlich Zeichner. Hier zeigt er eine Installation von etlichen Dutzend Zeichnungen auf kleinformatigen Papierblättern, mit verschiedenfarbigem Filzstift bemalt. Cartoonartige Figuren, Text und Ornamente fügen sich zu kleinteiligen, auf eine Pointe zielenden Kompositionen zusammen. Sprachlich wie gestalterisch sind sie oft überraschend, witzig, satirisch und reagieren auf kunstimmanente wie auf aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen. Fock arbeitet aus einem aufklärerischen Impetus heraus, darin Polke ähnlich, aber nicht wie diese karikierend, sondern mit einem virtuos gehandhabten Individualstil.

Johannes Spehr, Frankfurt/Main, arbeitet konzeptionell in vielen Genres: Installationen, Malerei, Environments. Er ist weniger der schnellen Pointe verpflichtet als der subversiven Camouflage, die erst der geduldig forschende Blick enttarnt. Seine Wandzeichnung "Demonstration" und die Aquarellserie "Von der Peripherie her" kleiden sich in die harmlose lineare Formensprache von Bilderbüchern oder Cartoons, die in denkbar großem Kontrast zu den brisanten Inhalten steht: Die Bewohner der Peripherie brechen ins Zentrum ein, z.B. als Immigranten, die mit Kindern und Gepäck durch ein Loch in der Wand ins bürgerliche Wohnzimmer steigen.

Weniger überzeugend sind Versuche, Polkes Kunstkritik mit Hilfe trivialer Materialien zu adaptieren. Weder Stefan Müller mit Eddingstiften noch Sergej Jensen mit Aquarell und Chlor auf Gebrauchsstoffen reichen an seine Pointen heran. Ob auch Thilo Heinzmanns collagierte minimalistische Objekte, aus denen die Farbe fast ganz verschwunden ist, hierher gehören, läßt sich nicht recht beurteilen. Vielleicht sind sie gar nicht kritisch gemeint. Bei ihm ersetzen weiße Styroporplatten die grundierte Leinwand, Material wie Holz-, Kunststoff-, Glassplitter oder Fellfetzen die Malmittel.

Andreas Hofer knüpft mit seinen absichtsvoll schmuddeligen Collagen und Zeichnungen da an, wo Dadaisten und Surrealisten Schere und Stift fallen ließen - trotzdem kein geglücktes Revival. Als konzeptionell kann man auch einige der Wandmalereien bezeichnen, auf jeden Fall die von Rupprecht Matthies im Treppenhaus des Kunstvereins, der die Begrifflichkeit der Malerei in Form bunter Schriftzüge objektiviert. Gunter Reskis Wandbild aus dynamischen, gedehnten und gestauchten Schriftzügen gibt ein Gedicht von Jules Supervielle wieder. Die Buchstaben werden zu Ornamentformen, die ihre Funktion als sinnvermittelnde Elemente dabei einbüßen.

Nicht-gegenständliche Malerei hat sich von der Attacke der Pop Art Mitte des 20.Jh. und den nachfolgenden Figurationswellen immer noch nicht erholt. Die Frankfurter Ausstellung zeigt wenige und leider auch wenig spannende Beispiele. Farb-Form-Experimente wie sie Klaus Merkel betreibt oder Katharina Grosses wolkige Farben auf großen Tafeln und Wänden sind Weiterentwicklungen bekannter Positionen; man denkt an konkrete Malerei bzw. an Gotthard Graubner. Vor diesem Hintergrund überzeugen sie nicht. Tomma Abts dreidimensionale Trompe-l'oeils abstrakter Formen sind originell und eigenwillig, wenn auch spröde. Lee Thomas Taylor reproduziert in seinen ornamental-abstrakten Bildern in Handarbeit die Struktur und Ästhetik digitaler erzeugter Bilder.

Kommerziell recht erfolgreich ist eine weniger strenge Spielart der konstruktivistischen Malerei, die genügend Individualität besitzt, um originell und erkennbar zu bleiben. Die beiden Dresdener Thomas Scheibitz und Frank Nitsche haben diese Synthese auf je eigene Weise erreicht und sind damit in internationalen Galerien und Ausstellungen vertreten.

Allenfalls virtuell ist die Malerei von Markus Selg, die als Computerausdruck aus dem Inkjet-Plotter kommt. Daß sie inzwischen documenta-tauglich ist, bewiesen 2002 in Kassel die "Paintants" des argentinischen Malers Fabian Marcaccio. Selgs große Formate mit vielfach gebrochener Bildperspektive aus Piranesis und Eschers Geist verknüpfen fotografische Wiedergaben unterschiedlichster Örtlichkeiten und situativer Zusammenhänge zu einer dezentral organisierten, prinzipiell unabgeschlossenen Komposition. Die verschachtelte Räumlichkeit und die intensiven Farben überspielen das haptische Defizit, die nicht vorhandene Spur der malenden Hand. So entsteht eine neuartige ästhetische Qualität, eine Mischung aus manirierter Konstruktion und neobarocker Sinnlichkeit.


 VL Museen
Alle Rechte bei der Autorin und VL Museen
Dokument erstellt am 15.3.2003