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Ausstellungsbesprechung

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Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Bonn, 12.07.-13.10.02
WWW: http://www.kah-bonn.de

Katalog:
Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin-PK (Hg.): Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit, Mainz 2002.

Rezensiert von 
Carmen Bosch-Schairer M.A., Kulturmanagement, Weinsberg / Germany
Email: c-b-s@t-online.de


In Bonn ist die derzeit die Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin zu sehen, die dem ebenso interessanten wie alle Grenzen sprengenden Thema der Klassik gewidmet ist. Gemeint ist die Kunst und Architektur der griechischen Klassik vor allem des 5. Jh.v.Chr. und ihre Rezeption. Erstmals soll hier der Ursprung aller klassischen Phänomene in einer Ausstellung dokumentiert werden.
Der methodische Ansatz besteht darin, verschiedene Kunstgattungen auf ihre kanonischen Eigenschaften hin zu befragen. Eine Vielzahl von Exponaten wurde zusammengetragen, figürliche Großplastik, darunter Hauptwerke wie das Athener Staatsdenkmal par excellence, die Tyrannenmördergruppe von 477 v.Chr. in der Marmorkopie des Nationalmuseums Neapel, ferner Porträtplastik, Reliefs, Vasenmalerei, Architekturteile und -modelle, Rekonstruktionen und anderes mehr. Neben repräsentativen Werken sind Zeugnisse des Alltags- und Arbeitslebens einbezogen, um keiner Idealisierung Vorschub zu leisten.

Der Besucher wird zunächst in einem Schnellkursus durch die griechische Kultur des 5.Jh.v.Chr. geführt, wird mit Zeugnissen der politischen demokratischen Praxis konfrontiert, mit Einblicken in soziale Unterschiede anhand von Grabreliefs, mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und ihrer Darstellung, seien es Politiker, Philosophen, Dichter oder Sportler. Frauen und Kinder werden ebenso einer Darstellung gewürdigt wie Sklaven und Handarbeiter, religiöser Kult und Künste werden dokumentiert, dies alles mit durchaus unterschiedlichen Exponaten. Soweit nicht der ansehnliche Bestand der der Antikensammlung Berlin herangezogen werden konnte, fungiert vor allem das Kunsthistorische Museum Wien (dessen Antikensammlung derzeit wegen Umbau geschlossen ist) als großzügiger Leihgeber. Von da kommen u.a. die Reliefplatten des Heroon von Trysa aus Lykien, um 380 v.Chr., die römische Bronze eines Athleten nach einem griechischen Original aus Ephesos, um 330 v.Chr. und die erstaunlich lebensnahen Grimani-Reliefs, Brunnenverkleidungen mit säugenden Tieren aus Praeneste, 1. Hälfte 1.Jh.n.Chr. In der Menge der Exponate finden sich allerdings auch etliche Stücke von minderem Interesse, die zur Veranschaulichung dienen, nicht zuletzt die ermüdend lange Reihe von ganzfigurigen Skulpturen aus der Abgußsammlung Charlottenburg, die das klassizistische Interesse an den antiken Originalen repräsentiert.

Solcherart bekommt man einen ziemlich vollständigen Überblick über die griechische klassische Kunst, wenn auch ohne Zuordnung zu Entwicklungslinien und Regionalstilen. Der zweite Teil des Ausstellungskonzepts, die Nachwirkung in späteren Epochen, muß als mißlungen bezeichnet werden. Schon der Anspruch ist nicht einlösbar: Die Kunst der griechischen Antike blieb während der gesamten Geschichte der abendländischen, z.T. auch der orientalischen Kunst, ohne längere Unterbrechung vorbildhaft. An die zweieinhalbtausend Jahre lassen sich in keiner Ausstellung angemessen repräsentieren. Man muß sich in diesem Rezeptionslabyrinth beschränken, das tut auch die Klassik-Ausstellung notgedrungen, doch legt sie ihre Kriterien nicht offen und stiftet beim Betrachter hauptsächlich Verwirrung.
Sie beschränkt sich im wesentlichen auf zwei Epochen, die gleichsam paradigmatisch die Rezeption vertreten sollen, die römische Kaiserzeit und der Klassizismus des 18. und 19. Jh., ergänzt um Ausblicke auf die griechisch beeinflußte Kunstproduktion in Magna Graecia oder die von Handelspartnern, etwa der Skythen.

Während die römische Rezeption relativ gut nachvollziehbar ist, besonders was die repräsentative Porträtskulptur und die ganzfigurige Skulptur angeht, kapitulieren die Kuratoren vor der Neuzeit. Zwar heißt dieser Abschnitt "Renaissancen und Klassizismen", doch fehlt ausgerechnet die Renaissance, die im Westen als eigentliche Aneignung der Antike gilt und den Beginn der Neuzeit markiert. Hinzu kommt, daß die Anschaulichkeit hier zu Ende ist. Anstelle von Objekten sieht der Besucher nur noch virtuelle Verweise: Stiche, Fotobände und Literatur. Zugute kam den Ausstellungsmachern, daß sich im 19.Jh. die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin etablierte und die Kunst der Antike systematisch in Druckwerken erschloß. Das ergibt ein reiches und problemlos zu beschaffendes Anschauungsmaterial, doch hält sich dessen Erkenntniswert beim Betrachten durch eine Vitrine in Grenzen.

Man muß nur die Rezeptionsgeschichte der antiken Kunst in groben Zügen rekapitulieren, um zu ermessen, was alles unterschlagen wird und mit welchem Zerrbild im Kopf der nicht schon sachkundige Besucher die Ausstellung verlassen wird, z.B. Schulklassen, die hier eine Idee vom vielgestaltigen Weiterleben der Antike zu bekommen hoffen.

Nach dem Untergang des weströmischen Reiches war es zunächst Ostrom, dann Byzanz, welches das griechisch-römische Erbe der Spätantike bewahrte. Mit dem Fall Konstantinopels Mitte des 15.Jh. kam der ganze Reichtum antiken Schrifttums mit den flüchtenden byzantinischen Eliten nach Italien und löste damit d i e große Aneignung der Antike im Westen aus, die Renaissance. Von nun an riß die Antikenrezeption hier nicht mehr ab. Erstes archäologisches Interesse förderte im Schutt des antiken Rom Skulpturen zutage, Kopien griechischer Originale, die zunächst die Plastik, dann alle Kunstgattungen veränderten und die mittelalterliche Ästhetik wegfegten.

Der oberitalienische Baumeister Andrea Palladio entwickelte auf der Grundlage der Aufzeichnungen des kaiserzeitlichen römischen Architekten Vitruv einen Baustil, der als Palladianismus einen weltweiten Siegeszug antrat, beginnend in England, in Opposition zum Barock als der Kunstform des Absolutismus. Auch der eigentliche Klassizismus, der im Gefolge der wissenschaftlichen Aufarbeitung - J.J.Winckelmann u.a. - die antike Kunst möglichst getreu nachzuahmen suchte, konnte revolutionäres Potential entwickeln wie in J.L.Davids heroischen Ikonen der französischen Revolution, vom "Schwur der Horatier" bis zum "Ermordeten Marat". Im Werk dieses Künstlers zeigt sich paradoxerweise zugleich die traditionsbildende, um Legitimität bemühte Eigenschaft des Klassizismus: Als späterer Hofmaler Kaiser Napoleons stellte David diesen in der ikonographischen Tradition römischer Kaiser dar, die wiederum auf griechischen Vorbildern fußte.

Der Philhellenismus des frühen 19.Jh., der die Befreiung Griechenlands von der türkischen Besatzungsmacht unterstützte, war im Königreich Bayern besonders ausgeprägt, wie die Ausstellung "Das neue Hellas" im Bayerischen Nationalmuseum München 1999 anschaulich machte. Es war also auch Ausdruck eines politischen Konzepts, wenn König Ludwig I. seine Residenzstadt München mit klassizistischen Bauten und Plätzen überziehen ließ. Als ein Wittelsbacher griechischer König wurde, reiste Ludwigs Hofarchitekt Leo von Klenze nach Athen. Er inventarisierte antike Denkmäler und legte ein Sanierungs- und Erweiterungskonzept für die Akropolis sowie Umbaupläne für die Stadt vor, im Bemühen, die Klassik selbst in den Klassizismus zu überführen.

Dieses Ineinandergreifen von politischer Ideologie, formal-ästhetischem Interesse, geschichtlicher Kontingenz, Identifikation und Abgrenzung muß deutlich werden, wenn man von Klassik und ihrer Rezeption spricht. Dann beantwortet sich auch die rhetorische Frage des Untertitels - Idee oder Wirklichkeit - von selbst. Aber Bücher in Schaukästen allein können das nicht leisten.
Fazit: Die in Berlin konzipierte Klassik-Ausstellung ist nur sehr bedingt zu empfehlen. Der Kenner sieht und erfährt nichts wesentlich Neues, und wer das Thema Klassik erst noch kennenlernen will, wird außer einer kursorischen Einführung in die griechische Kunst und Kultur des 5.Jh.v.Chr. keinen Erkenntniszuwachs verbuchen, jedenfalls nicht, was die Rezeption angeht.


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Dokument erstellt am 2.10.2002