VL Museen

Ausstellungsbesprechung

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Dauerausstellung des Leopold Museums, Wien 
WWW: http://www.leopoldmuseum.org

Rezensiert von
Carmen Bosch-Schairer M.A. , Weinsberg 
E-Mail: cbs@cbs-kultur.de 
WWW: http://www.cbs-kultur.de


Das Leopold Museum ist die neueste Komplettierung des Wiener Kulturzentrums MuseumsQuartier, gleich hinter Kunst- und Naturhistorischem Museum. Das Haus beherbergt die ehemalige Privatsammlung Rudolf und Elisabeth Leopold, vornehmlich österreichische Kunst des 19. und 20.Jh., Kunsthandwerk und kleinere Bestände aussereuropäischer Kunst. Herzstück ist der umfangreiche Bestand an Werken des Malers Egon Schiele, der wohl auch den Ausschlag für den Erwerb der Sammlung durch den österreichischen Staat 1994 gab. Seit September 2001 hat der Kalksteinkubus im spätbarocken Marstallgeviert der Fischer von Erlach die Tore geöffnet. 

Der Bau des Architekturbüros Laurids und Manfred Ortner bietet eine angenehme, offene Umgebung. Die Ausstellungsräume gruppieren sich in mehreren Stockwerken um einen Lichthof und sind ohne Umwege bequem abzuschreiten. Sie sind grosszügig bemessen, vor allem auffallend hoch. Panoramafenster erlauben jederzeit den Ausblick auf die malerische Wiener Innenstadt, bieten den Passanten auch Einblicke von aussen und erhellen die Räume schwerpunktmässig mit Tageslicht. Man wundert sich über so viel Noblesse und Offenheit, zumal es im benachbarten Museum moderner Kunst, gleichfalls vom Büro Ortner, wesentlich bescheidener zugeht. Die klassische österreichische Moderne im eleganten, lichtdurchfluteten Haus, die Kunst von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart im hermetisch verschlossenen, lavagrauen Quader - da gerät man schon ins Grübeln. 

Das Leopold Museum ist vom Obergeschoss beginnend folgendermassen eingeteilt: 

2. OG Expressionismus 
1. OG Österreichische Zwischenkriegszeit 
EG Jugendstil und Secession 
1. UG 19.Jh. 
2. UG Grafik, europäische und aussereuropäische Volkskunst, Sonderausstellungen 

Beim Gang durchs Haus drängt sich mehr als einmal der Gedanke auf, dass die Ausblicke ins Freie mit zum Besten gehören, was geboten wird. Nicht, dass es keine hochrangigen Exponate zu sehen gäbe. Doch das Verhältnis zwischen Qualität und Quantität ist unbefriedigend. Neben dem Schiele-Konvolut, neben wenigen, aber hochklassigen Werken von Klimt, einer informativen Auswahl an Gemälden des genialen Richard Gerstl und frühen Kubin-Zeichnungen, die nichts von ihrer Faszination eingebüsst haben, gibt es für den allgemein interessierten Besucher keinen Grund, sich durch die fünf Geschosse des Hauses durchzuarbeiten. Man wird von der Masse des Zweit- und Drittrangigen einfach erschlagen. 

Zu Leopolds Sammlerstrategie gehört es, schwerpunktmässig Einzelkünstler zu sammeln, eigentlich ein interessanter Ansatz. Im Fall Schieles bescherte er den grossen, alle wesentlichen Schaffensphasen abdeckenden Bestand an Malerei und Arbeiten auf Papier der heute einzigartig ist. Derselben Strategie verdankt die Sammlung aber auch vergleichbar umfangreiche Konvolute von Künstlern der Spätromantik bis zur ersten Hälfte des 20.Jh., mit einzelnen Ausblicken in die Gegenwart, die ähnlich viel Raum beanspruchen, ohne das Interesse in gleicher Weise zu fesseln. Man durchschreitet Säle voller Werkgruppen von allenfalls regional bedeutsamen Künstlern, die retrospektiv oder vorwiegend rezeptiv orientiert waren. Vor der Phalanx der Carl Moll, Albin Egger-Lienz, Leopold Blausteiner, Anton Faistauer, Anton Kolig, Robin Christian Andersen, Herbert Böckl und vieler anderer kapituliert der Betrachter. Was in diesem Museum fehlt, ist die ordnende Hand des Experten, der den Künstlern den Platz zuweist, der ihrem Rang entspricht. Selbst ein renommierter Jugendstilkünstler wie Koloman Moser, der mit Malerei, Grafik und Möbeln vertreten ist, macht keine rechte Freude, weil ausgerechnet seine Malerei, die gegenüber dem innovativen grafischen Werk abfällt, in grosser Ausführlichkeit ausgebreitet ist. 

Die jetzige Präsentation spiegelt die individuellen Präferenzen des Sammlers und Liebhabers Leopold wider, während sie sich dem quasi objektiven Interesse des Besuchers an Qualität und Innovation verweigert. 

Die schillerndsten Blüten, die der Leopold'sche Individualismus treibt, sind Kleinplastiken, kunstgewerbliche Objekten u.a., die das Stifterehepaar gleichfalls sammelt und die über das ganze Haus verteilt sind: Möbel aus Bauernhäusern und Jugendstilvillen, Glaskunst, Masken und Waffen aus Afrika und Ozeanien, asiatische Tuschzeichnungen. Die ihnen möglicherweise zugedachte Rolle, in einen Dialog mit der Bildenden Kunst zu treten, erfüllen sie wegen des Qualitätsgefälles in der Regel nicht, zuweilen ist das Nebeneinander geradezu peinlich. Auch hier hat der Eros des Sammlers über das Prinzip einer konsistenten Präsentation triumphiert - zum Nachteil des Ganzen. 

Was ist nun wirklich bedeutend am Bestand des Leopold Museum? Zunächst Gustav Klimt mit einem knappen Dutzend Gemälden und eine Reihe Zeichnungen, wobei die Österreichische Galerie im Schloss Belvedere mit umfangreicherem Bestand und vielen Hauptwerken die bessere Adresse ist. Dennoch spiegeln die Gemälde die Entwicklung von der atmosphärisch-naturalistischen Landschaftsauffassung hin zur farbigen Flächenstruktur wieder. Werke wie "Attersee" (1901) und "Grosse Pappel II" (1903) sind erstklassige Beispiele für Klimts farbige Abstraktion, die sich späterhin zu ornamentalen Kompartimenten verfestigt wie in dem Hauptwerk "Tod und Leben" (1911/15). Eindrucksvoll und wohl auch einzigartig ist der etwa gleich grosse Bestand an Gemälden von Richard Gerstl, dem exzentrischen Einzelgänger, der zur selben Generation wie 

Egon Schiele gehörte und ähnlich jung starb. Eine Reihe von (Selbst)Porträts, Figurenbildern und Landschaften bis zum Todesjahr 1908 geben Einblick in seine malerischen Experimente, die in ihrer Radikalität bis zum Ineinsfallen von Form und Farbe im pastosen Pinselstrich führen (Am Donaukanal, Paar im Grünen, 1908), ein Schritt, über den selbst Kokoschka nie hinausging. Gleichfalls zu sehen ist das bekannte, wenn auch formal weniger aufregende Selbstbild als "Halbakt vor blauem Hintergrund" (1904/05). Egon Schiele ist im Dachgeschoss bei besten Lichtverhältnissen ein halbes Stockwerk nur mit Gemälden gewidmet. Darüber hinaus findet sich ein reicher Bestand von Arbeiten auf Papier - Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, zusammen mit Arbeiten von Klimt und weiteren Jugendstilkünstlern in einem eigenen Saal im lichtgeschützten Untergeschoss. Diese Gemälde sind nun wirklich der Höhepunkt des Leopold Museums, was den Umfang, den chronologischen Horizont und die Qualität angeht. Hauptwerke sind darunter, so einige der vielen Selbstbildnisse, mit denen Schiele manisch die eigene Persönlichkeit umkreiste. Stellvertretend sei der frühe "Sitzende Männerakt" (1910) genannt, der mit der Bewegungsenergie einer choreographischen Sprungfigur durch den leeren Raum zu schnellen scheint. Aus der Schaffenszeit von 1910 bis 1918 sieht man grossformatige Figurenbilder, darunter "Selbstseher" (1911), "Kardinal und Nonne" (1912), "Eremiten" (1912), "Entschwebung" (1915). Einen weiteren Schwerpunkt bilden Landschaften und die eigenwilligen Stadtansichten der böhmischen Kleinstadt Krumau im Moldautal (Häuserbogen/Inselstadt, 1915), dazu Ansichten von Gebäuden, die in komplexe, flächige, farbig pointierte Strukturen überführt werden (Haus mit Schindeldach, 1915). Zahlreiche Porträts und einige monumentale Akte vervollständigen das Ensemble. Gerade die späten Akte sind durch ihre ambivalente Farbwirkung interessant: die subtilen Inkarnatfarben modellieren den linear umrissenen Körper und bilden zugleich ein abstraktes Farbfeld, das sich mit Umgebung und Hintergrund zu einer Komposition aus Farbflächen zusammenschliesst (Liegende Frau, 1917). 

Sehenswert ist schliesslich noch das umfangreiche Konvolut mit Zeichnungen Alfred Kubins. Auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung hat sich ihre Wirkung nicht verbraucht. Immer noch vermitteln besonders die frühen Werke den Ausdruck innerer Ängste und Zwänge, so unmittelbar und beklemmend, dass auch der zeitgenössische Betrachter, der durch die alltäglichen visuellen Schocks eigentlich abgehärtet ist, ihrer Faszination erliegt. 

Der Besuch des Leopold Museums hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Die Unausgewogenheit der Bestände ist typisch für eine Privatsammlung, die nach individuellen Vorlieben zusammengetragen wurde. Solange eine solche Sammlung privat bleibt, ist das unerheblich. Nun wurde sie aber von der öffentlichen Hand für teures Geld angekauft und ein gleichfalls teures Haus in exponierter Lage darumherum gebaut. Damit sollte der österreichische Staat eigentlich das Recht erworben haben, die Sammlung nach den Massstäben eines öffentlichen Museums zu führen, doch er musste Rudolf Leopold auch noch die künstlerische Leitung auf Lebenszeit einräumen. Deswegen fehlt der Sachverstand des Kunstexperten, deswegen war es nicht möglich, den Sammlungsbestand zu gewichten, die besten Werke auszuwählen und in einem straffen, gut strukturierten Ausstellungskonzept vorzustellen. 

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass das Museum herkömmlichen Typs immer mehr von anderen Formen abgelöst wird, von Mischformen zwischen öffentlicher und privater Trägerschaft bis hin zum reinen Privatmuseum. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Konstruktionen, je nach individueller Ausgangslage. Lothar-Günther Buchheim z.B., der sich vom Freistaat Bayern ein Museum am Starnberger See für seine Expressionistenkollektion bauen liess, errichtete für den Betrieb eine Privatstiftung und legte die künstlerische Leitung in professionelle Hände. Das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig beanspruchte für seine Schenkung hochkarätiger zeitgenössischer Kunst an die Stadt Köln ein eigenes Museum mit professionellem Management aus öffentlichen Mitteln. 

Die neue Dependance des Museums Würth in Schwäbisch Hall ist wie das Stammhaus ein Privatmuseum, wenn auch auf kostenlosem städtischen Grund errichtet. Damit ist es im Grunde aller Verpflichtungen enthoben, die an ein öffentliches Museum gestellt werden müssen. Dennoch herrscht bei der Präsentation der Sammlung kein exaltierter Individualismus vor, sondern Solidität und eine besucherorientierte Darstellung. Das Leopold Museum Wien hingegen ist eine überdimensionierte öffentliche Bühne für die Selbstinszenierung eines privaten Kunstliebhabers, auf Kosten der Steuerzahler. Diese österreichische Variante sollte möglichst nicht Schule machen.


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Dokument erstellt am 26.10.2001