VL Museen

Ausstellungsbesprechung

-


Zeichnung der Statuette
vom Glauberg
(Freia Then, 9 Jahre)

Das Rätsel der Kelten vom Glauberg
Eine Ausstellung des Landes Hessen in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
Römerberg
D-60311 Frankfurt/ Main
24. Mai bis 1. September 2002

Begleitpublikationen:
1.) Das Rätsel der Kelten vom Glauberg. Glaube - Mythos - Wirklichkeit. Herausgegeben von der Hessischen Kultur GmbH. 344 S. mit 377 Abbildungen, davon 200 in Farbe (Stuttgart 2002), brosch. Ausgabe in der Ausstellung Euro 24,90, geb. Lizenzausgabe in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt Euro 24,90, im übrigen Buchhandel bis 31.12.2002 Euro 34,90, danach Euro 39,90. ISBN 3 8062 1592 8.

2.) Max Hollein/ Jörg Füllgrabe (Hgg.), Die Kelten. Legende und Wirklichkeit - Keltenguide für Schüler (Hamm 2002), nur in der Ausstellung erhältliches Begleitheft. 56 S., 92 durchgehend farbige Abb., Euro 7,50.


Rezensiert von 
Rainer Atzbach M.A., Lehrstuhl fuer Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Universität Bamberg 
Email: rainer.atzbach@ggeo.uni-bamberg.de
WWW: http://www.uni-bamberg.de/~ba5am1/

 


Summary:
This exhibition shows the famous grave finds of the "Celtic prince of Glauberg" (discovered in 1996) for the first time. It is focused on the presentation of the late Hallstatt period finds and the monumental Celtic sculpture. In a very dramaturgical way, the guided tour starts with the first antic written sources, than passing an archaeological workshop (with "real" archaeologists) and few aspects of everyday life: salt production in Bad Nauheim, Hessia, and some graves of the prince's people. Finally, the tour leads to the excavations close to the Glauberg itself. After showing the research history, the precious finds from the two "Fürstengräber" are exhibited in presence of nearly all the complexes of principal graves in Central Europe. This is an oppurtinity to study the elaborated art and the widespread relations of the early Celtic culture. One climax is the computer animated reconstruction of the Glauberg burial explaining the way of wearing and location of the finds. In the last room, nearly all of the European Celtic monumental sculptures are assembled, this is very spectacular not only for professional researchers.
It is a pity that neither an English audio guide nor English texts are available - but it is possible to book a guided tour in English or French. Visiting this exhibition is worth for all people who are interested in the Celtic graveyard from Glauberg and its position within the context of late Hallstatt "Fürstengräber". If the visitor is no expert in Celtic culture and history, she or he should watch the introductory films in the cinema close to the entrance.
The catalogue might be of interest only for private or professional researchers in Celtic archaeology, it is written in German without English summary or legends.


Acht Jahre nach Entdeckung des ersten Fürstengrabes vom Glauberg wird dieser Jahrhundertfund - und darum handelt es sich - erstmals fast vollständig der Öffentlichkeit präsentiert. Die Gräber und der heilige Bezirk in der Wetterau bilden folgerichtig den Bezugspunkt aller Sektionen der Ausstellung.

Im Eingangsbereich kommen die antiken Autoren zu Wort: Ihre Charakterisierungen zeichnen - je nach Bedrohungslage - ein eher abschreckendes oder romantisierendes Zerrbild der Barbaren, die zwar nie ein einheitliches Reich etablierten, aber doch als Kultur- oder Sprachgemeinschaft in den letzten acht Jahrhunderten vor Christus weite Teile der Alten Welt von Großbritannien über Italien bis in die heutige Türkei heimsuchten oder besiedelten.

Der benachbarte Filmraum zeigt in etwa 30 min einen runden und gelungenen Überblick zu Geschichte, Kultur und Religion dieses Volkes, aber auch zu den bedeutenden Funden vom Glauberg und von Hochdorf. Die Filme liefern Rahmen und Hintergrund für die Präsentation der Preziosen und sollten gerade von Nichtkennern unbedingt angesehen werden.
Der Gang entlang der Rotunde in der Schirn nährt mit einer Galerie von Röntgenbildern aus dem Fürstengrab die Neugier auf die eigentlichen Funde; auf halber Strecke ist jedoch eine Schauwerkstatt der Archäologie selbst gewidmet: Videos und eine leibhaftige Wissenschaftlerin erläutern an Originalen die Methoden von Fundbergung und Dokumentation unter Nutzung naturwissenschaftlicher Verfahren - als Sonderfall. Denn hier ist auch eindringlich die Rede vom täglichen Wettlauf mit dem Bagger und der allgegenwärtigen Vernichtung der Vergangenheit in Deutschland.

Der anschließende Bereich "Die frühen Kelten in Hessen" wirft ein Streiflicht auf den Alltag: Die Saline von Bad Nauheim, Eisenverarbeitung und Textilherstellung bildeten die Grundlage des Reichtums der Fürsten vom Glauberg. Ihr Volk wird in seinen Grabbeigaben wenigstens andeutungsweise sichtbar. "150 Jahre Forschung am Glauberg" führt zum Thema zurück und dokumentiert die lange und oft glücklose Geschichte der Ausdeutungen und Ausgrabungen am prominenten Tafelberg. In Raum 7 beginnt der eigentliche Kernbereich: "Der zweite Mann im Reich des Fürsten vom Glauberg" lag im so genannten zweiten Fürstengrab. Die Pracht seiner Beigaben gibt einen ersten Eindruck vom Reichtum der Oberschicht und Gelegenheit zur Erläuterung der keltischen Mythologie. Es folgt der erste Höhepunkt der Frankfurter Ausstellung, hier ist der "Prunk der Keltenfürsten" versammelt: fast alle bekannten frühen Fürstengräber der Kelten laden zum Vergleich. Die Inventare spiegeln nicht nur die weitgespannten Beziehungen der Oberschicht, sondern auch die hohe Kunstfertigkeit der einheimischen Handwerker, die aus mediterranen Vorbildern einen eigenständigen und formvollendeten Stil entwickelten. Am Ende dieses Bereichs steht schließlich die "Schatzkammer" des ersten Fürstengrabs vom Glauberg, das 2500 Jahre von Raubgräbern verschont blieb und seine reiche Ausstattung bewahrte: hochwertiger Goldschmuck, reich verzierte Waffen und Speisebeigaben erhielten sich im Grabhügel, der von einem "heiligen Bezirk" mit Tempel und Prozessionsstraße umgeben war. Allein bedauerlich ist die allzu akademische Sprache der Tafeln (die der Audioguide wortreicher wiederholt) und das Fehlen eines beschrifteten (!) Übersichtsplans. Zudem verzichtet die Ausstellung fast bis zu dieser Station auf Rekonstruktionen: denn hier klärt endlich eine ausgesprochen sehenswerte Animation die Trageweise der verschiedenen Schmuckstücke am Leichnam und die Lage der Beigaben im Grab. Den Abschluss und zugleich zweiten Höhepunkt der dramaturgisch inszenierten Ausstellung bildet der letzte Raum des Rundgangs: fast wie in einem "Heiligen Hain" umringen hier nahezu alle bekannten steinernen Großplastiken der keltischen Frühzeit die bekannte Skulptur mit der Laubkrone vom Glauberg, ein gelungenes Arrangement nicht nur für die Augen der Fachleute.

Fazit: Das eigentliche "Rätsel der Kelten" bleibt der Titel der Ausstellung, er folgt offenbar der bedauerlichen Mode, alle Erkenntnisse der Archäologie als "Rätsel", "Mythos" oder "Sensation" präsentieren zu müssen. Davon abgesehen lohnt der Besuch dieser Landesausstellung für alle, die sich ein Bild vom bedeutendsten keltischen Fund in Hessen und seiner Einordnung in die Gruppe der mitteleuropäischen Fürstengräber des 6.-5. Jahrhunderts v. Chr. machen wollen.

2. Die Begleitpublikationen

2.1 Der Katalog

Der Aufsatzteil behandelt die frühen Kelten in Hessen und Mitteleuropa. Im Mittelpunkt steht die Einordnung der Funde vom Fuße des Glaubergs, wobei auch die Schilderung von Bergung und Restaurierung der Objekte nicht zu kurz kommt. Die zentralen Aufsätze von O.-H. Frey (S. 172-218) zu den Beigaben und den Statuen sind nicht nur für die Forschung von bleibendem Wert. Leider erscheint dagegen der eigentliche Hauptschauplatz, das seit dem Neolithikum besiedelte Plateau des Glaubergs als Fürstensitz, merkwürdig schemenhaft. Obwohl 1933-39 und wiederum 1985-98 Ausgrabungen auf diesem Areal stattfanden - die Entdeckung der Fürstengräber zu seinen Füßen war nur ein Nebenprodukt! -, fehlen Ausführungen zu deren Ergebnissen ebenso wie ein aktueller Gesamtplan (stattdessen Reprint des Grabungsberichts von 1959: S. 82-89). Hier muss weiterhin auf das Führungsheftchen (Archäologische Denkmäler in Hessen 51) und die Website des Heimatvereins zurückgegriffen werden (http://www.keltenfuerst.de).
Eine wertvolle Ergänzung zur Ausstellung bilden die Abhandlungen zu Geschichte, Siedlung, Landwirtschaft und Herrschaft, die das Gesamtphänomen der "Fürstenherrschaft" am Ende der Hallstattzeit in einen größeren Zusammenhang stellen. Ein eigener kurzer Abschnitt ist der neu eröffneten "Keltenstraße" in Hessen gewidmet, die neben dem Glauberg auch die anderen bedeutenden Fundorte (Oberursel, Friedberg, Bad Nauheim, Butzbach, Dünsberg und Büdingen) zur Kultur und Geschichte der Kelten mit Museen und Informationstafeln erschließt, auch wenn ein Faltblatt als Reisebegleiter sicherlich handlicher wäre (Website: http://www.keltenstrasse.de).
Der Katalogteil folgt in seinem Aufbau nicht der Ausstellung, sondern stellt die Glaubergfunde den Vergleichsbeispielen voran. Hier ist sehr ärgerlich, dass nicht alle Objekte bebildert sind und Farbaufnahmen den Glaubergfunden vorbehalten bleiben. Einmal mehr fehlt auf den Abbildungen eine Binnenbeschriftung und durchgehend der Maßstab.
Insgesamt gesehen vermittelt der Katalogband ein differenzierteres Bild der Zeit der "Fürstengräber"; die Anschaffung - gerade vor dem Hintergrund des Preises - lohnt vor allem für jene, die als Hobby oder beruflich in der Keltenforschung tätig sind.

2.2 Keltenguide für Schüler

Als Eigenproduktion der Kunsthalle Schirn entstand ein Begleitheft, das sich eigentlich an Schüler wendet. Der reich und durchgehend farbig illustrierte Text ist flüssig geschrieben und verrät die journalistische Erfahrung der Autoren. Dennoch bietet er in komprimierter Form einen guten und facettenreichen Überblick über Kultur und Alltag der Kelten. Er streift die nur archäologisch fassbaren Vorkulturen, legt aber klar den Schwerpunkt auf die Fürstengräber und die Zeit der historisch bezeugten Gallier, Keltoi und Galater, ohne dass ein Ausblick zum Ende der Festlandkelten mit der römischen bzw. germanischen Eroberung fehlt. Der anschauliche Einsatz wissenschaftlich abgesicherter Rekonstruktionen belebt gelungen die Objekte der Ausstellung, zugleich ermöglicht ein gut bestücktes Literaturverzeichnis auch vertiefende Studien. Deshalb eignet sich diese Schrift nicht nur als Lehrmaterial für den Unterricht, sondern ist durchaus auch eine gewinnbringende Lektüre für alle Besucher der Ausstellung.


© VL Museen
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 29.6.2002