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Ausstellungsbesprechung

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Europas Mitte um 1000 
Ein deutsch - polnisch - slowakisch - tschechisch - ungarisches Ausstellungsprojekt [= 27. Europaratsausstellung] 
Reiss-Museum Mannheim / DE 
7. Oktober 2001 - 27. Januar 2002 
WWW: <http://www.mannheim.de/reiss_museum/em1000/index.html

Rezensiert von 
Rainer Atzbach M.A.
E-Mail: <rainer.atzbach@ggeo.uni-bamberg.de
Lehrstuhl fuer Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Universität Bamberg 
WWW: <http://www.uni-bamberg.de/~ba5am1/home.htm>

Begleitpublikation (nur geschlossen beziehbar): 
1) Wieczorek, Alfried / Hinz, Hans-Martin (Hg.): Europas Mitte um 1000. Stuttgart: Theiss 2000 [= Katalog zur Ausstellung] 
2) Wieczorek, Alfried / Hinz, Hans-Martin (Hg.): Europas Mitte um 1000. Handbuch zur Ausstellung, Band 1 und 2. Stuttgart: Theiss 2000 [Bibl. Angaben: Drei Baende, zus. 1545 S., Kunstdruck mit etwa 2000 meist farb. Abb., Format 24,5 x 30 cm. 
Die broschierte Ausgabe ist direkt im Museumsshop (ISBN 3-8062-1544-8), eine gebundene Lizenzausgabe bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erhältlich (ISBN 3-8062-1544-6, WBG-Bestnr. B -15098-8). Beide Ausgaben je DM 149,00 / EUR 76,18] 


Gliederung der Rezension: 

1. Die Ausstellung 
2. Die Begleitpublikation 
2.1 Der Katalog 
2.2 Das Handbuch zur Ausstellung 

1. Die Ausstellung 

Von der Theiss bis an die Memel reicht Europas Mitte. Das ist Thema und politischer Auftrag der 27. Europaratsausstellung. Den Einstieg in die erste von drei Zonen bildet "Das 19. Jahrhundert: Mythen der Völker". Historiengemälde aus dem 19. Jahrhundert illustrieren die Bedeutung der um 1000 wirkenden Heiligen und Herrscher für das historische Selbstverständnis der beteiligten Nationen. Diese Männer gestalteten den Wandel der zunächst heidnischen Slawen und Ungarn zu Bewohnern des christlichen Abendlandes. "Die Antike: Vorbild für die Herrscher", ist etwas irreführend betitelt, hier wird die doppelte Leistung der christlichen Kirche für die abendländische Kultur geschildert. Sie vermittelte nicht nur Teile des antiken Wissens für das Mittelalter, sondern durchdrang auch alle Lebensbereiche. So zeigt die Macrobius-Karte Rom als Zentrum der Welt und die begabtesten Künstler gestalteten Evangeliare. Das Christentum prägt auch "Die Vision des Kaisers: renovatio imperii romanorum" unter Otto III: die slawischen und ungarischen Herrscher wurden als gleichwertige Mitglieder in die Familie des christlichen Kaiserreiches aufgenommen. Hierzu ist die erläuternde Präsentation des Liuthar-Evangeliars ein Glanzlicht der Ausstellung. 

Die um 1000 auf der Reichenau entstandene Prachthandschrift wird mit einer Ton- und Lichtinstallation im doppelten Sinne einleuchtend erklärt. In dieser ersten Zone entschärfen die erfreulich lockere Anordnung der Exponate und die prägnanten Kurztexte die sonst gefürchtete "Flachware" aus Gemälden und Handschriften. Die im Eintrittspreis enthaltene Hörführung erübrigt sich allerdings, da sie hier und auch später im Wesentlichen nur die Objektbeschriftungen wiederholt. Die zweite Zone stützt sich überwiegend auf archäologische Ausgrabungsergebnisse. Sie führt zunächst in "Die Realität des Alltags: Lebenswelt um 1000". Originalfunde illustrieren Landwirtschaft, Handwerk und den Handel vor Beginn der Mission. Durch den Fernhandel ergaben sich erste Kontakte zu den christlichen Reichen: so fanden hochwertige Goldohrringe aus byzantinischen Werkstätten, rheinische Schwerter und arabische Münzen den Weg tief in eine fremde Welt. Nicht Bernstein oder Felle waren das wertvollste Exportgut der "terra Sclavorum", sondern Sklaven - unser Wort leitet sich von "Slawe" ab. "Alte Götter gegen ottonische Mission" schildert die heidnische Glaubenswelt anhand von Kultbildern und einer (bei Rez. nicht funktionsfähigen) Animation - sehenswert: die grosse Stele von Zbrucz bei Husjatyn. Das Gegengewicht bildet die ideelle und materielle Ausstattung der Missionsbischöfe. Die Exponate reichen vom Dekret Burchards von Worms bis zur Willigiskasel. "Slawen und Ungarn: neue Reiche entstehen" und "Das Vorbild Grossmähren" beschreiben die Ausbildung neuer Herrschaftsformen im Vorfeld des lateinischen Kaiserreichs. 

Die auffälligsten Relikte dieser Phase sind charakteristische Holz-Erde-Wallburgen. Ihre Herren gehörten zur Oberschicht, die im Fundgut durch die herausgehobene Bewaffnung der Männer (importierte Schwerter, Helme und Kettenhemden) ebenso hervortritt wie durch den aufwändigen Schmuck der Frauen (Ohrringe, Halsketten, Schläfenringe). Gerade diese Oberschicht orientierte sich an der Kultur der christlichen Reiche und öffnete ihre Herrschaften für die Mission. Dies führte zu einem erbitterten Wettstreit zwischen lateinischer und griechischer Kirche. Vor den Augen der bayerischen Bistümer konnten die Missionare Kyrill und Method das Mährische Reich bekehren, weil sie die Liturgie in slawischer Sprache und der eigens dafür adaptierten griechisch-kyrillischen Schrift übten. Die überbordende Menge der Metallfunde zeigt zwar, wie ähnlich die Ausstattung der Oberschicht war, überfordert in ihrer Fülle aber den Laien - diese Zone erschliesst sich nur in einer Führung. Noch bedauerlicher ist hier, dass auf die Herkunft zahlreicher Funde aus dem byzantinischen Raum nicht näher eingegangen wird. Einmal mehr wird die enorme Vorbildwirkung des oströmischen Reiches, immerhin die bedeutendste europäische Macht um 1000, tot geschwiegen. 

Die dritte Zone widmet sich der Akkulturationsphase der nun christlichen Herrschaften "Ein neues Selbstbewusstsein: Vielfalt und Gemeinsamkeit". Die christliche Oberschicht versippte sich durch Heiraten, aber auch mit den etablierten christlichen Mächten im Westen und Süden. So bildeten sich zukunftsträchtige Adelsherrschaften, in Polen die Piasten, in Böhmen die Premysliden und in Ungarn die Arpaden. Unter ihnen vollzieht sich der Paradigmenwechsel vom heidnischen Krieger zum christlichen Burgmann. Besondere Blickfänge sind die detailreichen Modelle der polnischen Burgen und Kirchen von Gnesen-Gniezno und Krakau-Kaków. Den Ausklang der Präsentation bilden vier Zellen, die die wichtigsten Herrscherhäuser mit ihren Insignien betrachten - die deutsche Kaiserkrone, der böhmische Wenzelshut, die polnische heilige Lanze und die Stephanskrone. Leider sind nur Kopien der Insignien zu sehen, deren Präsentation durch eine hellere Ausleuchtung überzeugen könnte. Fazit: Die Mannheimer Station Ausstellung erfüllt ihren Auftrag, den Weg von Slawen und Ungarn um das Jahr 1000 in die Familie des christilichen Abendlandes zu zeigen. Während die prächtigen Handschriften und die Insignien in der ersten und dritten Zone sehr ansprechend aufbereitet sind, ist der Mittelbereich - in dem archäologische Funde dominieren - nur ungenügend erschlossen. Wer sich also nicht nur für die Zeichen des Glaubens und der Herrschaft interessiert, sondern auch für den Alltag der Bauern, Händler und Adligen, dem sei die Teilnahme an einer Führung empfohlen. 

2. Die Begleitpublikation 

2.1 Der Katalog 

Der Katalog ist als Begleitband zu allen sechs Ausstellungsstationen konzipiert. Dies ist ein klarer Gewinn, da er nicht nur die Mannheimer, sondern alle Exponate der Wanderausstellung zeigt. Das jeweilige Spektrum der Objekte variiert erheblich, daraus ergibt sich, dass der Katalog eine eigene Gliederung besitzt: Moderne Nationen und ihre Vergangenheitsbilder - Antikes Erbe und christliche Tradition - Slawen und Ungarn (Leben und Handel) - Slawen (angestammte Herrschaft) - Die Formierung der Mitte Europas (Akkulturationsphase) - Böhmen - Ungarn - Polen - Ottonische Politik in der Mitte Europas (Mission und renovatio des Römischen Reiches) - Nationen in Europas Mitte (das neue Erbe). Sehr erfreulich sind die qualitätvollen und vor allem grossformatigen Abbildungen, die den Band nicht nur zum Augenschmaus, sondern auch zu einer wissenschaftlich verwendbaren Materialübersicht machen. Die einzelnen Objektbeschreibungen sind naturgemäss und berechtigt kurz gehalten, dennoch wäre durchaus Raum für etwas ausführlichere Einführungen gewesen - oder zumindest den Hinweis auf weiterführende Literatur. Ersatzweise sei hier wenigstens eine Auswahl neuerer Übersichten genannt: J. Herrmann (Hg.), Die Welt der Slawen (München 1986); H.W. Böhme u.a. (Hg.), Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch (Stuttgart 1999) und - erst nach dem Katalog erschienen - : S. Brather, Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Berlin 2001), W. Jahn (Hg.), Bayern - Ungarn tausend Jahre. Katalog und Begleitheft zur Bayerischen Landesausstellung 2001 (Passau 2001). 

2.2 Das Handbuch zur Ausstellung 

Die Gliederung der Aufsatzsammlung lehnt sich an den Katalog an: Moderne Nationen und ihre Vergangenheitsbilder - Antikes Erbe und christliche Tradition - Slawen und Ungarn in Europas Mitte:Landschaft, Siedlung, Wirtschaft, Kommunikation, Ungarn im Kontakt mit Byzanz und dem römisch-lateinischen Imperium, Die Westslawen, Mährisches Reich - Die Formierung Europas: Böhmen, Polen, Ungarn, Heidnische Reaktion (Slawen an Elbe und Ostsee), Ottonische Politik in der Mitte Europas, Otto III. und die Erneuerung des Römerreiches - Neues Erbe: Nationen in Europas Mitte, Kulturelle Gemeinsamkeiten, Kulturelle Vielfalt und nationale Identität - Ausblick. Unter diesen Rubriken versammeln sich insgesamt fast 200 Aufsätze international renommierter Fachautoren zu archäologischen, kunstgeschichtlichen und historischen Fragestellungen. Diese grosse Zahl der Abhandlungen bedingt zugleich die Kürze des Einzelaufsatzes: drei bis fünf Druckseiten sind die Regel. Dies mag den Experten dauern, aber auch der interessierte Laie ist über die Kompression zum Teil hochspezialisierter Forschungsergebnisse nicht immer erfreut. Wertvoll ist die Aufsatzsammlung in jedem Fall für die oder den Fachwissenschaftler/in mit Forschungsschwerpunkt im Bereich der Ausstellungsthematik: wie heutzutage insbesondere in der Archäologie (leider?) üblich, bietet der Doppelband einen facettenreichen und guten Überblick zur aktuellen Forschungsdiskussion. 

Wenn die Begleitbände jedoch als informatives Sachbuch gedacht waren, so wäre eine journalistische Überarbeitung der Beiträge dringend wünschenswert gewesen. Gerade dieser Umstand macht es bedauerlich, dass Katalog und Begleitschrift nur en bloc erhältlich sind. Der doch erhebliche Gesamtpreis wird so manche am Erwerb der Trilogie hindern, obwohl es sich um hochwertige Veröffentlichungen handelt, die jede für sich Bestand haben werden.


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Dokument erstellt am 29.11.2001