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Ausstellungsbesprechung

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Das Gold der Barbarenfürsten. 
Schätze aus Prunkgräbern des 5. Jahrhunderts n. Chr. zwischen Kaukasus und Gallien

Mannheim, Reiss-Museum
11. Februar bis 4. Juni 2001

Katalog:
Das Gold der Barbarenfürsten. Schätze aus Prunkgräbern des 5. Jahrhunderts n. Chr. zwischen Kaukasus und Gallien. Herausgegeben von Alfried Wieczorek und Patrick Périn, Stuttgart: Theiss, 2001. ISBN 3 8062 1558 8. 184 Seiten mit ca. 240 meist farbigen Abbildungen, Karten und Plänen. 21 x 29,7 cm. Gebunden mit Schutzumschlag.
Subskriptionspreis bis zum 31.12.2001: DM 49,80 (danach: DM 64,00)
Eine gebundene Lizenzausgabe ist zu demselben Preis bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erhältlich

Webangebot:
http://www.mannheim.de/reiss_museum/ausstellungen/barbarengold/barbarengold.htm

Rezensiert von
Rainer Atzbach,
Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Universität Bamberg


Die Ausstellung 

Alles ist Gold, was glänzt. Dies gilt ausnahmsweise in der laufenden Sonderausstellung des Reiss-Museums Mannheim. Gezeigt werden die prachtvollsten Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit, als sich im Spannungsfeld zwischen Rom und dem Hunnenreich germanische Herrschaften etablierten. Sie standen im Dienste beider Mächte - und zögerten nicht, bei Bedarf die Fronten zu wechseln. Ihre Treue ließen sie sich deshalb in Gold aufwiegen, das auch in die reichhaltigen Grabausstattungen ihrer Oberschicht gelangte.

Der Rundgang beginnt mit den ältesten Fürstengräbern des 3. und 4. Jahrhunderts, die bereits die neue Verbindung germanischer, griechisch-römischer und irano-asiatischer Elemente erkennen lassen. Den zweiten Abschnitt bildet die Darstellung der mit den Römern verbündeten Völker. Dort finden sich nicht nur die reichen Grabausstattungen von Lébény-Magasmart, Untersiebenbrunn und Fürst, sondern auch ausgewählte Seiten der "Notitia Dignitatum". Dies ist ein wohl im ausgehenden 4. Jahrhundert entstandener, reich illuminierter "Almanach" zur römischen Verwaltungs- und Militärstruktur, der nur als spätmittelalterliche Kopie überliefert ist. Sie wird in sehenswerten großformatigen Reproduktionen auf Fahnen gezeigt. Eine weitere Gruppe bilden die stark reiternomadisch geprägten Gräber von der östlichen Grenze des Römischen Reiches. Besonders ist hier auf die Bestattung von Brut aus dem Kaukasus hinzuweisen. Sie enthält ein wahrhaft atemberaubend mit Goldblech verziertes Langschwert, das eines Samurais würdig wäre. Der Hauptteil der Ausstellung schließlich ist dem archäologischen "Who-is-Who" des fünften Jahrhunderts gewidmet: hier laden die prunkvollen Grabbeigaben des Frankenkönigs Childerich, der "Fürsten" von Pouan, Apahida I-III, Blucina-Cézavyj, Gültlingen und der Schatzfund von Cluj-Someseni zum unmittelbaren Vergleich. Sie enthalten durchgehend Spitzenprodukte des spätantiken Kunsthandwerks.

Gerade diese Gelegenheit zum direkten Vergleich führt eindrucksvoll vor Augen, dass das 5. Jahrhundert nicht nur aus bärtigen Männern (Barbaren) auf struppigen Pferden bestand, die mehr oder minder eindringlich für die Völkerwanderung sammelten. Gleichzeitig bildete sich vielmehr an der römischen Nord- und Ostgrenze eine neue europäische Kultur aus. Ihre Führungselite bot vom Kaukasus bis nach Frankreich hinein ein überraschend uniformes Erscheinungsbild. Bei aller lokalen Varianz, die mal eher germanisch, mal eher reiternomadisch augeprägt war, ist deutlich eine gemeinsame Mode zu erkennen: Die Männer trugen goldene Hiebschwerter, Armreifen sowie römische Rangabzeichen (Zwiebelknopffibeln) und ritten auf reich geschmückten Pferden, die Frauen besaßen silberne und goldene Fibeln, Ohrringe und raffinierte Accessoires.

Die Gestaltung der Ausstellung setzt zu Recht und absolut gelungen auf die Wirkung der erlesenen Exponate. Dagegen sind Dekoration und Design der Präsentation erfreulich zurückhaltend gestaltet, die Beschriftung ist klar und einfach. Neben dem hohen künstlerischen und materiellen Wert der Objekte wirkt jede Kritik kleinlich: für den Laien wären deutlichere Rekonstruktionszeichnungen zur Funktion und Trageweise hilfreich, auch die Nummerierung der Objekte erweist sich als sehr sperrig. Wünschenswert wären auch Erläuterungen zur Herstellungstechnik gewesen, die über die knappen Texte hinausgehen - hierzu sei auf die Publikation von Helmut Roth: Kunst und Handwerk im Frühmittelalter, Stuttgart 1986 verwiesen.

Der Katalog 

Der reich bebilderte Begleitband gliedert sich in einen Aufsatz- und einen Katalogteil. Schon die Zusammensetzung des Autor/inn/enteams ist vielversprechend: Es konnten neben Weiteren mit Ursula Koch, Jaroslav Tejral und Patrick Périn gleich drei Größen der archäologischen Frühmittelalterforschung gewonnen werden. Da jedoch auf knapp 80 Seiten über 30 Völker und Kulturgruppen behandelt werden, bleiben die Einzeldarstellungen notgedrungen sehr knapp, was leider auch für die bibliographischen Verweise gilt. Hier fehlt z.B.- wohl in falscher Bescheidenheit - jeder Hinweis auf den "Franken"-Katalog des eigenen Hauses [A. Wieczorek u.a. (Hg.): Die Franken. Wegbereiter Europas, Mainz 1991]. Im Gegensatz zu diesem sehr aufwändigen Werk ist die Aufsatzsammlung des vorliegenden Bandes weniger als Beitrag zur laufenden Forschung denn als lexikalische Übersicht zur archäologisch-historischen Situation des 5. Jahrhunderts angelegt. Hier wäre allerdings gerade wegen der gebotenen Kürze ein durchgehender Fließtext aus einem Guss hilfreicher gewesen. Erfreulich ist dagegen der detaillierte Katalogteil, der fast alle (!!!) Exponate und in guter Qualität abbildet. Dies muss zwar einerseits zu teilweise briefmarkengroßen Illustrationen führen, vermeidet aber andererseits gelungen die Unsitte der "blinden" Einträge vieler Katalogbände. Leider fehlt bei fast allen Bildern eine Binnenbeschriftung, so dass die Identifikation der Objekte etwas mühsam ist, hier hinkt das Layout dem Stand der Bildbearbeitungstechnik deutlich hinterher.

Fazit: Der Erwerb des Katalogs ist für Leser mit Vorkenntnissen sinnvoll, die einen Gesamtüberblick über das Inventar der Prunkgräber gewinnen wollen. Der Ausstellungsbesuch sei dagegen nachdrücklich allen empfohlen, die sich für das Frühmittelalter interessieren - aber auch all jenen, die schlicht den Lockruf des Goldes hören!


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Dokument erstellt am 31
.3.2001