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Ausstellungsbesprechung

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Bavaria-Germania-Europa Bavaria - Germania - Europa. Geschichte auf Bayerisch
Bayerische Landesausstellung 2000 in Regensburg

Historisches Museum im ehem. Minoritenkloster, Dachauplatz 2-4
Reichstagsmuseum im Alten Rathaus, Neue Waag Gasse
18. Mai bis 29. Oktober 2000

Rezensiert für VL Museen von
Rainer Atzbach
Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
Universität Bamberg

Homepage:
http://www.kultur2000.bayern.de/c.htm
http://www.bayern.de/HDBG/bavaria/

Katalog brosch. DM 24,-, geb. DM 45,-.


In Bayern gingen die Uhren anders - zumindest bis zur Einführung der Mitteleuropäischen Zeit 1893. Dies dokumentiert der Eingangsbereich zur Landesausstellung in Regensburg, die 2015 Jahre Geschichte in Bayern unter der Fragestellung "Was ist bayerisch?" zeigen soll. Die beiden Standorte sind räumlich, konzeptionell und inhaltlich klar getrennt (beim Auffinden hilft der Stadtplan http://www.regensburg.de/karte/index.htm):

Im Historischen Museum wird Bayern in seinem geschichtlichen Werden, aber auch mit all seinen Klischees gezeigt. Es handelt sich um keine wie üblich strukturiert-belehrende Ausstellung, sondern um ein gewagtes didaktisches Experiment: die Besuchenden werden, unterstützt nur von knappen Einleitungstexten, mit insgesamt zwölf Themengruppen von "Land und Leute" über "Krieg und Frieden" bis zu "Technik und Wissenschaft" zur selbständigen Reflexion allein gelassen. Weil sich hier zu viel Schönes (Handschrift der Carmina Burana), Kurioses (Stopselclub), Unerwartetes (Heisenbergs Uranexperimente in Haigerloch) und Informatives (Regionales Verhalten bei Parlamentswahlen) findet, ist eine aufmerksame Besichtigung aller Objekte schlechterdings unmöglich. Schade ist, dass die oft spannungsreichen Kombinationen in der Gesamtcollage sehr an Wirkung verlieren, hier wäre weniger wirklich mehr.

Der Ausstellungsteil im Reichstagsmuseum folgt dagegen einem konventionelleren Konzept. Der Schwerpunkt liegt klar auf dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in all seinen Aspekten vom Reichsgebiet bis zum Kaisertum. Aus der Überfülle stechen hochrangige Einzelobjekte heraus, allen voran das selten gezeigte Reichskreuz Rudolfs von Schwaben. Sehr erfrischend sind die augenzwinkernden Bezüge auf die Gegenwart (Handytastatur am Dach der Postkutsche). Obwohl eine deutlichere Aufbereitung des Rundgangs wünschenswert wäre, ergibt sich ein guter Überblick über die vielfältige Gestalt des ersten Reiches und sein Nachwirken bis in die Gegenwart. Den Ausklang der Landesausstellung bilden sehenswerte Allegorien der Bavaria, Germania und Europa, die eine eigene Ausstellung wert wären und die verbindende Klammer zum anderen Standort bilden sollen.

Der im Titel angeführte Themenschwerpunkt Europa fehlt überraschender Weise: etwas bemüht wird das Heilige Römische Reich als Vorläufer der europäischen Union gedeutet, die angekündigte "europäische Infobörse" war beim Besuch des Rez. (24.6.0) noch im Aufbau, die zugehörige erläuternde Tastschirmpräsentation ist für den Unkundigen kaum zu bedienen.

Fazit:
Der Ausstellungstitel ist irreführend, treffender wäre "Bayernbild und Reichsgestalt", wobei offen bleibt, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Fraglich ist auch, an wen sich die Landesausstellung richtet: der Laie vermisst die Anleitung, der Fachmann (für welches Segment auch immer) die Auswahl. Als Entscheidungshilfe sei geraten: Wer Freude hat am assoziativen Nachdenken über Bayern, gehe ins Historische Museum. Wer sich über das erste Reich informieren möchte, lasse sich durch den Ausstellungsteil im Reichstagsmuseum führen (!). Wer beides mag, versuche das nicht in einem Durchgang, das überfordert auch erprobte Museumsbesucher.


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Dokument erstellt am 30.6.2000